Die Zeit der Predigten ist vorbei

Kommentar | Eric Frey, 4. Dezember 2011, 18:06

Neue Budgetregeln können den Euro nicht retten, aber den Weg für Hilfe ebnen

Eltern sind mit dem Problem gut vertraut: Wenn Kinder aus eigenem Verschulden in Schwierigkeiten geraten, soll man schimpfen oder helfen? Wohl stehen Eltern bei echten Gefahren ihren Sprösslingen bei, aber meist wollen sie auch, dass diese etwas daraus lernen und sich nicht daran gewöhnen, dass andere ihnen aus der Patsche helfen.

Es ist dieses Dilemma, das den monatelangen Schlingerkurs der deutsche Regierung in der Eurokrise erklärt. Angela Merkel spielt die strenge Mutti, die ihren ungehorsamen Kindern in Südeuropa endlich gutes Benehmen beibringen will.

Und das mit gutem Grund: Die Mischung aus ungebremsten Staatsausgaben, überzogenen Lohnzuwächsen und steigender Verschuldung hat nicht nur den "Club Med", sondern die gesamte Eurozone an den Rand des Ruins gebracht. Hilfe ohne Verpflichtung zum Kurswechsel wäre eine Einladung zum Weitermachen, der berüchtigte "moral hazard".

Aber das ewige deutsche Pochen auf eine bessere Budget- und Wirtschaftspolitik, die Merkel mit einer strengen Fiskalunion in der Eurozone gesichert sehen will, nützt in der jetzigen Lage nur wenig. Selbst wenn es gelingt, die notwendigen Vertragsänderungen rasch durchzudrücken, werden noch Monate vergehen, bis die neuen Budgetregeln in Kraft sind. Und ob sie die erhoffte Wirkung tatsächlich erzielen, wird man erst viele Jahre später wissen.

So lange hat die Eurozone nicht Zeit. Sie liegt blutend auf der Straße - da sind elterliche Predigten über richtiges Verhalten im Straßenverkehr fehl am Platz. Die Anleger in Euro-Staatsanleihen haben in den vergangenen Wochen den Schuldnerstaaten das Vertrauen entzogen - nicht, weil sich die wirtschaftliche Lage dieser Länder geändert hat, sondern weil sie fürchten, dass auch andere Investoren diesen Papieren nicht mehr vertrauen. Daher steigen die Zinsen, was die Budgets weiter belastet. Und auch Sparprogramme verschärfen die Krise, da ein Konjunktureinbruch die Schuldenberge nur weiter wachsen lässt. Es ist ein klassischer "bank run", der die Staatsschulden von Italien und Spanien, zuletzt sogar von Frankreich und Österreich erfasst hat.

Selbst eine grundsätzliche Einigung auf eine der Varianten für Eurobonds würde diese Krise nicht beenden. Denn auch dann bleiben Zweifel, ob Länder wie Deutschland und Österreich für die Schulden ihrer Partnerländer eintreten werden.

Letztlich ist es nur die Europäische Zentralbank, die als "lender of last resort" durch den unbegrenzten Aufkauf von Staatsanleihen die Panik beenden kann. Dass deutsche Volkswirte und Politiker - und ihnen nachäffend auch Finanzministerin Maria Fekter - diesen Ausweg mit dem Totschlagargument Inflationsgefahr so dezidiert ablehnen, ist viel schlimmer als das breite Nein zu Eurobonds.

Ob die Ampel für die EZB auf Grün gestellt wird, ist die entscheidende Frage beim heutigen Treffen zwischen Merkel und Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy wie auch beim kommenden EU-Gipfel. Vielleicht geben klare Zusagen für eine neue Fiskalunion Merkel genügend innenpolitische Deckung, damit sie trotz der Skepsis ihrer Landsleute Interventionen der EZB zulassen kann. Vor allem Italiens Premier Mario Monti legt eine Tugendhaftigkeit an den Tag, die selbst strenge Erzieher beeindrucken müsste. Die Standpauken haben gewirkt - jetzt ist die Zeit zum Helfen gekommen. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 5.12.2011)

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Posting 1 bis 25 von 70
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stefon
00
8.12.2011, 10:26
Vertrauen wir unseren deutschen Eltern…

Wenn es nach Eric Frey und Hans Rauscher geht, trifft das besonders dann zu, wenn der Vater/die Mutter „Deutschland“ heisst.

