Rawabi, die palästinensische Zukunft

Blog | Andreas Hackl, 3. Dezember 2011, 17:53
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    Der Unternehmer und Multimillionär Bashar Masri steht mit dem Projekt Rawabi am Höhepunkt seiner Karriere. In die Politik wolle er nicht.

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    In einem Besucherzentrum können Interessierte schon jetzt Wohnungen reservieren, und dabei bis zum Fliesenboden vorab gestalten.

"Sie sind die Profiteure, wir die Verlierer": In der palästinensischen Stadt Rawabi werden bald Träume wahr - Andere werden zerstört

"Rawabi soll keine tote Stadt werden. Sie wird leben", sagt Jack, während wir aus Ramallah kommend Richtung Norden fahren. Links von uns öffnet sich die karge Hügellandschaft des Westjordanlandes. Ein enger kurviger Weg führt durch das Dorf Atara, bis wir schlussendlich dort ankommen, wo wir hin wollten: in Rawabi, der palästinensischen Zukunft.

Hier wird zwischen den Städten Nablus und Ramallah eine palästinensische Stadt aus dem Nichts aufgebaut. In zwei Jahren könnten schon die Ersten einziehen. Insgesamt sollen es 40.000 Rawabiner werden. Neben Kulturzentren, Moscheen, einer Kirche und vielen Wohnungen wird die Stadt den Menschen auch ein paar tausend Jobs bieten, erklärt Jack, der als persönlicher Assistent des Bauunternehmers schon gar nicht mehr ohne das R-Wort leben kann. Sowie Rawabi, was Hügel bedeutet, gern als Symbol eines zukünftigen Palästinenserstaates hochstilisiert wird, sehen auch die jungen Mitarbeiter mehr als nur einen neuen Ort darin. Rawabi ist man, das tut man nicht. Und Ruft man Jack am Mobiltelefon an, ertönt statt dem üblichen Piepton der „Rawabi-Song", den der irakische Musiker Ilham al-Madfai eigens fürs Projekt geschrieben hat.

Jack ist nur eines von dutzenden jungen Talenten, die unter Leitung des Bauunternehmers und Multimillionärs Bashar Masri auch eine berufliche Karriere verwirklichen können. Wie die junge Shadia, die zusammen mit anderen Jungforschern der palästinensischen Universität Birzeit ein Computerprogramm entwickelt hat, das eine fünfdimensionale Simulation des gesamten Bauprozesses ermöglicht. „Fünf-D heißt inklusive Zeit und Kosten", erklärt sie stolz. Rawabi sei für sie vor allem ein Gegenstück zu Ramallah, wo es schon lange keinen Platz und keine Grünflächen mehr gäbe. „Und wenn ich heirate, will ich an einem Ort wie Rawabi leben." Der Ausblick ist atemberaubend. Die Abendsonne scheint. Am Horizont flimmern die Konturen der israelischen Küstenstädte Tel Aviv und Ashdod. Ein Ausblick, den die zukünftigen Bewohner wohl nur mit einem Seufzen werden genießen können. Denn ans israelische Meer dürfen die meisten nicht.

In Rawabi, wo vor einem Jahr nur in den Hügel geschnittene Sandterrassen zu sehen waren, stehen heute schon die ersten Rohbauten. Die Bestimmtheit, mit der hier Natur für den Menschen umgeformt wird, erinnert an die Architektur wuchtiger israelischer Siedlungen. Doch diesen Vergleich hat Bashar Masri gar nicht gern. „Das hier ist unser Heimatland. Siedler sind Neuankömmlinge, die unser Land stehlen", sagt er, während wir in seinem Containerbüro am Baustellengelände sitzen. „Sehen Sie die Siedlung dort drüben", er zeigt mit dem Finger aus dem Fenster, „ich bin mir sicher, dass sie eines Tages ein Vorort von Rawabi sein wird."

