Ganz viele Teile

10. Juni 2003, 11:39
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Der Antwerpener Designer Dries Van Noten gilt in der Modewelt als stiller Revolutionär. Er hat den modernen Lagenlook erfunden und ist der Großmeister des Kombinierens von Schnitten und Farben.

Um Belgiens Designer ist es ruhig geworden. Zwar liest man in jeder Saison von neuen Namen aus Antwerpen, die aufspringen aufs Modekarussell, ob sie sich freilich halten werden, bleibt ungewiss. Und auch von "The Antwerp Six" hört man wenig, jenen sechs Musketieren aus der Stadt an der Schelde, mit denen vor knapp zwanzig Jahren das belgische Modewunder begann. Gibt es sie noch?

Eigentlich schon. Zwar macht Walter Van Beirendonck eher als Lehrer an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen von sich reden, der Keimzelle jenes kreativen Nachwuchses, der mit steigender Zahl die Pariser Designerschauen überflutet. Und Dirk Bikkembergs ist mittlerweile vor allem mit Männermode erfolgreich. Auch Ann Demeulemeesters Stil wird nach wie vor beobachtet, aber der Hype darum hat sich gelegt. Dirk Van Saene und Marina Yee standen eigentlich nie im Rampenlicht. Bleibt noch Dries Van Noten.

Dries - der Zauberer?! Bei seinem Defilee im vergangenen März war man begeistert, als er seine Mode für den Winter 2003 / 04 unter einem Lichterhimmel aus bunten Lämpchen vorführen ließ. Und geriet ins Schwitzen, wollte man die Kombinationen seiner gut achtzig Outfits pro Kollektion beschreiben? Doch ist das überhaupt wichtig? "Meine Outfits sind nur Vorschläge", sagt dazu der Designer. "Ich kreiere eine Vielzahl von Einzelteilen, die man auf individuelle Art zusammenstellen kann. Dabei ist immer die Persönlichkeit des Einzelnen ausschlaggebend. Ich wäre begeistert, wenn man meine Mode kaufen und sammeln würde, um sie in jeder Saison neu zusammenzustellen, auch indem man sie durch neue Teile ergänzt." Genau hier steckt der Schlüssel für Dries Van Notens Erfolg. Er ist schließlich nicht nur Designer, sondern auch Inhaber und Manager seines Unternehmens. Und er stammt aus einer alten Antwerpener Textilfamilie. Sein Großvater hatte das erste Herrenmodegeschäft der Stadt. Seine Eltern ließen weitere Boutiquen folgen.

Dries, 1958 geboren, begleitete schon mit zwölf Jahren den Vater zum Einkauf von Mode nach Paris, Florenz oder Düsseldorf. "Von Anfang an lernte ich beide Seiten des Metiers kennen, die kreative und die kommerzielle", erzählt er. "Und ich fand sie beide spannend. Auch wusste ich stets, dass ich in dieser Branche arbeiten wollte. Nur auf welcher Seite, blieb lange Zeit ungewiss."


1977 entschied er sich schließlich für ein Modestudium an Antwerpens Königlicher Akademie der Schönen Künste, die damals noch Heimstatt war für konservative Kreativität im Stil Coco Chanels. Doch schon während der Studienzeit begann er, Kollektionen zu entwerfen, für Männer und Kinder übrigens. Als er 1981 die Schule verließ, hatte er zwar ein Diplom, aber keine Zukunft in Aussicht. Wer erwartete schon Mode aus der Stadt der Schokolade, der Muscheln und von Rubens? Doch das wollte er ändern, als er sich 1986 entschloss, mit fünf ehemaligen Schulkameraden, mit Ann Demeulemeester, Bikkembergs, Van Beirendonck & Co, an der Londoner Modewoche teilzunehmen.

Doch der Stein kam erst per Zufall ins Rollen, als man sie in der falschen Halle platzierte, hinter Brautkleidern versteckt. Also ließen sie Flyer drucken, um auf sich aufmerksam zu machen. "Besuchen Sie die belgischen Designer" stand drauf. "Come up and see the Antwerp Six!" "Eigentlich haben wir uns nur zusammen einen Messestand geteilt", sagt Dries Van Noten heute. "Doch wir alle waren in derselben Situation: Wir standen am Anfang und kamen aus Belgien!" Die Einkäufer von Barney's in New York und Whistles in London ließen sich nicht abschrecken.

Heute gilt Dries Van Noten als ein stiller Revolutionär. Modefachleute sind sich darüber einig, dass er, ohne viel Aufhebens davon zu machen, die Art, wie wir uns kleiden, was wir miteinander kombinieren und übereinander ziehen, nachhaltigst beeinflusst hat. Er gilt als der Erfinder eines neuen, modernen Layerings, eines "Lagen-Looks", der aus möglichst vielen Einzelteilen besteht. Man zieht Wickelröcke über Hosen, Westen über Tuniken und Jacke und Mantel darüber. Und bindet sich einen schönen, dekorativ bestickten Schal um. Denn in Antwerpen ist es kalt, und ein biss- chen Glitzer auf dekorativen Stoffen in schönen Farben vertreibt trübe Nebelgedanken!

Und so trifft Westliches auf Exotisches, Maskulines auf Ethnisches. Dabei wurde Van Notens Art des Kombinierens so schnell in unseren Alltag integriert, dass man den eigentlichen Ursprung vergaß. Das war umso einfacher, als sich der Designer stets um Tragbarkeit und moderate Preise bemüht hatte. "Ich sehe mir ein Kleidungsstück an", bemerkt er dazu, "nehme es auseinander, setze es wieder zusammen, beginne mit den Proportionen, den Ärmeln, dem Kragen zu spielen. Und schließlich mit den Stoffen und Farben."

Dabei gelten Stoffe und Farben als seine Spezialität. Er ist sicher einer der besten Koloristen der Branche. Seine Farbkompositionen sind richtungweisend, und seine Stoffe gehören zum Schönsten, was die Mode in jeder Saison zu bieten hat. Vieles dabei entwickelt er selbst. "Das fängt mit ein paar alten Fotografien von ein paar Mädchen in albanischer Tracht an. Dann finde ich ein Stück Möbelchintz, ein paar alte Tapetenentwürfe und einen besonders schönen Sari aus Indien. Daraus entwickelt sich dann eine ganze Kollektion."

Dabei stört es ihn nicht, wenn man ihn als "Ethnodesigner" apostrophiert, obwohl er persönlich das Wort Folklore bevorzugt. Denn vor allem die handwerkliche Seite fasziniert ihn, die Stickereien, Webtechniken, Drucke und Dessins.

"Dabei reise ich viel weniger, als man vermutet", fügt er lachend hinzu. "Denn wenn man sich auf ein bestimmtes Land festlegt, es bereist, neigt man dazu, das Ergebnis zu nahe an der Realität anzusiedeln. Der Auftritt wird zu perfekt. Ich bevorzuge es einfach, mir ein paar alte Fotografien anzusehen - und den Rest träume ich dann dazu!" (DerStandard/rondo/Peter Bäldle/06/06/03)

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