Zukunft des Journalismus

Ich, Postjournalist

Gastkommentar | 3. Dezember 2011, 10:02

Mit der Politik ist auch der Journalismus in eine Phase getreten, in der Form vor Inhalt kommt - und Profit vor Aufklärung. Dagegen hilft nur mehr ein Akt der Notwehr. Mit ungewissen Folgen - Von Eberhard Lauth

Zuerst eine Deklaration. Ich verdiene kein Geld mit Journalismus. Nicht mehr. Ich schreibe zwar und recherchiere, aber das geschieht entweder aus einem persönlichen Bedürfnis (so wie hier auf The European und drüben beim "eigenen Baby" ZiB21), oder möglichst wertfrei im Dienste zahlender Kunden. Letzteres ist kein Journalismus, sondern höchstens Handwerk. Aber es bringt ungleich mehr Geld.

Die Medienbranche hat sich radikal verändert

Damit ist der Titel dieses Artikels allerdings nur ungenügend erklärt. Es geht hier nur am Rande um private Befindlichkeiten und berufliche Überlegungen. Es geht hier um das Projekt eines ehemaligen Kollegen, zu dem ich auch ein paar Gedanken beitragen möchte. Es nennt sich "Projekt Postjournalismus" und soll irgendwann zu einem Buch wachsen. Es ist ein Buch, das ich für notwendig halte.

Warum, das erklärt Michel Reimon, Initiator der Idee, hinter obigem Link besser als ich. Daher hier nur die Zusammenfassung: Massenmedien gelten als vierte Macht im Staate, Journalisten als notwendiges Korrektiv des politischen Systems. Doch, so Reimon, die radikale Kommerzialisierung und Marktorientierung der Medienunternehmen habe die Branche in den vergangenen drei Jahrzehnten grundlegend verändert: Wenn Profit vor Aufklärung kommt, verändert das den Journalismus. Sein Publikum, die Öffentlichkeit ist nicht mehr Kunde, sondern wird zum Produkt. Das Publikum wird zur Zielgruppe und als solche verkauft - unter anderem für eine Form von Berichterstattung, die äußerlich wie Journalismus wirkt, aber innerlich bloß dazu dient, die Reichweiten zu steigern und Werbeumfeld zu schaffen.

Ich habe das auch viele Jahre lang gemacht, als ich noch an den Futtertöpfen der Musikindustrie (und gelegentlich auch der Filmindustrie) naschte. Viele der damals publizierten Stücke basierten auf der unausgesprochenen Übereinkunft, Papier mit Texten über Menschen oder Produkte vollzuschreiben, weil ich dafür auch etwas bekommen hatte. Flüge. Übernachtungen in Hotels. Drinks. Gästelistenplätze mit Begleitung. Kontakt zu Prominenten.

Kein Verlag, für den ich je tätig war, hätte diese Zuwendungen bezahlt, um an die entsprechenden Geschichten zu kommen. Doch sie wurden gerne publiziert, auch gerne im gewünschten Umfang, auch gerne mit den beigestellten Bildern, um Budgets zu schonen. Was hätten sie auch anderes tun sollen? Zähne zeigen? Auf journalistische Prinzipien pochen? Einladungen ablehnen? Bei der nächsten Gelegenheit keinen eigenen Redakteur mehr dort haben? Und bei der übernächsten das begleitende Inserat bei der Konkurrenz finden? Das kann einen Verlag mittelfristig umbringen. Und das kann Chefredakteure ihren Job kosten. Ich habe es gesehen.

Bleibt die Frage, was meine Rolle in diesem Spiel war. War ich ein Journalist, der immer das geschrieben hat, was er nach eingehender Recherche für richtig hielt? Oder war ich auch damals bereits Postjournalist nach obiger Definition - also Teil eines Systems gegenseitiger Gefälligkeiten, die ein Prinzip des Journalismus, das des unabhängigen Korrektivs, aushöhlen und verhöhnen? Die Antwort fällt im Rückblick einfach: Ich war Letzteres, wenn auch nicht immer. Aber halb seriös ist leider noch lange nicht seriös.

So wie ein bisschen korrupt trotzdem noch immer korrupt ist. Dieser Tage ist auch der Korruptionsindex von Transparency International veröffentlicht worden. Österreich ist darin auf Platz 16 abgerutscht, im Jahr 2005 lag es noch auf Rang zehn. Die neue Reihung verweist das Land also ins schlechte Mittelfeld. Kein Beinbruch, könnte man sagen, aber das wäre zu einfach. Und ebenfalls zu einfach wäre, diesen schleichenden Prozess allein mangelnder Transparenz bei der Parteienfinanzierung oder dem zynischen Lobbyismus in eigener Sache anzulasten, der den schwarzblauen Regierungsjahren anhaftet.