Keine Schraube aus Siedlungen

Obwohl Rawabi in der Zone A des Westjordanlandes steht, wo nach dem zweiten Oslo Abkommen (1995) die Palästinensische Autonomiebehörde sowohl polizeilich als auch in Sachen Landschaftsplanung zuständig ist, braucht Masri eine israelische Genehmigung für eine dringend nötige Zufahrtsstraße.

Mehr als 60 Prozent des Westjordanlandes stehen unter israelischer Kontrolle, so auch die Straße Nr. 465, von der die Zufahrt wegführen soll. In dieser Zone C dürfen Palästinenser nur mit Genehmigung des Planungskomitees der israelischen Zivilverwaltung für „Judea und Samaria" bauen. Judea und Samaria, israelisch für Westjordanland, ist also nur zu einem Drittel für palästinensische Projekte unabhängig zu bebauen. Und selbst dort ist es nicht immer leicht. „Durch das Problem mit der Zufahrtsstraße gerät unser Projekt um ein Jahr in Verzug, was wiederum 3000 bis 4000 Jobs auf Eis legt", klagt Masri, der zur Sicherheit eine riesige Menge an Baumaterialien vor Ort lagert. So kann auch trotz möglichen Problemen mit israelischen Partnern eine Zeit lang weiter gebaut werden.

Quasi Autonomie haben die Palästinenser nur in der kleineren „Hälfte" des Westjordanlandes. Und selbst dort ist der Bau einer palästinensischen Stadt schwierig. Für die 43.300 Wohneinheiten, die seit 1993 in israelischen Siedlungen gebaut wurden, gab es vermutlich keine Probleme mit Genehmigungen für Zufahrtsstraßen. Warum auch.

Immerhin kooperiert Rawabi mit israelischen Firmen, wenn auch nicht mit jenen aus Siedlungen. So hat Bashar Masri alle Vertragsnehmer seines Projekts angewiesen keine einzige Schraube zu verwenden, die aus einer israelischen Siedlung kommt. Zornig reagierte die israelische Rechte und holte das sogenannte Boykott-Gesetz aus der Schublade. Es wurde vom israelischen Parlament am 7. November mit 47 zu 38 Stimmen abgesegnet, und stellt somit den Boykott jeglicher israelischer Rechtsträger unter Strafe. Premierminister Netanyahu, der das Gesetz unterstützt hatte, blieb der Abstimmung fern.

400 Millionen Dollar könnten israelische Firmen an Rawabi verdienen, erklärte Masri. Jedoch sei man nicht von ihnen abhängig. Es ist schon eine merkwürdige Logik: weil es einem palästinensischen Unternehmer einfällt, Produkte aus jenen Siedlungen zu boykottieren, die faktisch immer mehr Land im Westjordanland an Israel annektieren, müssen israelische Firmen jetzt vielleicht auf ihre 400 Millionen verzichten. Das Projekt verzögert sich. Und die einzigen, die sich daran erfreuen, sind die Unterstützer genau jenes politischen Lagers, dem das Gesetz überhaupt erst eingefallen ist.

Für Bashar Masri, der sich als unfreiwilliger Realist bezeichnet, besteht kein Zweifel daran, wer in Israel die Hosen an hat. „Die Siedler und ihre Unterstützer haben die Überhand. Sie sind die Profiteure, wir die Verlierer."

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Posting 1 bis 25 von 96
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baneck08
21
5.12.2011, 17:13
"judea und samaria, israelisch für westjordanland"

wer hackl und seine weltanschauung noch nicht kennt, braucht eigentlich nur diesen halbsatz zu lesen ...

hat der typ kein wikipedia? doch, aber er verbreitet ganz bewusst unwahrheiten und tendenziöses ...

jd1212
43
4.12.2011, 16:23

"As I started to spend more time in Palestine, I was surprised to find it is often easier to raise money for the ‘resistance’ than to fund the patient but essential process of Palestinian state-building... if the Palestinian cause gave up violence emphatically and without ambiguity, there would be a peace agreement within the year.”

