Deutsche Forscher präsentieren Bestandsaufnahme einer nur in Nordafrika existierenden Bauweise
Bayreuth - Forscher der Universität Bayreuth berichten von ihrer Bestandsaufnahme einer einzigartigen Bauweise, die noch darauf wartet, in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen zu werden: den Agadiren Nordafrikas. Dabei handelt es sich um historische "Speicherburgen" am Nordrand der Sahara, in denen Getreide aufbewahrt wurde - die aber im Krisenfall auch Menschen Zuflucht boten.
In den nördlichen Regionen der Sahara gehen verschiedene Klimazonen
ineinander über. Nach Norden hin ist Ackerbau ohne künstliche
Bewässerung gerade noch möglich, die
Steppenvegetation im Süden lässt jedoch nur Weidewirtschaft zu. In
diesem Grenzbereich zwischen Regenfeldbau und Weidewirtschaft sind die Getreidespeicherburgen angesiedelt. Sie verteilen sich auf
einen Landstreifen, der sich vom Südwesten Marokkos über Südtunesien bis
nach Libyen erstreckt. Seit 2009 stehen sie im Mittelpunkt eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
geförderten Projekts.
Daran ist ein internationales Team unter der Leitung von Herbert Popp von der Universität Bayreuth beteiligt, das die Entstehung, Geschichte und Funktion dieser Bauwerke erforscht, die vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert von verschiedenen Berberstämmen errichtet wurden. Die Forschungsgruppe konnte zeigen, dass die Speicherburgen eine doppelte Funktion erfüllten: Zum
einen ließen sich dort größere Getreidemengen über eine längere Zeit
hinweg lagern. Da die Niederschlagsmengen in der Nordsahara von Jahr zu
Jahr sehr unterschiedlich ausfallen, konnten geringe Ernteerträge in
regenarmen Jahren durch gespeicherte Vorräte ausgeglichen werden. Zum
anderen dienten die Getreidespeicherburgen auch als Festungen. Sie
ermöglichten Zuflucht und Sicherheit in Konflikten mit rivalisierenden
Stämmen.
Wiedererwachtes Interesse
Heute sind die Speicherburgen in Südtunesien funktionslos; in Südmarokko
wird hingegen noch etwa ein Drittel der Speicherburgen als Depots genutzt. Dennoch wächst auch in der Region selbst das öffentliche Interesse, die Getreidespeicherburgen als Zeugen der eigenen Vergangenheit zu erhalten. "Mittlerweile stellen die Regierungen auch finanzielle Mittel für die
Restaurierung und die bauliche Sicherung der Speicherburgen zur
Verfügung. Zudem haben sich Initiativen gebildet, die darauf abzielen,
dass sie in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen werden - und dies
völlig zu Recht. Denn wir haben es mit fotogenen Zeugen einer
kulturhistorischen Meisterleistung zu tun, durch die sich eine
ländliche, in Stämmen organisierte Gesellschaft wirksam gegen
existenzielle Risiken geschützt hat", sagt Popp.
Diese Initiativen will das deutsch-maghrebinische Forschungsteam mit einem illustrierten Atlas unterstützen, der unter dem Titel "Les
agadirs de l'Anti-Atlas occidental" erschienen ist. Er ergänzt den im
vorigen Jahr veröffentlichten Band "Les ksour du Sud tunisien" ("Ksour" ist die in Tunesien übliche Bezeichnung für "Agadir"). Im weiteren Verlauf des Projektes wollen die Forscher ihre bisher erarbeiteten Ergebnisse insbesondere für
touristische Projekte nutzbar machen. (red)