Das katholische Kroatien gehört zum Kernbestand Europas
Beim EU-Gipfel Ende dieser Woche wird der Beitrittsvertrag mit Kroatien unterzeichnet. Am 1. Juli 2013 soll die Republik Mitglied werden - aber nur dann, wenn eine Volksabstimmung im Lande selbst positiv endet und die derzeitigen EU-Staaten den Vertrag auch ratifizieren.
Genau an diesem Punkt könnte und sollte es sich spießen. Kroatien ist formal reif für eine EU, die in der schwersten Krise ihres Bestehens steckt. Soll man in einer solchen Phase ein Land addieren, das weder Nettozahler noch Durchschnittsschüler ist? Immerhin steht mit Ivo Sanader ein ehemaliger Ministerpräsident wegen Korruption vor Gericht. Und der österreichische Handelsdelegierte in Zagreb, Roman Rauch, sagte zum Wirtschaftsblatt: "Die aufgedeckten Affären betreffen nur die prominenten Fälle."
Das katholische Kroatien gehört zum Kernbestand Europas - als Teil der Habsburgermonarchie zum Unterschied von Slowenien nicht von Wien, sondern von Budapest regiert. Die Serben und Montenegriner zählen die ehemalige Industrie-Kanone jedoch nicht zur Familie Jugoslawiens. Für sie ist Kroatien eine "graue Zone" zwischen Bosnien und Slowenien, dem "Vorboten Österreichs und Deutschlands" . Dort klingt Mitteleuropa aus. Weshalb Kroatiens Beitritt beschlossen bleibt, aber erst stattfinden soll, wenn die Krise vorbei ist. 2015 oder 2016.
Die österreichischen Regierungen, vor allem die ÖVP-geführten, haben das Projekt Kroatien besonders unterstützt. Auch Ivo Sanader und seine rechtsgerichtete Partei. Wien bringt aber mit kurioser Beharrlichkeit auch Mazedonien ständig ins Spiel.
Die ehemalige jugoslawische Teilrepublik steht mit Griechenland wegen der mazedonischen Volks- und Sprachproblematik im Dauerclinch. Das Land hat wirtschaftlich viel getan, um im europäischen Wettbewerb bestehen zu können. Aber in letzter Zeit hat sich das Klima im Lande dramatisch verschlechtert. Die Regierung betrachtet Alexander den Großen als einen der ihren und baut im ganzen Land mit riesigem Aufwand Denkmäler und Museen - begleitet von einer Propaganda, die andere Meinungen nicht zulässt.
In der Manie, nahezu alle ehemaligen Teile Jugoslawiens in die EU zu integrieren, begibt sich Österreich in einen scharfen Widerspruch zur Türkeipolitik. Während in der Türkeifrage eine Volksabstimmung über den (ohnehin nicht vor 2020 möglichen) Beitritt entscheiden soll, hört man in der Frage Ex-Jugoslawien nichts davon.
Obwohl diese Kandidaten insgesamt mehr kosten würden als die ökonomisch starke Türkei. Denn das ist ständig das offizielle Argument: Ein so großes Land mit einem so riesigen und rückständigen Agrarsektor kann sich die EU nicht leisten. Ganz abgesehen von der Islam-Problematik.
All das zeigt, dass die EU derzeit keine Erweiterung verkraften kann, weil sie zuerst ihre Krise lösen muss. "Vertiefung statt Erweiterung", lautete einmal ein Schlagwort, das Wien und Berlin in Sachen Südosten nie so ernst nahm. "Überleben statt erweitern" ist jetzt angesagt. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.12.2011)