Kroatiens EU-Beitritt kommt zu früh

Kolumne | Gerfried Sperl, 4. Dezember 2011, 17:49

Das katholische Kroatien gehört zum Kernbestand Europas

Beim EU-Gipfel Ende dieser Woche wird der Beitrittsvertrag mit Kroatien unterzeichnet. Am 1. Juli 2013 soll die Republik Mitglied werden - aber nur dann, wenn eine Volksabstimmung im Lande selbst positiv endet und die derzeitigen EU-Staaten den Vertrag auch ratifizieren.

Genau an diesem Punkt könnte und sollte es sich spießen. Kroatien ist formal reif für eine EU, die in der schwersten Krise ihres Bestehens steckt. Soll man in einer solchen Phase ein Land addieren, das weder Nettozahler noch Durchschnittsschüler ist? Immerhin steht mit Ivo Sanader ein ehemaliger Ministerpräsident wegen Korruption vor Gericht. Und der österreichische Handelsdelegierte in Zagreb, Roman Rauch, sagte zum Wirtschaftsblatt: "Die aufgedeckten Affären betreffen nur die prominenten Fälle."

Das katholische Kroatien gehört zum Kernbestand Europas - als Teil der Habsburgermonarchie zum Unterschied von Slowenien nicht von Wien, sondern von Budapest regiert. Die Serben und Montenegriner zählen die ehemalige Industrie-Kanone jedoch nicht zur Familie Jugoslawiens. Für sie ist Kroatien eine "graue Zone" zwischen Bosnien und Slowenien, dem "Vorboten Österreichs und Deutschlands" . Dort klingt Mitteleuropa aus. Weshalb Kroatiens Beitritt beschlossen bleibt, aber erst stattfinden soll, wenn die Krise vorbei ist. 2015 oder 2016.

Die österreichischen Regierungen, vor allem die ÖVP-geführten, haben das Projekt Kroatien besonders unterstützt. Auch Ivo Sanader und seine rechtsgerichtete Partei. Wien bringt aber mit kurioser Beharrlichkeit auch Mazedonien ständig ins Spiel.

Die ehemalige jugoslawische Teilrepublik steht mit Griechenland wegen der mazedonischen Volks- und Sprachproblematik im Dauerclinch. Das Land hat wirtschaftlich viel getan, um im europäischen Wettbewerb bestehen zu können. Aber in letzter Zeit hat sich das Klima im Lande dramatisch verschlechtert. Die Regierung betrachtet Alexander den Großen als einen der ihren und baut im ganzen Land mit riesigem Aufwand Denkmäler und Museen - begleitet von einer Propaganda, die andere Meinungen nicht zulässt.

In der Manie, nahezu alle ehemaligen Teile Jugoslawiens in die EU zu integrieren, begibt sich Österreich in einen scharfen Widerspruch zur Türkeipolitik. Während in der Türkeifrage eine Volksabstimmung über den (ohnehin nicht vor 2020 möglichen) Beitritt entscheiden soll, hört man in der Frage Ex-Jugoslawien nichts davon.

Obwohl diese Kandidaten insgesamt mehr kosten würden als die ökonomisch starke Türkei. Denn das ist ständig das offizielle Argument: Ein so großes Land mit einem so riesigen und rückständigen Agrarsektor kann sich die EU nicht leisten. Ganz abgesehen von der Islam-Problematik.

All das zeigt, dass die EU derzeit keine Erweiterung verkraften kann, weil sie zuerst ihre Krise lösen muss. "Vertiefung statt Erweiterung", lautete einmal ein Schlagwort, das Wien und Berlin in Sachen Südosten nie so ernst nahm. "Überleben statt erweitern" ist jetzt angesagt. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.12.2011)

Kommentar posten
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tignosa
11
19.12.2011, 11:44
solang die HDZ die de facto Einheitspartei in Kroatien ist, sollte HR nicht beitreten

nationalistischen Wahn gibt es innerhalb der Eu schon genug. Die HDZ ist die Tudman- Partei. Diese politische Strömung hat in den letzten 20 Jahren genug angerichtet, um verboten zu werden.

Prof. Alois
 
00
19.12.2011, 16:36
Wenn die EU die Benchmark vorgibt

dann kann sich das langfristig nur positiv auswirken für Kroatien. Denn dann können die sich nicht mehr allein mit sich selbst beschäftigen.

