Mediengipfel in Lech zur Krise von Euro und EU: Experten warnen vor Defiziten
Lech - "Ich bin ein totaler Fan der gegenwärtigen Krise", bekannte der
Schriftsteller Robert Menasse zum Auftakt des europäischen
"Mediengipfels" in Lech am Arlberg. Die aktuelle Krise rund um Euro und
Schuldenstaaten sei notwendig. Sie mache die "grotesken Widersprüche"
zwischen transnationalen Institutionen und den nationalen Ebenen in der
heutigen Union sichtbar: "Sie wurden so dramatisch, dass nun Antworten
gefunden und Beschlüsse gefasst werden müssen", so der Autor in einer
Zuspitzung unter dem Titel "Grüße aus Auschwitz".
Der Rat müsse weg. Seit Jahren sei es zu einem Wiedererstarken des
Nationalismus gekommen, würden nationale Regierungen stärker versuchen,
die gemeinsamen EU-Institutionen zu unterlaufen, erklärte er. Das aber
verstoße gegen Sinn und Geist der Union (als Antwort auf die
Verwüstungen durch den Nationalsozialismus) ebenso wie Versuche in
Deutschland, mit einer ständig zaudernden Kanzlerin Angela Merkel einen
"deutschen Führungsanspruch" zu erheben.
Insbesondere mit letzterer These löste Menasse heftigen Widerspruch in
der von Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid geleiteten
Diskussion aus. Aber vor dem Hintergrund, dass Berlin und Paris am
Montag ihren EU-Reformvorschlag in der französischen Hauptstadt
präsentieren werden, hätten Menasses provokanter Anstoß und das zum
fünften Mal vom Klub der Auslandsjournalisten ausgerichtete Europa-Forum
in Lech kaum angemessener ausfallen können.
"Die Nationalstaaten können nicht einfach weggewischt werden", hielt der
Philosoph Konrad Paul Liessmann Menasse entgegen. Man müsse die Gefahr
ernst nehmen, wenn die Völker das Gefühl hätten, dass "transnationale
Eliten" nicht mehr ihre Interessen vertreten. "Deutschland-Bashing sei
zu simpel", beschied auch der Zeit-Journalist Joachim Riedl. Menasse
wies auf "Verhetzungsartikel" in deutschen Zeitungen hin, etwa gegen
"die faulen Griechen".
Einig war man sich grundsätzlich darin, dass Europa jetzt Reformen
brauche. Markus Spillmann, Chefredakteur der "NZZ", wandte ein, dass man
die unterschiedlichen Haltungen von EU-Ländern "nicht ins nationale Eck
stellen" solle. Die Union sei eine Gemeinschaft aus sich heraus, "eine
Leistung, vor der man durchaus Respekt haben sollte".
Wie könnte es weitergehen? Charles King Mallory vom Aspen-Institute
sieht die Zukunft der Union "optimistischer" als die meisten Diskutanten
aus Europa: "Die Vereinigten Staaten von Europa sind erstrebenswert." (Thomas Mayer, DER STANDARD, Print-Ausgabe; 3./4.12.2011)