In der Slowakei werden tausende Roma-Kinder fälschlicherweise als geistig behindert eingestuft – Schuldirektorin Jana Tomova will diesen Teufelskreis durchbrechen, stößt beim Staat aber auf Ablehnung
Bevor der neunjährige Miro eingeschult wurde, musste er wie alle Roma-Kinder durch eine psychologische Untersuchung mit vermeintlich einfachen Übungen. Miro sollte aus einem Mosaik-Puzzle eine Vase zusammensetzen - und scheiterte. Was bei dem Test nicht berücksichtigt wurde: Der Bub hatte in seinem Leben noch nie eine Vase gesehen, er scheiterte an seiner kulturellen Unkenntnis. Dennoch wurde ihm eine Empfehlung für die Sonderschule ausgestellt, der Neunjährige weise Zeichen "leichter geistiger Behinderung" auf, hieß es darin.
Miro ist eines von vielen Beispielen für einen gesellschaftlichen Missstand in der Slowakei: Rund 85 Prozent der Roma-Kinder landen in Sonderklassen - der Großteil davon völlig unbegründet. In den Schulen für Kinder mit "leichter geistiger Behinderung" sind laut Amnesty International drei von vier Kindern aus Roma-Familien. Der Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung und Alkohol wird so schon in jungen Jahren eingeleitet. Von den insgesamt 500.000 Roma, die in dem Land mit 5,5 Millionen Einwohnern leben, erreichen nur drei Prozent eine Oberschule.
"Durch die Kinder zur Familie"
Miro ist damals der Empfehlung für die Sonderschule nicht nachgekommen, was einzig am Engagement von Jana Tomova lag, die eine Privatschule im mittelslowakischen Kremnica leitet. "Durch die Kinder zur Familie" - so lauten der Name der Schule und Frau Tomovas Motto. Miros Klassenkameraden sind großteils Roma, doch das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit mit den Sonderschulen, in denen die Kinder sonst landen. Hier werden die Kinder individuell gefördert statt unterfordert.
Ein Konzept, das meistens aufgeht - Miro ist mittlerweile der ganze Stolz der Schule: Bei einem landesweiten Wettbewerb wurde er zweitbester Akkordeonspieler der Slowakei. Auch in Mathematik, Geschichte und Englisch liefert er exzellente Leistung ab.
Im Musikunterricht oder in Theatergruppen können Kinder in Frau Tomovas Schule ihre Talente entwickeln. Für Lehrbücher und Hefte müssen die Familien nichts zahlen, ebenso wenig für das Essen, das die Kinder dreimal am Tag bekommen. In jedem Klassenzimmer stehen neue Computer zur Verfügung.
In der eigenen Sprache
Besonders ist auch, dass die Lehrer selbst größtenteils Roma sind und den Geschichtsunterricht in der standardisierten Roma-Sprache abhalten. "So stärken wir die Identität und das Selbstbewusstsein der Kinder. Wir wollen, dass sie stolz darauf sind, Roma zu sein", erzählt Tomova. Die Slowakin studierte Maschinenbau, doch nach der Ausbildung wieder in ihrem Heimatort Kremnica angekommen, wandte sie sich von der Technik ab und dem sozialen Arbeiten mit Kindern zu.
Zu erschreckend war für sie die Konfrontation mit dem Elend der Roma. Bis heute leben die meisten von Tomovas Schülern in Haushalten ohne Strom und fließendes Wasser. Viele von ihren Verwandten vegetieren im Sumpf aus Alkohol, Drogen und Kleinkriminalität. Die Arbeitslosenquoten in den Roma-Siedlungen betragen teilweise bis zu 100 Prozent.
Konkurrenz bei Schulförderung
Hilfe vom Staat, die über "normale" Schulförderung hinausgeht, kann Tomova nicht erwarten. Das meiste Geld erhalten die Sonderschulen, die in der slowakischen Haupstadt Bratislava über eine starke Lobby verfügen, weil sie scheinbar den Benachteiligten in der Gesellschaft helfen. Frau Tomova, die mit ihrer Privatschule den Sonderschulen die Einkommensquelle - sprich die Roma-Kinder - wegschnappt, ist den anderen Direktoren ein Dorn im Auge. Den Schulbetrieb finanziert sie unter anderem über ein Café, für das die Kinder backen. Die Eltern zahlen außerdem ein geringes Schulgeld.
Den Kampf für ein harmonisches Zusammenleben zwischen Roma und Nicht-Roma in ihrem Heimatland wird Jana Tomova jedenfalls nicht aufgeben: "Bildung ist der Schlüssel zu Integration: Der Rassismus, der hier vorherrscht, hat weniger mit Hautfarbe zu tun, sondern entsteht vor allem aus Unkenntnis und fehlender Bildung." (Fabian Kretschmer aus Kremnica, DER STANDARD, Printausgabe, 5.12.2011)