Andererseits, wenns den Österreichern auch gelingt, dass zwei von den drei größten Parteien so tun, als gäbe es jenseits des Gartenzaunes nichts außer eine böse EU...

tignosa
10
20.12.2011, 11:23
mit der schwarzblauen Regierung wurde ich Eu- Befürworterin

ich möchte nicht wissen, wie alles gekommen wäre, wenn Österreich damals nicht EU- Mitglied gewesen wäre. Aber was macht die EU heute, um unser Land vor St. Rache zu schützen? Könnte die EU HR vor der HDZ schützen?

tignosa
10
19.12.2011, 11:38
"katholisch" sollte in der Eu keine Rolle spielen

und da es (in Kroatien selbst und in der EU anscheinend auch) eine Rolle spielt, sollte man mit dem Beitritt noch warten. Wenn Kroatien als "reif" angesehen ist, so ist Serbien auch "reif"...

fluß
10
14.12.2011, 22:55
Für die erfolgreiche dauerhafte Vertreibung hunderttausender Serben

können doch die diversen Belohnungen gar nicht rasch genug erfolgen. Wer wird denn sonst noch auf Geheiß des Westens ordentlich massakrieren und vertreiben? Man muß glaubwürdig bleiben. Das ist mit dem Beitritt Kroatiens zur humanen Wertegemeinschaft EU auch hervorragend geglückt.

Prof. Alois
 
10
19.12.2011, 16:44
Sie wissen, dass Sie Unsinn verbreiten

Das mit der Vertreibung ist Serben zuerst eingefallen. Mit einer Systematik, die an den 2. WK erinnert.

Aus eben diesen historischen Gründen haben sich alle Westmächte zuerst gescheut, die kroatische Seite überhaupt wahrzunehmen. Da musste schon Srebrenica passieren, dass sich die den Seitenwechsel antaten. Srebrenica ist das Beispiel der Völkermordsystematik, die es seit Hitler und Stalin in Europa nicht mehr gab: Staatlich organisierter Massenmord unter Einbeziehung der ganzen staatlichen Bürokratie.
Vertreibungen, die Sie ansprechen, sind schlimm. Sie haben aber nicht die Qualität eines von höchster Stelle organisierten Massenmordes.

kroate061
01
5.12.2011, 23:54
die EU braucht dringend Kroatien

wer soll den bitteschön den karren aus dem dreck ziehen?
Deutschland? Nein
Frankreich? Nein
England? Nein
Österreich ? ganz bestimmt nicht

sunny ...
01
14.12.2011, 12:33

Und Kroatien schon?

Hrvatska hat genug eigene Probleme wie der rest von den Balkan Ländern auch!!!!!

tignosa
10
19.12.2011, 11:38
... Balkanländer...

wie zB Österreich ;-)

schaun Sie mal nach, wo der Balkan anfängt. Geographisch nämlich hinter Wr. Neustadt.

mary jane
 
01
6.12.2011, 10:43

Kroatien steckt selbst in einer ökonomischen Krise und wird wohl kaum einen vergleichbaren Betrag wie die ökonomischen Riesen D + F auch nur im Ansatz leisten können..
Mal gar nicht zu reden von den noch nötigen Reformen im Land.

Der_Klingone
01
6.12.2011, 09:27

Na ja ... Kroatien wird den Karren wohl auch nicht aus dem Dreck ziehen :-)

Oder wie Helmut Schmidt am letzten Wochenende sagte, "Die Bedeutung der einzelnen Staaten ist in Promille zu messen".

Das gilt natürlich für fast alle und nicht nur Kroatien.

Harald Herrmann
00
5.12.2011, 18:21
Übersieht man da nicht etwas?

Zur "Aufnahme" Kroatiens ist es einmal nötig, dass die Bevölkerung einem Beitritt zustimmt. Und das ist momentan keinesfalls ausgemachte Sache...

byron sully
23
5.12.2011, 15:18

ich denke, wenn ein land EU-reif ist, sollte es auch aufgenommen werden - krise hin oder her. und wir reden ja von einem eher kleinen land (bei einem großen wär's vielleicht was anderes). ob der beitrtt zu früh kam, könnte man vielleicht bei rumänien und bulgarien fragen, aber nicht bei kroatien.

Super Sharp Shooter
13
5.12.2011, 14:02
die wollen echt noch in die EU?!

Prof. Alois
 
20
10.12.2011, 22:02
Wohin denn sonst?

Die EU ist DAS gelungene Friedensprojekt. Jeder, der da dabei ist, nimmt an etwas historisch Neuem teil: Umgang miteinander nicht mehr mit kriegerischen Mitteln sondern mittels wirtschaftlicher Integration. Die Kroaten wissen sehr genau, was das heißt.

tignosa
12
19.12.2011, 11:39
DAS gelungene Friedensprojekt- mit battle groups, gell!