Tony Blair (autobiography, A Journey)

Tower Hill
35
4.12.2011, 20:22

"The document discloses that his military planning allows for some of the WMD to be ready within 45 minutes of an order to use them"

Tony Blair, September Dossier 2002

;-)

jd1212
43
4.12.2011, 21:04

Das eine persoenliche Erfahrung mit den involvierten Personen, das andere ein unterjubelter Bericht ...

Tower Hill
12
4.12.2011, 21:51
Kann man so sehen, ja.

Ich pers. sehe es eher so, daß Mr. Blair jeweils das behauptet, was für ihn jeweils gerade opportun ist. Sollten Sie recht haben mit dem untergeschobenen Dokument, dann vermisse allerdings Gerichtsverfahren gegen die Verfasser. Immerhin wurde auf Grund dieses Dokuments ein (völkerrechtswidriger) Krieg begonnen.

jd1212
00
11.12.2011, 16:50

Es wurde kein Krieg wegen den einen Dokument gestartet. Ausserdem ist es sicherlich nicht einfach den (die?) Verfasser des Dokumentes straffrechtlich zu verfolgen.

Letztendlich ist Ihr Argument eine klassische Fallasie. Es kann unzaehlige Gruende geben warum es kein Verfahren gab (bis hin zum Hund der die Akte frass), das fehlen eines Verfahrens beweist hinsichtlich Blairs gar nichts.

Ich sehe es als ungewoehnlich das Blair in seiner offiziellen Autbiographie etwas gegen den Pal. sagt. Wir wissen denn das alles was gegen Israel geschrieben wird sich viel besser verkauft (man muss nur Carters Buecher, mit deren provokativen Titeln anschauen (stichwort Apartheit).

Tower Hill
00
11.12.2011, 17:41
Das Dokument war das maßgebliche für die Kriegsentscheidung,

wenn man den Aussagen so trauen darf. Was ich persönlich ohnehin bezweifle, Blair hätte so oder so auf Seite der Amerikaner gekämpft, mit oder ohne "Beweise".

So ungewöhlich ist das nicht, auch Clinton schrieb in seiner gegen die Pal.

Hossam Hassan
00
6.12.2011, 12:25
Da sind sie ja ganz anders...

Adam Markus
64
4.12.2011, 04:05

Übrigens gibt es auch in der EU Streit, um in israelischen Siedlungen gefertigte Produkte (zB. Soda Club), da die EU mit Israel, aber nicht mit der PA ein Freihandelsabkommen hat.

Viele israelische Firmen nutzen aber die Steuerbegünstigungen und die "günstige Arbeitsmarktsituation" (Palästinensische Billigarbeiter, keine Wirksamkeit der israelischen Arbeitsgesetze) in den Siedlungen um dort zu produzieren und mit "Made in Israel" zu exportieren.

Komischerweise scheinen die Arbeitsgesetze übrigens die einzigen israelischen Gesetze zu sein, die in den Siedlungen nicht gelten. Purer Zufall natürlich.

August Hoffmann
21
5.12.2011, 08:34

"Palästinensische Billigarbeiter"

Sind das Sklaven oder gehen die Palis freiwillig in die Siedlungen arbeiten?

wurm83
 
13
5.12.2011, 11:39
daher die palästinenser nciht einfach aus dem land ausreisen dürfen

und die israelis (wie oben gelesen) mehr als 60% des lande skontrollieren würde ich sagen er ist eher ein sklave als freiwillig...oder?

bzw. hat er halt die wahlr zwischen arbeitslos (und höchsatwahrscheinlich kein bis sehr wenig arbeistlosengeld) oder "sklavenarbeit" bei den israelis...
ODER bombenwerfen bei den radikalen...

so sichern sich die israelis ja ihr system..sie verhindern ausreise UND hilfsgüter...
dadurch müssen die palis entweder bei ihnen arbeiten oder sie gehn in den wiederstand...wenn sie in den wiederstand gehen, dann bekommen die israelis immer einen "feind" um ihr volk weiter auf kurs zu halten...

