Slowakei

Roma-Kinder sollen Klassenbeste statt Sonderschüler werden

Fabian Kretschmer aus Kremnica, 4. Dezember 2011, 17:52
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    foto: reuters/laszlo balogh

    Kinder von Roma-Familien werden häufig in einen gesellschaftlichen Teufelskreis hineingeboren.

In der Slowakei werden tausende Roma-Kinder fälschlicherweise als geistig behindert eingestuft – Schuldirektorin Jana Tomova will diesen Teufelskreis durchbrechen, stößt beim Staat aber auf Ablehnung

Bevor der neunjährige Miro eingeschult wurde, musste er wie alle Roma-Kinder durch eine psychologische Untersuchung mit vermeintlich einfachen Übungen. Miro sollte aus einem Mosaik-Puzzle eine Vase zusammensetzen - und scheiterte. Was bei dem Test nicht berücksichtigt wurde: Der Bub hatte in seinem Leben noch nie eine Vase gesehen, er scheiterte an seiner kulturellen Unkenntnis. Dennoch wurde ihm eine Empfehlung für die Sonderschule ausgestellt, der Neunjährige weise Zeichen "leichter geistiger Behinderung" auf, hieß es darin.

Miro ist eines von vielen Beispielen für einen gesellschaftlichen Missstand in der Slowakei: Rund 85 Prozent der Roma-Kinder landen in Sonderklassen - der Großteil davon völlig unbegründet. In den Schulen für Kinder mit "leichter geistiger Behinderung" sind laut Amnesty International drei von vier Kindern aus Roma-Familien. Der Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung und Alkohol wird so schon in jungen Jahren eingeleitet. Von den insgesamt 500.000 Roma, die in dem Land mit 5,5 Millionen Einwohnern leben, erreichen nur drei Prozent eine Oberschule.

"Durch die Kinder zur Familie"

Miro ist damals der Empfehlung für die Sonderschule nicht nachgekommen, was einzig am Engagement von Jana Tomova lag, die eine Privatschule im mittelslowakischen Kremnica leitet. "Durch die Kinder zur Familie" - so lauten der Name der Schule und Frau Tomovas Motto. Miros Klassenkameraden sind großteils Roma, doch das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit mit den Sonderschulen, in denen die Kinder sonst landen. Hier werden die Kinder individuell gefördert statt unterfordert.

Ein Konzept, das meistens aufgeht - Miro ist mittlerweile der ganze Stolz der Schule: Bei einem landesweiten Wettbewerb wurde er zweitbester Akkordeonspieler der Slowakei. Auch in Mathematik, Geschichte und Englisch liefert er exzellente Leistung ab.

Im Musikunterricht oder in Theatergruppen können Kinder in Frau Tomovas Schule ihre Talente entwickeln. Für Lehrbücher und Hefte müssen die Familien nichts zahlen, ebenso wenig für das Essen, das die Kinder dreimal am Tag bekommen. In jedem Klassenzimmer stehen neue Computer zur Verfügung.

In der eigenen Sprache

Besonders ist auch, dass die Lehrer selbst größtenteils Roma sind und den Geschichtsunterricht in der standardisierten Roma-Sprache abhalten. "So stärken wir die Identität und das Selbstbewusstsein der Kinder. Wir wollen, dass sie stolz darauf sind, Roma zu sein", erzählt Tomova. Die Slowakin studierte Maschinenbau, doch nach der Ausbildung wieder in ihrem Heimatort Kremnica angekommen, wandte sie sich von der Technik ab und dem sozialen Arbeiten mit Kindern zu.

Zu erschreckend war für sie die Konfrontation mit dem Elend der Roma. Bis heute leben die meisten von Tomovas Schülern in Haushalten ohne Strom und fließendes Wasser. Viele von ihren Verwandten vegetieren im Sumpf aus Alkohol, Drogen und Kleinkriminalität. Die Arbeitslosenquoten in den Roma-Siedlungen betragen teilweise bis zu 100 Prozent.