Das alles konnte nur in einem Umfeld passieren, in dem Journalismus keinen Platz mehr hat, sondern nur mehr der Kolportage dient. Man könnte auch Hofberichterstattung dazu sagen, die einmal diese und einmal jene Interessensgruppe vertritt - je nach politischer Ausrichtung des Mediums oder betriebswirtschaftlichen Erwägungen. So lange der Journalismus versagt, sind alle anderen Korrektive zur Bekämpfung systematischer Korruption ungenügend.

Journalismus ist vielleicht keine gute Wahl

Im eingangs verlinkten Rohkonzept zum Projekt Postjournalismus findet sich übrigens auch ein Abschnitt mit Fragen, wie man diesen Systemzwängen entkommen könnte. Ich denke, sie lassen sich nur mit Selbstdefinition und Selbstbewusstsein beantworten. Und mit dem Eingeständnis, dass Journalismus vielleicht keine gute Wahl ist, wenn man damit sein Leben finanzieren möchte und für Ärger aller nicht geschaffen ist. Journalismus wird so immer mehr zu einem Akt der Notwehr. Das ist zwar für viele sicher keine Perspektive, aber es ist ein gutes Motiv. Und ein Beitrag zur Zivilisation. (Eberhard Lauth, derStandard.at, 3.12. 2011)

 

Autor

Eberhard Lauth, The European, arbeitete viele Jahre als freier Autor und in den Chefredaktionen der österreichischen Magazine WIENER und Seitenblicke Magazin. 2009 gründete er das Meinungsmagazin ZiB21.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 36
1 2
rari
00
5.12.2011, 19:25
Freiheit contra Verantwortung ?

Heute gratis, nicht umsonst, aber unnötig: die Leistung einer ganzen Berufsgruppe (den Beamten) infragezustellen (Der Beamten-Dino...die Staatsdiener..bis zu 3,5%..) und gleich darunter halbnackt genau einen Vertreter dieser Berufsgruppe (Feuerwehr) in Halbblattgröße abzubilden ist Schizophrenie. Leider ist es offenbar nicht möglich die Produzenten solcher verhetzenden Schlagzeilen zur Verantwortung zu ziehen, denn die verstecken sich hinter der Pressefreiheit und behirnen nicht die Verantwortung der Wirkung von Multiplikatoren. Mir tun die vielen seriösen Journalisten leid, die dann womöglich für solche Schmierereien mitverantwortlich gemacht werden. Pecunia non olet ? Nicht nur, sondern: Gestank bringt auch Geld - arme Schreiberlinge !

derFalkner
00
5.12.2011, 07:44
Wes Brot ich sing, des Lied ich ess! Brandneu!

Kann man langsam nicht mehr hören - die ganze Hysterie von angeblich zugenommen habender Korruption und Inhaltsleere. Diese Eindrücke rühren vermutlich daher, dass etwa die Zeiten des Kalten Krieges - vollgestopft mit brunzdummem Gesinnungsjournalismus - nicht miterlebt wurden. Ähnliche Legendenstrickerei läuft im Bereich Fernsehen - als ob "Bauer sucht Frau" blöder wäre als der "Blaue Bock"....

Karl-heinz Grill
00
5.12.2011, 06:36
kottan liest die pravda.

sie weist viele geschwärzte (zensurierte) stellen auf. auf die frage eines kollegen meint er: "das sie die stellen wo bei uns die inserate stehen".

santa fe
 
00
4.12.2011, 23:37
"Wenn Profit vor Aufklärung kommt, verändert das den Journalismus"

der autor erläutert zeilenreich, was man mit einem satz sagen kann: die Fi hat auch die medien gekauft, nicht nur die politik.

viele journalisten sind aufgrund ihres fachwissens bereits für das

BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN für alle

schreiben aber nicht darüber, weil sie dafür nicht nur nicht bezahlt, sondern an berufs-chancen verlieren würden.

sogar die kaum als progressiv-liberal geltende "süddeutsche zeitung" hat heute mit der meldung aufgemacht, dass die piraten das BGE nun auch offiziell in ihr programm aufgenommen haben. im standard wurde das im lückenfüllbereich versteckt.

