Bin Laden beliebter als Bush

5. Juni 2003, 09:50
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Sympathieverluste für die USA: Meinungsforscher untersuchten Einstellungen in zwanzig Ländern - Ex-Außenministerin Albright besorgt

"Der Krieg hat die Kluft zwischen den Amerikanern und Westeuropäern erweitert, die muslimische Welt noch mehr aufgebracht, die Unterstützung für den Kampf gegen den Terrorismus untergraben und die weltweite Zustimmung für die Stützen der Nachkriegszeit - UNO und Nato - bedeutend geschwächt": Mit diesen Worten hat Andrew Kohut, der Leiter des renommierten US-Meinungsforschungsinstitutes "Pew Research Center for the People and the Press", das Ergebnis einer neuen Studie zusammengefasst. Für diese Studie waren zwischen dem 28. April und 15. Mai 2003 16.000 Personen in insgesamt 20 Ländern zu ihrer Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten, deren Außenpolitik sowie zu Präsident George W. Bush befragt worden.

Dabei stellte sich heraus, dass eine immer größer werdende Anzahl von Muslimen in der Politik der Regierung Bush eine ernsthafte Gefahr für den Islam sieht. Mehrheiten in sieben von acht Ländern mit muslimischer Bevölkerung, allen voran Indonesien, Nigeria und Pakistan (mit mehr als 70 Prozent), zeigen sich "ziemlich" bis "sehr" besorgt, die Vereinigten Staaten könnten sich künftig zu einer militärischen Bedrohung für ihr Land entwickeln.

"Ich hätte mir nie gedacht, dass ich eine derartige Umfrage sehen würde", erklärte die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright, Leiterin des Projektes "Views of a Changing World". Es erfülle sie mit Sorge, dass die Menschen nun die US-Machtposition fürchten.

Schaden gelitten

In nahezu jedem Land, in dem die Umfrage durchgeführt wurde, hat die Einstellung gegenüber den Vereinigten Staaten seit dem vergangenen Sommer Schaden gelitten. In Frankreich und Deutschland zum Beispiel ist der Prozentsatz der Befragten, die den USA mit Sympathie gegenüberstehen, von 63 bzw. 61 Prozent auf 43 bzw. 45 Prozent gesunken. In Spanien, wo die Regierung den Krieg unterstützte, stehen nur 38 Prozent der Bevölkerung den USA positiv gegenüber. Auch in Russland müssen die USA ein schmerzliches Popularitätstief verbuchen: Nur noch 36 Prozent der Russen sympathisieren mit Amerika - im Sommer 2002 waren es noch 61 Prozent gewesen.

Der US-Präsident, dessen Popularitätswerte in den USA weiterhin besonders hoch sind, kommt dabei besonders schlecht weg: In den meisten Staaten, wo negative Gefühle vorherrschen, erklärten die Befragten, das Problem sei nicht "Amerika im Generellen", sondern "hauptsächlich George W. Bush".

Die Ursachen des Sympathieverlustes waren für Kohut nicht schwer zu ermitteln: Die vermehrte Feindseligkeit gegenüber den USA sei ein direktes Resultat des Irakkrieges. Und, so Kohut: "Wir waren nicht in der Lage, die muslimische Welt mit unseren Argumenten gegen Osama Bin Laden zu überzeugen, weil sie immer noch eher die Vereinigten Staaten als eine Bedrohung betrachtet."

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.6.2003)

Von Susi Schneider aus New York

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people-press.org

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    Die USA haben mit Sympathieverlusten zu kämpfen

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