Konkurrenz bei Schulförderung

Hilfe vom Staat, die über "normale" Schulförderung hinausgeht, kann Tomova nicht erwarten. Das meiste Geld erhalten die Sonderschulen, die in der slowakischen Haupstadt Bratislava über eine starke Lobby verfügen, weil sie scheinbar den Benachteiligten in der Gesellschaft helfen. Frau Tomova, die mit ihrer Privatschule den Sonderschulen die Einkommensquelle - sprich die Roma-Kinder - wegschnappt, ist den anderen Direktoren ein Dorn im Auge. Den Schulbetrieb finanziert sie unter anderem über ein Café, für das die Kinder backen. Die Eltern zahlen außerdem ein geringes Schulgeld.

Den Kampf für ein harmonisches Zusammenleben zwischen Roma und Nicht-Roma in ihrem Heimatland wird Jana Tomova jedenfalls nicht aufgeben: "Bildung ist der Schlüssel zu Integration: Der Rassismus, der hier vorherrscht, hat weniger mit Hautfarbe zu tun, sondern entsteht vor allem aus Unkenntnis und fehlender Bildung." (Fabian Kretschmer aus Kremnica, DER STANDARD, Printausgabe, 5.12.2011)

Kommentar posten
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NANANANANANANANA BATMAN
00
7.12.2011, 11:29
"So stärken wir die Identität und das Selbstbewusstsein der Kinder. Wir wollen, dass sie stolz darauf sind, Roma zu sein"

ich finde es interessant wie schnell roma ihre identität (mehr oder weniger) aufgeben. man sehe sich den balkan an: roma die zwischen muslimen in bosnien leben haben arabische namen und sind selbst muslime, in kroatien kroatische namen und sind katholisch usw usf...

diese "angepassten" roma sind mir noch nie negativ aufgefallen, sie sind oft handwerker oder musiker (die besten musiker des balkans!).
die "echten" roma sind hingegen oft die, die ihr geld durch oft durch das stehlen von metall und betteln verdienen.

ich unterstelle den stehlenden und bettelnden roma keine bösartigkeit, im gegenteil, ich bedauere es dass sie im laufe der zeit an den rand der gesellschaft getrieben wurden. die armut würde wahrscheinlich auch mich verändern...

1,3,7-Trimethylxanthin
112
5.12.2011, 16:13
Slowakische LehrerInnen klagen vor allem darüber,...

...dass viele Roma-Kinder nur sporadisch in die Schule kommen. Die Eltern sind nicht erreichbar und ignorieren die SozialarbeiterInnen.

Jetzt einmal abgesehen von rassistisch motivierten Abschiebungen auf Sonderschulen, die es sicher auch geben wird:
Was soll man denn mit einem 8-jährigen Kind machen, das mangels schulischer Anwesenheit weder lesen noch schreiben kann? In der Regelschule wird es bei Gleichaltrigen nicht viel Sinnvolles machen können. Zu 6-jährigen kann man es auch nicht sinnvoll setzen. Und die Slowakei ist ländlich geprägt. Am Land gibt es keine Spezialschulen für an sich intelligenten, aber analphapethischen Kinder!

Der Weg MUSS über die Eltern gehen.
Und zwar OHNE falschverstandene Kulturtoleranz.

Kra Wuzikabuzi
24
5.12.2011, 16:09
wer die 90min ARTE DOKU vor ca 2 jahren gesehen hat

weiss, wie naiv, das alles ist, die wollen zu den "weissärschen" gar nicht in die schule gehen..

http://derstandard.at/123722805... ikaGroup=1

the bugger_off
00
5.12.2011, 20:55
...wie man in den wald hinein ruft...

Count Saurüssel
116
5.12.2011, 14:40
Eine Anmerkung zur Zensur hier:

Der ganze Artikel über die Probleme der Roma und die Ursachen dafür, ist ja relativ schwach fundiert. Im Wesentlichen scheint er auf Anekdoten, unbewiesenen Behauptungen und a-priori-Annahmen zu basieren.

Das müsste nicht sein. Es gibt zu diesem Thema auch eine sehr erhellende Studie aus dem Jahr 2006. Sie wurde in einem peer reviewed Journal ("Intelligence") publiziert, und ist online frei zugänglich.