"DEUTSCHLAND
Altkanzler Schmidt warnt vor deutsch-nationaler Kraftmeierei
42 Postings
Piraten fordern Grundeinkommen und Drogen-Freigabe [14]"

politisch verfolgt
00
4.12.2011, 21:46
momentan ist es besonders schlimm

print geht es schlecht, die anzeigen bleiben aus. das ist allgemein bekannt, weshalb wahrscheinlich einige versuchen, in artikel dinge reinzudrücken, die sonst nicht möglich wären. oder wenigstens nicht so.

rari
00
4.12.2011, 19:33
seriöser Journalismus...

ist, glaube ich, schon immer und wird immer mehr ein Minderheitenprogramm. Die Medien die sich immer mehr dem Profitdenken unterordnen (müssen), werden durch die neuen Technologien bestraft: vieles findet schon nicht mehr über die konventionellen Schienen statt. Zwei Aspekte für zukünftigen Jounalismus scheinen mir besonders wichtig:
- Fakten von Meinungen zu trennen
- das Ziel, den Kunden jene Grundlagen zu bieten, die ihnen in ihrem geschellschaftlichen Umfeld größtmögliche Kompetenz ermöglicht.
- und das alles in einem so kompakten Format, daß eine verlustfreie Aufnahme (täglich) möglich ist.

Harry Y.
 
01
4.12.2011, 13:52

Das freie Schreiben ist auch im literarischen Bereich vielfach pure Notwehr. Sogar an Sach- und Fachbüchern, meist Letzterem, arbeitet man sich aus diesem Grund ab.

Erwin Wolfram
62
4.12.2011, 00:38
uebersetzung

ich bin zu debil ein 10seitiges formular fuer die notstandshilfe auszufuellen und dann bei einem projekt, dass "psychologisch" betreut ist klopapier zu beschriften, da besteht teilnahmezwang, darueber zu schreiben bin ich erst recht zu korrupt. natuerlich sind die konzerne daran schuld, ich nicht. die leser erbrechen wenn sie meinen nazimuell lesen.

Harry Y.
 
10
4.12.2011, 12:32

Wenn der @Wolfram hier und woanders "ich" schreibt, dann spricht er nicht von sich.
(Vielleicht ist er schizophren? >sarkasmus<)
Das aber war beim Erfassungsversuch dieses Textes nicht mein Problem.

Interpretationsversuch: "erst recht zu korrupt" soll vielleicht darauf hindeuten, dass Wolfram an jener Stelle eventuell darauf hinweist, das Anfangswörtchen "debil" nicht sprichwörtlich zu nehmen, sondern in Gedanken durch den Begriff "korrupt" zu ersetzen. Er könnte meinen, dass die Inanspruchnahme von Einkünften aus der Arbeitslosenversicherung in solchen Fällen anständiger wäre als sich einer Erwartung anderer, dass man pervertierten Journalismus abzuliefern habe, zu unterwerfen.

Wenn er etwas anderes meint, dann soll er's sagen.

Erwin Wolfram
11
4.12.2011, 18:32
...

ja es ist einfach hart die kosten aus diesem luegnerischen journalismus zu tragen und aufzulaufen zb hab ich gestern im radio gehoert, dass grundischerungsbezieher zu schuechtern sind hinzugehen, dass ich doch eine nationalsoz pervertierung, denn man hoert im kapitalismus doch zu existieren auf, wenn man nicht das kleinste eigentum hat und ich habe hunderte seiten aufzeichnung wie beamte und psychologen zu erpressen wissen das der antragsteller als sklave und kostenloser psychologe arbeitet wenn man solch verbrecherische mehrseitige formulare ueberhaupt akzeptiert, wieso keine journalistische leistung dazu, ist volksschulstoff, daher... stehe zu meiner aussage...

Harry Y.
 
00
4.12.2011, 21:40
Sie mißverstehen mich, aber ich bin mangelnder Sorgfalt bei der Formulierung wegen selber schuld.

Ich habe mich nicht über Sie lustig zu machen versucht (eher über andere), sondern Sie im Gegenteil ernst genommen. War doch auch ich länger erwerbsarbeitslos und weiß, wovon Sie reden. (Hätten Sie meine Postings manchmal gelesen, wüßten Sie das.) Es gibt einen lügnerischen Journalismus zu diesem Thema, ob in dezidierter Absicht oder nicht, vollinhaltlich einverstanden, und kommt auch im Standard vor.

Zu schüchtern? Da geht's wohl nur um die, die nicht die ganze GS brauchen zum Überleben. *)

Mit der nationalsozialistischen Pervertierung bin ich nicht ganz einverstanden, es sind eher faschistische staatl. und ökonomische Strukturen; aber ich weiß genau, was Sie meinen. Doch es geht wohl nicht nur um die Formulare? Dort um welche Punkte?

Harry Y.
 
00
5.12.2011, 18:43

Herrschaftliche, autoritäre Strukturen, die immer in Entmündigung zu entgleisen pflegen.

