Der Roboter geht solo

5. Juni 2003, 18:32
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Mit "Paper Monsters" beweist Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan, dass er durchaus komponieren kann

Dave Gahan wird in der ersten Reihe von Depeche Mode immer viel zu wenig beachtet. Singen darf er, komponieren nicht. Mit "Paper Monsters" beweist er, dass er das durchaus kann.


Erste Reihe fußfrei. Und das seit 20 Jahren. Dave Gahan mag zwar als Sänger der altehrwürdigen britischen Popinstitution Depeche Mode seit gut einem Vierteljahrhundert mit Hits von Just Can't Get Enough über People Are People oder Question Of Time und vier Handvoll anderen Klassikern bis herauf zu Dream On die Früchte des Superstardaseins mehr als reichlich gekostet haben - inklusive einer wieder überwundenen Heroinsucht, die ihn beinahe ins Grab gebracht hat. Aber irgendetwas an diesem Bitter Apple, von dem er heute singt, war schon immer faul. Beziehungsweise: Dave stank seit jeher etwas ganz gewaltig.

Im Gegensatz zu Kollege Martin Gore, der als alleiniger künstlerischer Herrscher von Depeche Mode die ganzen Texte und Melodien beisteuert, dafür auch allein die fetten Kompositionstantiemen kassiert und den armen Dave allein mit der ungleich kargeren Interpretationsrendite abspeist, dafür aber versteckt hinter Synthesizer-Burg und Gitarren im Hintergrund werken muss, leidet Gahan offensichtlich an einem schwerwiegenden Mangel künstlerischer Anerkennung. Zwar darf er sich vorne an der Rampe in die Auslage stellen und den waidwunden Alt-Teenie mit den Suizidkommando-Lyrics geben. Das Leiden aber bleibt ein fremdbestimmtes. Dave mit seinen berüchtigten roboterhaften, von ihm launig auf sein Intimzonen-Piercing zurückgeführten Tanzschritten als ewiger Dienstleister, der ein Werk zwar deuten, aber nicht schöpfen darf. Etwaige Angebote von Gahan, eigene Songs für Depeche Mode beizusteuern, wurden von Gore immer strikt abgeblockt.

Nachdem Martin Gore gerade mit Counterfeit 2 sein zweites Soloalbum veröffentlicht hat, bei dem der Dichter schweigt, bekannte Klassiker wie David Bowie, Lou Reed oder Nick Cave interpretiert, um sich die Inspiration für das nächste Produkt seines Stammunternehmens aufzusparen, darf und will Dave Gahan nun endlich nicht länger an sich halten. Mit Paper Monsters debütiert der 41-jährige als Songwriter. Und eigentlich hätte man sich nach all den Jahren im Zeichen kreativen Triebstaus nichts weniger als ein Opus magnum praktizierten Synthie-Popper-Leidens erwartet. Zumal Gahan in der letzten Zeit bei Depeche Mode immer dann am glücklichsten wirkte, wenn er die existenzialistische Rocksau heraushängen lassen durfte.

Weit gefehlt. Mit Depeche Mode haben die zehn Songs von Paper Monsters zwar die Geste gemein, modernste Computertechnik mit rockigen Gitarren und Streicherarrangements zu koppeln. Gemeinsam mit dem amerikanischen Multiinstrumentalisten Knox Chandler (Golden Palominos, R.E.M., Psychedelic Furs) und dem jüngst für die isländischen Elegiker Sigur Ros tätig gewesenen Ken Thomas an den Reglern liefert Gahan allerdings hier ein weitgehend uneitles wie auch unspektakuläres Album ab.

Hauptmerkmale: sehr ruhig und angenehm blueslastig, ohne dabei auf Joe Cocker im Technopark zu machen. Bei Depeche Mode würden diese Balladen von der Midlife Crisis wohl traditionell von Martin Gore gesungen werden. Dave Gahan kann das ab sofort auch. Eine Krise bei der Stammband ist deshalb in Sicht. Gahan will nur noch mittun, wenn ab sofort auch Songs aus seiner Feder bei Depeche Mode zum Einsatz kommen. Können tut er es. Die Hand für Hits fehlt ihm. Kein Album des Jahres, geht aber schwer okay. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2003)

Von
Christian Schachinger
  • Dave Gahan  Paper Monsters 
(Mute/Virgin)
    foto: mute/virgin

    Dave Gahan
    Paper Monsters
    (Mute/Virgin)

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