Biografie einer sehr flexiblen Hure

7. Dezember 2011, 09:53
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Der Journalist Klaus Stimeder seziert in "Hier ist Berlin" die deutsche Hauptstadt - Autor Tom Liehr über ein Essay, das so gar kein Hipster-Führer sein will

Ganz gleich, wohin ich reiste, in welche Metropole es mich auch verschlug. Ob in New York, London, Paris, Kairo, Madrid, Wien, ja sogar in Harare oder Maputo verspürte ich rasch ein ungewohntes, durchaus willkommenes Gefühl von Strukturiertheit; meist fiel es mir bereits nach einigen Tagen leicht, mich zu orientieren. In Berlin gelingt mir das nach über 40 Jahren noch immer nicht, obwohl ich hier geboren wurde und nie woanders gelebt habe. 

Das gutbürgerliche Friedenau, der Schillerkiez in Neukölln, der Pankower Piesel, das zerrupfte Moabit, der muffige "Kotti" in Kreuzberg oder das weitläufige Kladow jenseits der Havel - das alles sind Teilmengen einer heterogenen, sich ständig in Bewegung befindlichen Stadt. Es gibt keine gewachsene urbane Struktur, bloß eine willkürliche Ansammlung vieler Dörfer, die nur zufällig dicht beieinander stehen, aber dennoch - zur großen Verblüffung seiner Bewohner - eine längst nicht beendete Geschichte teilen. Hier ist alles zentral und dezentral zugleich.

Den Regen mit Händen einfangen

Insofern klingt der Buchtitel "Hier ist Berlin" nach einer ironischen Mitteilung, der ein Ureinwohner reflexartig mit der Frage "Wo?" begegnen würde. Berlin, das ist zwar die Hauptstadt und die größte der Republik, müsste auf Landkarten aber eher mit ein paar Kreidestrichen markiert sein, wo für andere deutsche Städte - Hamburg, München, Hannover, Dortmund - präzise, fette Punkte vorzufinden sind. Kurzum: Der Versuch, ein einheitliches Bild dieser Stadt zu zeichnen, kommt jenem gleich, den Regen mit den Händen einzufangen.

Der österreichische Journalist (und Bronner-Biograph) Klaus Stimeder hat ihn gewagt, inspiriert vom mehrjährigen Aufenthalt, aber auch durch E. B. Whites "Here is New York" (Harper, 1949). Der Brückenschlag zwischen den beiden Metropolen kommt nicht von ungefähr: Seit über einem Jahr lebt der Gründer und ehemalige Herausgeber des Monatsmagazins Datum unter dem Namen JM Stim in New York. Zuvor erarbeitete, erwanderte sich der 36-Jährige von Berlin Neukölln aus die deutsche Hauptstadt.

Kluger, wissensreicher Text

Herausgekommen ist "Hier ist Berlin", ein kluger, erhellender, sehr persönlicher und wissensreicher Text, der Anekdotisches, Erlebtes, Geschichtliches und Statistisches verbindet, um ein Gefühl davon zu vermitteln, was dieses Durcheinander namens "Berlin" heute ausmacht. Es ist zugleich ein Text über das Scheitern, denn auch Stimeders Sammlung bleibt eine Skizze - allerdings eine sehr schöne -, doch das im Entstehen begriffene, vergängliche Gemälde kann man nur erahnen. Vielleicht sind es auch zwei. Oder zehn.

Der Versuch, das Unfassbare zu fassen, beginnt mit einer Erkenntnis, die auch mich überrascht hat: Berlin ist weit, der Blick nie verstellt. Nach der Lektüre bin ich ein wenig durch die Stadt gewandert - jedenfalls den Teil, der für mich "die Stadt" ist - und habe die Behauptung verifiziert. Unglaublich, da kommt ein Österreicher daher und erzählt mir etwas über mein Berlin, das bisher meiner Kenntnisnahme entging wie ein Pickel am eigenen Hinterkopf. Eine gewisse Ehrfurcht stellte sich ein.

Erstaunliche Ostberliner Namenskunde

Dieser Ouvertüre folgen redliche, originelle und pfiffige Bemühungen, das Phänomen, das diese Stadt offenbar darstellt, zu entschlüsseln. Der Leser begleitet den Forscher auf dem Weg durch Szenebars, Neuköllner Cafés, aber auch durch Gotteshäuser, Clubs, Spielfilm-Drehorte und Stadtviertel. Darin eingebettet liefert der Autor unzählige Fakten über Migration, geschichtliche Ereignisse, architektonische Besonderheiten, aber auch Hintergründe zur erstaunlichen Ostberliner Namenskunde. Nun ist endlich klar, warum die fette Komikerin aus Marzahn ausgerechnet Cindy heißt.

Über all dem steht das Bemühen des Autors, einen gemeinsamen Nenner zu finden, wobei er mitunter weit ausholt, um dieses vielgestaltige Wesen Berlin erklärt, verständlich zu machen. Etwa, wenn es um die kulturelle Substanz der Hauptstadt oder die Motivation der vielen Zugewanderten geht. Hierin besteht, wie ich finde, die eigentliche Leistung dieses Buches. Was indes fehlt und ein gewisses Gefühl der Verklärung aufkommen lässt, das ist der Blick auf die enorme kriminelle Energie, denn das possierliche Multikulti-Ensemble ist auch Gewalt-Hauptstadt und deshalb ein Moloch, der nicht wenige permanent ängstigt, Bewohner eingeschlossen.

Fernab jeder Anbiederung

"Hier ist Berlin" ist keine Anleitung und kein Stadtführer, kein Lexikon und erst recht keine Sammlung von "Geheimtipps", sondern eine aktuelle - leider recht kurze - Biografie jener sehr flexiblen Hure, die jedem Freier etwas bieten kann und trotzdem Spaß bei ihrem Job hat. Stimeders Freude über die Existenz dieser Hure quillt aus jeder Zeile des Textes, eine Freude, die mitreißt und vereinnahmt, fernab jeder Anbiederung. Für die es ohnehin keinen Adressaten gäbe, wie auch vom aktuellen Slogan der Berlin-Vermarktung zusammengefasst wird: "Be Berlin". Wenn Du es bist, ist es die Stadt, und wenn nicht, dann auch. (Tom Liehr, derStandard.at, 5.12.2011)

JM Stim in New York City.

 

 

Tom Liehr, geb. 1962, Berliner, veröffentlichte bislang sechs Romane im Aufbau-Verlag, zuletzt "Sommerhit" (2011), eine Geschichte über Macht, Musik, die Achtziger und das Leben im Berlin der Vorwendezeit. Soeben erschienen: "Ich fahr Taxi" in "I hate Berlin - unsere überschätzte Hauptstadt", Lübbe/Ehrenwirth.

Mehr: TomLiehr.de

Klaus Stimeder (aka JM Stim) lebt und arbeitet als Autor und Korrespondent (u.a. Wiener Zeitung, Kleine Zeitung, profil, Falter, Datum) in New York City.

JM Stim, "Hier ist Berlin", mit einer Einführung von Tim Mohr, Hardcover, 58 Seiten. Verlag: Rokko's Adventures. Die deutschsprachige Ausgabe erscheint am 9. Dezember, die englischsprachige am 20.2.2012.

Mehr: Hier ist Berlin

  • Fernab jeder Anbiederung an die deutsche Hauptstadt: "Hier ist Berlin" von JM Stim aka Klaus Stimeder.
    foto: rokko’s adventures

    Fernab jeder Anbiederung an die deutsche Hauptstadt: "Hier ist Berlin" von JM Stim aka Klaus Stimeder.

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