Aung San Suu Tschi
 
15
3.12.2011, 23:36
Wir, PostjournalistInnen

Medien sind heute Betriebszeitungen von Interessensgruppen.

Früher gab es eine horizontale Linie: Dort die Regierung, die Wirtschaft, die Kultur, dann die Linie & hier die Medien, die für ihre Leser diese gesellschaftlichen Institutionen kommentiert & beurteilt haben.

Heute gibt es vertikale Linien: Die Interessensgruppe A, mit Banken, Finanzbeteiligungen, Politikern aller Parteien als Lobbyisten & Pressereferenten für die Öffentlichkeitsshow "halten" sich ein Medium, Interessensgruppe B, C, D, detto.

Die vielbeschworene Wahrheit kann man also nur mehr durch Quer-Lesen erfahren. Die Zeitung der Gruppe A berichtet bei Konkurrenz über Negatives der Gruppe B, C berichtet über D usw.

& wir PostjournalistInnen mussten aus- & umsteigen.

politisch verfolgt
00
4.12.2011, 21:44
sie sind journalist?

Aung San Suu Tschi
 
00
6.12.2011, 00:05
Nein, Postjournalist

papst benedikt
04
4.12.2011, 19:17

wobei ich euch postjournalistInnen alles gute für aus- und umstieg wünsche.
weil Ihr gebraucht werdet, heute mehr denn je.

p1234
01
3.12.2011, 19:02

Ähm... ja, find ich gut. Aber das Buch zum Thema gibt es leider schon.

http://en.wikipedia.org/wiki/Manu... Mass_Media

Kondratjew -Zyklus
 
02
3.12.2011, 17:59
Das Forum wird gelesen, die "Artikel" nicht.

Harry Y.
 
00
4.12.2011, 13:59

Too extreme. (We go back to Transylvania, prepare the transit beam.) Sie sind jedenfalls kein Journalist im objektiven Sinne. Vielleicht Übertreibungskünstler.

Denn viele von uns lesen sehr viel vom Forum nicht. Viele Artikel hingegen schon, sonst könnten wir sie nicht kommentieren. Sehr, sehr viel, auch der Standard-Foren, ist erstens, wo nicht gleich von rechtsextremer Tendenz, daher sowieso, vom Inhalt her vernachlässigbar und zweitens schon von der Menge her für niemanden Einzelnen bewältigbar.

Sie stellen das so dar, als wäre jeder Standard-Artikel (apropos, wie ist es eigentlich mit Kolumnen und Kommentaren?) eine einzige Lüge, sämtliche Forenbeiträge aber die Quelle aller Wahrheit. Sie wissen, dass das so nicht wahr ist.

Kondratjew -Zyklus
 
01
5.12.2011, 05:54
Woher wissen Sie was ich NICHT bin ?

Harry Y.
 
00
5.12.2011, 18:48

Sie haben völlig Recht. Aufgrund eines einzigen Satzes, den Sie losgelassen haben, beurteilen zu wollen, was Sie nicht sind, ist/wäre unfair, um nicht zu sagen total daneben. Aber etwas mehr an Genauigkeit darf ich mir dennoch wünschen.....mfG ;)

Kondratjew -Zyklus
 
00
5.12.2011, 19:10
Allein an den beiden Fakultäten unseres Hauses wurden hunderte Mannjahre in die Trassenplanung der Trans-Europäischen Netze für den Verkehr gesteckt.

Harry Y.
 
00
6.12.2011, 21:15

Ich glaub', ich wär' frustriert.
Insiderinfo bitte jederzeit gerne.

Harry Y.
 
00
5.12.2011, 19:00

Aber WENN ich wüßte, wer Sie nicht sind (wer Sie im Wesen nicht sind, was Sie nicht denken, welche Einstellungen Sie dezidiert nicht teilen), dann könnte ich doch ungefähr darauf zu schließen versuchen, wer Sie sind; und umgekehrt. Ihre Frage könnte also ebenso lauten: "Woher wissen Sie, was ich bin?"
Ich weiß es nicht: denn ich entsinne mich nicht einmal der wenigen Ihrer Postings, die ich bis dato überflogen habe. Also: was sind Sie nicht?
(We could play 'Twenty Questions'.....!)

papst benedikt
09
3.12.2011, 16:54

bravo.
soviel "wahrheit" würde der leser von journalisten, die im abhängigkeit zu ihren medien stehen, die wiederum in abhängigkeit zu ihren financiers stehen, niemals lesen.
oder würden Sie einem medium einen kredit bewilligen, das in Ihrem konzern recherchiert und möglicherweise ungereimtheiten aufdeckt?
na also.
dass unsere medien heutzutage unabhängig sind, ist schlicht und einfach gelogen.

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