Ich habe versucht, sie hier zu verlinken. Die Standard-Zensoren das aber leider nicht zugelassen, weil die Ergebnisse der Studie offenbar einige ideologische Tabus verletzen.

So geht eine angeblich liberale Qualitätszeitung mit unangenehmen Wahrheiten um.

siliconvalley
00
10.12.2011, 02:23

Intelligence, Volume35, Issue 1, doi:10.1016/j.intell.2006.09.002

Papa.Geno73
16
5.12.2011, 18:18
99% Zustimmung.

das 1% kommt daher, dass du nur
liberal mit angeblich einschraenkst. Man muss leider - gerade aufgrund solcher unfundierter Beitraege - mittlerweile auch das Wort "Qualitaet" einschraenken. Das Niveau der Beweisfuehrung ist im Standard in den letzten Jahren auf kaum ueber Kurierniveau gesunken.

siliconvalley
03
10.12.2011, 02:38

das informativste am Standard sind die postings ;-)

Rosa Stahl
04
6.12.2011, 10:16

Das beruht auf dem Unterschied zwischen Infomation und Ideologie. Hier gibts nur mehr Ideologie.

Karl Buschina
00
5.12.2011, 18:08
Wahrscheinlich ist die Zensur auch in der Hand einiger solcher Vorzugschüler.,.

Papa.Geno73
57
5.12.2011, 13:56
Wichtiges Problem, zu gutmenschige Darstellung.

Also, ich bin skeptisch. Der Artikel behauptet einerseits, dass Roma-Kinder wegen Diskriminierung in Sonderschulen gesteckt werden. Andererseits berichtet er von : "Viele von ihren Verwandten vegetieren im Sumpf aus Alkohol, Drogen und Kleinkriminalität. Die Arbeitslosenquoten in den Roma-Siedlungen betragen teilweise bis zu 100 Prozent." Ist das (insbesondere der Alkoholismus) nicht tatsaechlich das Umfeld, in dem geistige Behinderungen grassieren?

Dass es in der Privatschule auch sehr gescheite Roma-Kinder gibt, ist selbstverstaendlich und beweist nicht, dass es keine ueberdurchschnittliche Rate an geistigen Behinderungen unter Roma-Kindern gibt. Es sei denn, die Privatschule wuerde randomisiert Roma-Kinder aufnehmen.

NANANANANANANANA BATMAN
00
7.12.2011, 11:30
würden sie einen

in ihren betrieb aufnehmen?

wohl eher nicht. teufelskreis.

Rosa Stahl
00
11.12.2011, 20:42

warum nicht? bsplw. ist eines meiner Pflegekinder Roma-stämmig und untescheidet sich in Sprache und Erziehung durch nichts von den anderen Kindern. Ich mache mir keine Sorgen, dass das Kind nicht mal einen anständigen Beruf erlernt und einen Job kriegt. Es liegt halt schon auch an der Kultur und der Erziehung...

Herr und Frau Österreicher
 
42
5.12.2011, 15:28

Sie sind mir einer... Wenn gutmenschlich heißt, eine Aussage zu tätigen und mit Beispielen zu untermauern, dann ist "gutmenschlich" wohl das neue Wort für "wahr"!

Was haben sie davon, hier rumzusülzen? Was haben ihnen die Roma getan? Was wollen sie ihnen antun?

AlBundyFan
 
27
5.12.2011, 16:01
gutmenschlich bedeutet etwas anderes

nämlich so zu tun als ob man ein guter mensch wäre - aber dies ist nur vordergründig, weil man sich gegenüber andere personengruppen als den gerade genehmen genauso mies verhält, wie man es anderen vorwirft wenn es um die präferierten gruppen geht.
gutmensch = wolf im schafspelz

Peter Hammer 06
40
8.12.2011, 18:11
Sie sind offenbar Kenner aus eigener Erfahrung...

...so wie Frau Rosa unterhalb.
Das abwertende Schimpfwort " Gutmensch" kommt genau aus diesem Eck'.

Rosa Stahl
12
6.12.2011, 10:17

kann man nicht besser ausdrücken. Bravo!