Hier wird das Bild vermittelt: Deutschland als Wirtschaftsmotor der EU hat das Gemeinwohl im Sinn. Auch wenn „Nachsitzen“, „etwas sparen“, usw usf etwas unangenehm sein mag, es ist doch nur damit es uns bald wieder besser geht. Tough Love quasi.

Wer so argumentiert, so schreibt und berichtet, der oder die lässt folgendes gleich aussen vor: Die Staaten (egal ob Deutschland, Frankreich oder Griechenland) stehen zueinander in Konkurrenz. Wer mehr exportiert, bekommt mehr Devisen. Wer eine stärkere Wirtschaft hat, der hat mehr zu sagen.

http://wutimbauch.wordpress.com/2011/12/0... en-eltern/

the world is flat
01
5.12.2011, 17:32
EZB: welche Zentralbank?

Es ist viel schlimmer als man denkt. Das E"zentral"bank-System ist/war immer im Argen.
De facto können die regionalen Zentral(!)banken, wie z.B. die ÖNB, ungehindert Reginonaldefizite finanzieren. Was im Spez Italien und die anderen PIGS auch gemacht haben. DE hat nun 440 Mrd Euro Guthaben über das Finanzausgleichssystem (TARGET) bei der EZB (= wir alle), die aber nur dann etwas wert sind, wenn die PIGS im Euro bleiben.
Die EZB hat das bis vor Kurzem das Problem gar nicht gekannt (wollte es nicht wissen) trotz Hinweise aus 2001 (o.Steiger). Merkel kann gar nicht anders als klein beigeben. 440 Mrd sind auch für DE keine Kleinigkeit. Q: Sinn/Wollmershaeuser, NBER WP 17626

1116er
11
5.12.2011, 16:22
es wird schön langsam tragikomisch.

"Die Anleger in Euro-Staatsanleihen haben in den vergangenen Wochen den Schuldnerstaaten das Vertrauen entzogen - nicht, weil sich die wirtschaftliche Lage dieser Länder geändert hat, sondern weil sie fürchten, dass auch andere Investoren diesen Papieren nicht mehr vertrauen."

und dieses kurz- bzw mittelfristige problem soll ein problem sein?
der mensch hat es bis auf den mond und zurück geschafft und so etwas lächerliches SOLL EIN PROBLEM SEIN?

für eine gage von 5 euro 40 cent sauge doch sogar ich mir innerhalb von 2 minuten eine lösung für diese banalität aus den fingern!

her wig
00
5.12.2011, 17:40

Schade dass solche Kapazunder wie Sie im wirklichen Leben nichts zu sagen haben.

Andreas Prucha
00
5.12.2011, 17:02

Klar ist das ein Problem. Es nennt sich "Markt". Da wird nämlich oft nicht anhand von Fundamentalwerten entschieden, sondern anhand der Einschätzung wie Andere agieren könnten. Deswegen gibts auch immer wieder Blasen: Solangs raufgeht wird gekauft in der Annahme, dass jemand Anderer einem selbst das Zeugs um noch mehr abkauft. Wenns runter geht, passiert das Gleiche: Es wird verkauft, in der Annahme, dass morgen noch weniger wert ist. Das alles ganz unabhängig von irgendwelchen fundamentalen Daten. Seltsamerweise predigt der Frey aber sonst den Markt als Heilsbringer.

1116er
00
5.12.2011, 17:15
Klar ist das ein Problem. Es nennt sich "Markt"

dann geben wir dem kind seinen richtigen namen:
marktversagen, manipulierter markt oder markt voll mit a-löchern!

wenn etwas nicht korrekt funktioniert, dann repariert man es!
DAS hat sogar tom hanks in apollo 13 hinbekommen.

Andreas Prucha
01
5.12.2011, 20:44

Dafür müsste man aber haufenweise Dogmen über Bord werfen.

ino
01
5.12.2011, 12:09
erfreulich

dass man einem frey kommentar auch mal zustimmen kann.

Moralapostel
 
04
5.12.2011, 11:14
Ammenmaerchen Inflationsgefahr

Abgesehen von meiner zuvor geposteten Kritik haben Sie freilich Recht, Herr Frey. Ich hielte es aber auch wichtig die oft geaeusserten Inflationsaengste zu nehmen.
1. Der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation ist schwach und langsam (Verzoegerung von 3-5 Jahre!)
2. Die derzeitig "gedruckte" Geldmenge geht nur in die Liquiditaetskassen (der Banken), d.h. sie wird nicht kaufkraftwirksam.
3. Ist im Laufe der Finanzkrise mindestens soviel "Buchgeld" weggescholzen (siehe Aktienkurse, etc.) wie EZB, Fed & Co ihre Bilanzen aufgeblaeht haben.
4. Steht die Wirtschaft am Rande einer Rezession, da senken die Unternehmen ihre Preise.
5. Die derzeitige Inflation kam nur von aussen, doch die Oel- und Rohstoffpreise stabilisieren sich.

