Amos Oz will "Mini-Marshallplan für Palästina und Israel"

5. Juni 2003, 11:07
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Israelischer Schriftsteller erwartet "schmerzhafte Scheidung"

Frankfurt/Main - Einen "Mini-Marshallplan für Palästina und Israel" hat der bekannteste israelische Schriftsteller Amos Oz angeregt, damit die palästinensischen Flüchtlinge in dem zu errichtenden Staat Palästina angesiedelt werden können. "Jetzt muss die Welt beiden Seiten möglichst viel Hilfe, Mitgefühl und Verständnis entgegenbringen", schreibt Oz in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Donnerstag-Ausgabe). Israel müsse die Sicherheitsgarantien bekommen, "die es als Gegenleistung für einen Rückzug aus den besetzten Gebieten unbedingt braucht."

Völker den politischen Führern voraus

Die Mehrheit der Israelis habe inzwischen erkannt, dass die meisten jüdischen Siedlungen im Westjordanland und im Gaza-Streifen aufgelöst werden müssten. "Sonst kann es einen lebensfähigen Staat Palästina nicht geben", unterstreicht Oz. Zum ersten Mal in ihrem hundertjährigen Konflikt seien die beiden Völker ihren politischen Führern voraus. Sie wüssten, "dass das umkämpfte Land in zwei Staaten geteilt werden muss". "Die Tschechen und Slowaken haben vor nicht allzu langer Zeit den gleichen Schritt getan - ohne Blutvergießen."

"Schmerzhafte Scheidung" erwartet

Doch sobald die Zwei-Staaten-Lösung Realität geworden sei, würden sich beide Seiten "wie amputiert fühlen". "Jetzt geht es um Einfühlungsvermögen, nicht um historisches Aufrechnen und um Schuldzuweisungen. Weder Ariel Sharon noch Mahmud Abbas werden sich als Wiedergänger von Nelson Mandela erweisen. Doch ob sie wollen oder nicht, sie haben sich im Räderwerk des Friedens verfangen, werden hineingezogen, während sie sich noch lauthals dagegen wehren und die Fanatiker daheim zu beruhigen versuchen. Dem Friedensprozess werden sich diese beiden Männer nun aber fast nicht mehr entziehen können. Niemand sollte erwarten, dass zwischen Todfeinden plötzlich Harmonie herrscht. Erwarten wir eine schmerzhafte Scheidung und eine Aufteilung ihres kleinen Hauses in zwei noch kleinere Wohnungen. Die Zeit dafür ist reif", schreibt der 64-jährige Amos Oz. (APA)

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