Papa.Geno73
06
5.12.2011, 15:54
Nein. Einzelfaelle untermauern eben nicht, dass eine generalisierende Behauptung wahr ist.

Und der Artikel vermittelt implizit, dass Roma-Kinder nur aufgrund von Rassismus zu Sonderschulen zugewiesen werden.

Dass ich den Roma etwas antun will, ist eine gar nicht gutmenschliche Unterstellung. Ich sage nur, die Zuweisung zu Sonderschulen ist ein Symptom, nicht die Wurzel des Problems.

AlBundyFan
 
04
5.12.2011, 14:47
der einzige zusammenhang von alkohol und behinderung wäre aber darin zu sehen

daß eine frau während der schwangerschaft säuft. das kann schon auswirkungen auf das kind haben.

ansonsten könnte es höchstens von vernachlässigung gehen, sodaß die förderung der kinder, trotz normallem verstand, nicht gegeben ist.
das heisst aber nicht, daß sie behindert sind

Papa.Geno73
43
5.12.2011, 14:57

"der einzige zusammenhang von alkohol und behinderung wäre aber darin zu sehen
daß eine frau während der schwangerschaft säuft. das kann schon auswirkungen auf das kind haben."

Ja, genau den meine ich. Schwach ist dieser Zusammenhang aber nicht ....

Ob mangelnde Zuwendung im Kleinkindesalter eine "aufholbare" Behinderung bewirkt oder zu dauerhaften Intelligenznachteilen fuehrt, weiss ich nicht. Dazu gibt's sicher wissenschaftliche Studien.

Aber ehrlich gesagt, als Vater eines slowakischen Kinds ohne geistige Behinderung waere mir das egal, ob es aufholbar ist. Ich wuerde nicht wollen, dass der Lernfortschritt meiner Kinder in einer normalen Schule von geistig dauerhaft oder temporaer behinderten Kindern aufgehalten wird.

Ueberlaeufer
02
5.12.2011, 19:15

Sie haben sicher schon von Integrationsklassen gehört. Dieses System funktioniert bei uns, soweit ich weiß, sehr gut.
Ihre Sorge ist daher unbegründet.
Umgekehrt würde ich mir mehr Sorgen machen, da man so soziale Unterschiede und damit Neid steigert. Und von dort sind es nur wenige Schritte zu Kriminalität oder gar Revolution. Weitergedacht wäre Ihnen lieber, wenn Ihr Spross dann eines von einem "Unterschichtler" übergezogen bekommt. Sogesehen ist Ihr Egoismus ein sehr kurzsichtiger.
(Ich halte sozial schwächere Gruppen nicht prinzipiell für kriminalitätsgefährdet - solange eine gewisse Grenze nicht überschritten wird.)

Papa.Geno73
00
5.12.2011, 19:46

Bin ich ganz bei Ihnen, wenn dafuer genug Geld da ist. Ob der slowakische Staat aber Integrationsklassen zur Integration von zigtausenden Roma-Kindern zur Verfuegung stellen kann und will, weiss ich nicht.

the bugger_off
33
5.12.2011, 15:24

haben sie angst dass sich ihr spekulatives kind irgendwie ansteckt wenn es mit "behinderten" in kontakt kommt? oder mit "ausländern"? oder wie stellen sie sich das mit dem "aufgehaltenen lernfortschritt" vor?

Nichts ist wahr, (fast) alles ist erlaubt
 
01
6.12.2011, 10:01

Die schwächeren SchülerInnen in der Klasse brauchen mehr Zuwendungen seitens des Lehrpersonals, was eine Verkürzung der Zeit für alle anderen darstellt, die bereits weiter sind.
Klar hat jedes Kind hin und wieder Schwierigkeiten zu folgen, das ist menschlich, aber wenn es einige(!!!) und nicht nur einen Problemschüler geht, ist der Lernerfolg der GANZEN Klasse reel gefährdet.
Integrationsklassen sind ja an und für sich gut, wenn, wie gesagt, genug Geld/Knowhow da ist.
Ebenso ist der Umgang mit Behinderten eine Erfahrung die Menschen verändert, bes in der Jugend.

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