Peter_23
01
5.12.2011, 12:46
Leider sind alle fünf Punkte von Ihnen argumentativ falsch und decken sich nicht mit den Vorgängen die in der Realtät zu beobachten sind.

Schade.

So daneben zu liegen, ist aber auch schon irgendwie eine Kunst. Dafür gibt's von mir grün.

Moralapostel
 
00
5.12.2011, 15:30
Danke,...

fuer das Stricherl, nur schade, dass Sie ihre Argumente nicht vorbringen.

Peter_23
01
5.12.2011, 16:06
.

1. Inflation ist als Steigerung der Geldmenge definiert. Sie verwechseln der Verbraucherpreise(index) mit Inflationsrate. Siehe beliebiges VWL-Lehrbuch.
2. Sie wird zwischen den Banken bzw. bankähnlichen Vehikeln "kaufkraftwirksam". Siehe aktuell die EZB Anleihekäufe (indirekt, Sekundärmarkt).
3. Geld ist gleich negative Schulden. Wenn Geld "wegschmilzt", kann das nur durch Tilgung von Krediten geschehen. Gerade im Verlauf der F-Krise werden kaum noch Kredite getilgt, die Geldmenge (und somit die Schuldenmenge) wächst weiter exponentiell.
4. Die Unternehmen senken keine Preise, Preise steigen. Gehen Sie einen Supermarkt und vergleichen Sie die mitteleren Preise vor einem Jahr und heute.
5.Öl/comm. werden nur durch Spekulationen gepusht

Andreas Prucha
00
5.12.2011, 17:19

1. Derzeit wächst die Geldmenge so gut wie garnicht. Im Allgemeinen Sprachgebraucht wird aber Inflation mit Preissteigerungen im Warenkorb in Zusammenhang gebracht, weil der Glaube besteht, wenn die Geldmenge ausgeweitet würde, käme es immer automatisch zu Preissteigerungen. Derzeit sehen wir aber Preissteigerungen *trotz* stagnierender Geldmenge. Scheint also eher angstgetrieben zu sein und eher ein nordeuropäisches Phänomen.
2. Die EZB hat das Geld meistens auch wieder eingezogen. Und wenn nicht, wärs auch halb so schlimm. Die Banken sind so knapp bie Kasse, dass die zusätzlichen Euros sicher nicht so schnell in Umlauf kommen
3. Geld schmilzt auch bei Abschreibungen weg.
4. Mal abwarten was passiert, wenn die Krise ganz Europa erfasst.

samba cat
00
5.12.2011, 16:50
"Inflation ist als Steigerung der Geldmenge definiert."

mein beliebiges wirtschaftslexikon definiert inflation als "Prozess anhaltender Preisniveausteigerungen".
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definitio... ation.html

zeitfuchs
00
5.12.2011, 11:39
zu Ihrem Punkt 2.:

und die seit vielen Jahren schon in den privaten Bankenapparat hineingepumpten Milliarden der eben dadurch pleitegegangenen Staaten lösen sich dann sogleich in Luft auf? Bitte um möglichst konkrete Antwort!

Moralapostel
 
02
5.12.2011, 15:08
Liquidität - nicht Luft

Die Banken bekommen Liquidät von der EZB gegen Sicherheiten, die geben sie aber nicht wie üblich an Firmen und Haushalte in Form von Krediten weiter (teilweise, weil diese auch weniger Kredite nachfragen) sonder belässt sie in der Liquiditätskassa v.a. um kurzfristige Schwankungen auszugleichen (weil sich dei Banken gegenseitig kein Geld mehr leihen) oder um Verluste abzudecken oder ihr Eigenkapital zu stärken. Kurz: Die EZB-Bilanz wird aufgeblasen, die Bankenbilanzen schrumpfen aber. Geldschoepfung umfasst aber den ganzen Bankensektor.

Moralapostel
 
01
5.12.2011, 10:58
Disziplinproblem hatten v.a. (deutsche) Banken!