August Hoffmann
32
5.12.2011, 12:15

Bombenwerfen als Alternative?

Komischerweise fliegen die Raketen hauptsächlich aus dem Gazastreifen, von wo aus die Palästinenser doch nach Ägypten arbeiten gehen könnten...

Wo sind denn die -zig Millionen an Hilfsmitteln geblieben? Warum hat man damit keine Arbeitsplätze geschaffen?

Es war für die Palis auch schon mal sehr viel einfacher, auszureisen - wegen dem von ihnen ausgehenden Terror heute leider nicht mehr. Wer ist also zumindest mit verantwortlich für diese Situation?

wurm83
 
15
5.12.2011, 14:17
simma leicht emotional?

sie können auf der ganzen welt beobachten, dass man arme menschen leichte rzum terror überreden kann, den palis hier eine höhere (genetisch bedingte??) agression zu atestieren als anderen menschen halte ich für wenig fundiert...

Raketen/Ägypten: waren sie schonmal am grenzübergang? durch das willkürliche verhalten der israelis wäre ein gergeltes arbeiten unmöglich (wartezeiten!?!)
selbst wenn würde dies nur für einen kleinen teil (rein vom weg her) eine realistische möglichkeit darstellen..arbeit muss vor ort sein...

Hilfsmittel: ich kann nciht einen staat verhindern und mich dann beschweren, dass die region unorganisiert ist...dieses argument grenzt an perversion...

terror: beide seiten...aber israel ist weiter entwickelt...

Hossam Hassan
20
6.12.2011, 12:26
Und warum konnte man Osama Bin Laden zum Terror überreden

Weil er so arm gewesen ist?

Moe Joe1
02
6.12.2011, 19:06
na aber halb lang...

der hat eine CIA-Ausbildung genossen....! Und dann wurde er einfach fallen gelassen..., sowie Saddam Hussein, Gaddafi, Mubarak, so wie sie alle halt heißen...

CinnamonGirl
20
4.12.2011, 11:19
warum lügen? natürlich gibt es ein freihandelsabkommen zw. der eu und pal.

Zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten besteht eine Zoll- und Währungsunion.

Darüber hinaus besteht zwischen der EU und Palästina ein Freihandelsabkommen

http://www.ghorfa.de/fileadmin... estina.pdf

seite 3

Djuli Murti
 
12
5.12.2011, 12:12
Ja - aber israelische Waren aus dem West-Jordanland, dafür gibt es kein Freihandelsabkommen.

Oder ist das West-Jordanland jetzt Palästina?

CinnamonGirl
10
6.12.2011, 00:07

ob israel oder palästina--abkommen gibt es für beide und nicht wie sie gelogen haben nur für israel.

Makronaut
42
4.12.2011, 15:02

tja, warum?

-> fängt mit "a" an und hört mit "ismus" auf.

alternativvorschläge nehme ich natürlich gerne entgegen.

Djuli Murti
 
11
5.12.2011, 12:13
Also wollen Sie sagen - Palästienser arbeiten aus einer antisemtischen Grundhaltung für Billigstlöhne in den Siedlungen??

Makronaut
12
5.12.2011, 14:06

nö. das machen sie, weil die isr anscheinend am besten zahlen. sonst würden sie ja woanders arbeiten.

Human factor
21
3.12.2011, 18:13
Ich muss dem Standard mal ein dickes Lob aussprechen.

In keinem anderen deutschsprachigem Print-/Online-Medium bekommt man so viel über die Situation in Palästina/Israel zu lesen. Danke und weiter so!

fritz hayaelmoco
01
4.12.2011, 18:28
im spiegel

hab ich, zb, auch schon über dieses projekt gelesen

Makronaut
86
3.12.2011, 19:29

schöner wär's noch ohne bias.

Djuli Murti
 
12
5.12.2011, 12:14
Wie soll das möglich sein, wenn man um Objektivität bemüht ist.

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