Prof. Alois
 
10
19.12.2011, 16:21
Natürlich mit "battle groups"

Was in Ihren Ohren so martialisch klingt, birgt politisch keinerlei aggressiven Expansionsdrang. Die EU kann ja nichts dafür, dass in weiten Kreisen Europas ein wenig vernunftgestützter Radikalpazifismus regiert.

Wie auch immer: Die EU breitet sich nicht mittels militärischer Macht aus. Nicht einmal mit der Drohung. Wenn man sich ansieht, was im 20. Jahrhundert unter Machtausbreitung verstanden wurde, dann ist der Zugang der EU ein Quantensprung. Der ist sogar dann zu honorieren, wenn er langfristig schiefgeht. Hinter diesen Anspruch wird keiner mehr zurückdürfen.

Just N. Opinion
 
07
5.12.2011, 13:56
Zu früh? Was waren dann die Beitritte Bulgariens und Rumäniens?

Und die Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone? Gerade rechtzeitig?

Prof. Alois
 
00
19.12.2011, 16:30
Kein Beitritt ist zu früh. Es kommt auf den Standpunkt an - in doppeldeutiger Hinsicht

Es ist besser, wenn eine hochentwickelte Gemeinschaft Gesellschaften integriert, die noch lange nicht so hoch entwickelt sind. Das steigert die Ansprüche dort. Aber nur langfristig.
Es ist bekannt, dass Griechenland ähnlich "funktioniert" wie Russland. In einer Art Katalog steht drin, wieviel man auf welcher politischen Ebene zahlen muss, um sich durchzusetzen. Das ist nicht gut. Wir sind gerade dabei, dass die Griechen auf die harte Tour selbst zu lernen beginnen.

Man könnte aber auch auf den drögen nationalistischen Ansatz zurückfallen und allen Staaten, die es nicht so bringen, die Solidarität aufkündigen. Womit wir dann in wenigen Jahren, wenn nicht sogar in ein paar Monaten, europäische Konflikte wieder per Krieg austragen.

pu-muckl
 
11
5.12.2011, 12:37

also kroatien demnächst aufzunehmen ist wohl wirklich nicht klug ... z.b. deswegen "1,2 Millionen Pensionisten stehen nur 1,4 Millionen Beschäftigte gegenüber ..."

adaschauher
02
5.12.2011, 11:42
EU reife in weiter ferne:

durchschnittslohn 700 EUR
durchschnittspensionsalter knapp ueber 50
korruption bis in die regierungsspitze
arbeitslosigkeit ueberm EU schnitt
ineffiziente justiz
ineffiziente banken
buerokratieexzesse in der staatsverwaltung
jede menge pleite-staatsbetriebe
ruinierte infrastruktur von bahn bis post

tignosa
20
19.12.2011, 11:41
ui, jetzt wirds eng

Italien und Österreich müssten demzufolge sofort aus der EU rausgeworfen werden...
Italien erfüllt alle diese Punkte, Österreich ist beim Lohn auch bald dort... die Prekären kommen, juhu, schöne neue Arbeitswelt!

derKroate
32
5.12.2011, 14:25
na gott sei dank ...

... gibts in österreich keine korruption bis in die regierungsspitze und die ineffizienten banken in kroatien sind natürlich nicht österreichisch bzw italienisch.

ergo sind die banken in österreich auch ineffizient?

aber einer meinung sind wir, kroatien sollte der eu nicht beitreten. ich wäre max. für mitglied des EWR.

NPT
17
5.12.2011, 10:42
? :(

Wenn man Rumänien und Bulgarien (auch Ungarn ist nicht ohne) kritiklos in die EU aufgenommen hat, braucht man sich an Kroatiens Aufnahme nicht zu stoßen! Unterschwellig plädiert der Autor sogar für eine Aufnahme der Türkei, aus Kostengründen, wie er sagt...... als Journalist sollte man nicht seine persönlichen Präferenzen zum Ausdruck bringen, sondern ordentlich recherchierte Tatsachen - was hier nicht der Fall ist!

homer minds
01
5.12.2011, 12:01

Woop woop i see a fail..

Als Journalist sollte man nicht seine persönlichen Präferenzen...

Naja.. ansich gebe ich dir voll und ganz Recht. Alllerdings machst du gerade hier den Fehler das dies nicht ein normaler Artikel ist, sondern die Meinung des Autors!

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