So stimmt das einfach nicht (und wenn dann nur fuer Griechenland): "Die Mischung aus ungebremsten Staatsausgaben, überzogenen Lohnzuwächsen und steigender Verschuldung hat nicht nur den "Club Med", sondern die gesamte Eurozone an den Rand des Ruins gebracht."
Spanien und Irland hatten Ueberschuesse (sogar Italien hatte vor der Krise Schulden abgebaut, bei sinkenden Realloehnen, uebrigens).
Das Hauptproblem waren vielmehr die Vermoegenswertblasen, v.a. im Wohnungsmarkt. Die Kredite dafuer kamen v.a. von deutschen (!) Investoren und Banken. Mitursache dafuer waren die dort ploetzlich niedrigen Zinsen seit Beginn der Waehrungsunion. Herr Frey, Sie wissen weiss das sicher, trotzdem plappern Sie den Kroneredakteuren nach.

Thomas turnbichler
22
5.12.2011, 10:25
Die Europredigten sind vorbei

Hoffentlich bald. Denn was uns Herr Frey in seinem Kommentar vorschlägt, ist die vollständige Übernahme aller Schulden in der Eurozone. Zahlen werden es sicher nicht die zahlungsunfähigen Schuldenländer, sondern die ebenfalls verschuldeten Geberländer. Als Dessert erhalten wir noch eine Inflation dazu, mit dem Sahnehäubchen Geldentwärtung.

Solches verschweigt der Kommentator gänzlich, was darauf schliessen lässt, das er bis zum Untergang die Eurozone verteidigt, oder wieder einmal versucht dem Österreicher zu verheimlichen, was ihn in absehbarer Zeit erwartet.

Somit sind wir wieder auf der Stufe der staatlichen Rettungseuopäer, die uns ja bekanntlich durch Unwahrheiten und deftigen Lügen die Wahrheit immer verschwiegen haben.

videoopa
01
5.12.2011, 09:52
Nicht die Realwirtschaft macht Kummer

sonder die zügellose Geldbewirtschaftung!
www.youtube.com/videoattac

Franz Klug
00
5.12.2011, 08:53
Die Entwicklung, dass die bis jetzt getroffenen

Maßnahmen zu wenig sind und am Schluss die EZB eingreifen muss, wie es jetzt Frey auch fordert hat Ulrike Herrmann (taz) sehr gut, vorausschauend, schon vor einiger Zeit diagnostiziert:

http://taz.de/Kommentar... ZB/!81230/

http://www.taz.de/Das-ist-die Krise/!81311/

zeitfuchs
11
5.12.2011, 09:49
Sie, und Ulrike Herrmann

gehören sicherlich zum Experten- und Weisenrat. Habe ich recht, Herr Klug?

Franz Klug
01
5.12.2011, 08:57
hier der funktionierende link

http://www.taz.de/Das-ist-d... se/!81311/

.::.wanderfalke.::.
 
33
5.12.2011, 08:14
Angstmacher?

Lassen Sie die Banken zerbrechen und nicht die Demokratie, werter Herr Frey. Das Credo des sich selbst regelnden und alles beherrschenden Marktes wird nur mehr von den dafür bezahlten Lobbyisten verkündet. Die verantwortungsvollen Politiker in Europa - und dazu zähle ich eine Frau Fekter sicher nicht - müssen der Finanzmafia zeigen, wer die Regeln macht.

ino
21
5.12.2011, 08:35
haben sie auch ein argument?

warum sollte die demokratie zerbrechen, wenn die notenbank ihrer funktion als lender of the last resort nachkommt? das haben andere notenbanken in der geschichte immer wieder gemacht und es hat deren ländern und ihrer demokratie nicht geschadet.

frey hat völlig recht, wenn er darauf hinweist, dass inflationssorgen im moment das letzte sind was wir haben. und weder die eurobonds noch der esm bieten eine so schnelle und glaubwürdige hilfe wie die ezb.

wenn die ezb dazu übergeht, illiquide länder zu unterstützen, kann man auch insolvente in aller ruhe peite gehen lassen, denn dann ist die gefahr einer ansteckung vom tisch. die taschen der ezb sind tief genug um spanien oder italien zu stützen.

zeitfuchs
13
5.12.2011, 09:53
anstatt dazu aufzufordern,

den Gangstern endlich das Handwerk zu legen, kommen Sie mit dem hochgestochenen "lender of the last resort". Wer hat Ihnen denn das wieder eingeflüstert?

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