Wut und Ohnmacht

Der Tod einer Pekinger Idylle

3. Dezember 2011, 10:55
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    foto: standard/erling

    Der berühmte Schriftsteller Yan Lianke steht auf den Trümmern seines Nachbarhauses. Auch sein eigenes Heim, das im Hintergrund zu sehen ist, soll einem Straßenbauprojekt weichen.

Stadt Peking will Gartensiedlung abreißen, um Straße zu bauen - Die Enteignungen haben den Mittelstand erreicht

Die Unzufriedenheit der Bürger könnte zu einer Zerreißprobe für die Gesellschaft werden.

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Lautes Hämmern schreckt den Rentner Chen Shaohua am Freitag um fünf Uhr früh aus dem Bett. Während er noch im Schlafanzug die Tür einen Spalt öffnet, schlägt das Abrisskommando ein Fenster ein. "20 bis 30 junge Männer drängten sich in mein Haus. Sie trugen Fantasie-Uniformen und Helme mit Chinas Staatswappen" , berichtet der 59-Jährige. Eine Frau unter den Eindringlingen sagte ihm, sie seien von der lokalen Regierung. Er müsse unterschreiben, dass er mit dem Abriss seines Hauses einverstanden sei.

Als Chen den Polizeinotruf 110 wählen will, nehmen ihm die Männer sein Handy weg. Sie bugsieren ihn in einen Wagen und fahren ihn in das Büro ihrer Gesellschaft. "Unterschreibe, sonst kriegst Du gar nichts" , wird er dort angeherrscht. Er habe sich widersetzt, sagt er. "Selbst, wenn ihr mich zum Bettler macht. Ich unterzeichne nichts."

Zur selben Zeit an diesem Freitagmorgen beobachten Anwohner, wie Dutzende Männer Sachen von Chen aus dem Haus schaffen und in einem Lastwagen verschwinden lassen. In Kompaniestärke rücken junge Männer an, zwei Bagger walzen Chens Haus nieder. Als der frühere Lehrer an einem Luftwaffeninstitut der Armee um neun Uhr morgens zurückgebracht wird, findet er Haus und Garten als Trümmerfeld vor.

Mitten in der Hauptstadt

"Ich weiß, dass so etwas auf dem Land ständig passiert. Ich hätte nie gedacht, dass es mitten in Peking so zugeht" , sagt Yan Lianke, einer der großen Schriftsteller Chinas. Yan ist - wie Chen - einer von 39 Hausbesitzern, die sich in der Siedlung am Rande des vierten Stadtrings, die sich "Huaxiang weltbekannte Gärten" nennt, wegen eines Straßenbaus enteignet und vertrieben werden sollen. Yan gehört das Gehöft Nummer 53 mit einem Garten voller Fliederbäume und einem großen Gemüsefeld. Es liegt direkt neben dem zerstörten Haus von Armeepensionär Chen, an dem die Baugesellschaften und willfährige Behörden offenbar ein Exempel statuieren wollten.

Der einst mit höchsten chinesischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor ist auch international für Grotesken wie Dem Volke dienen oder den Roman Der Traum meines Großvaters bekannt, der ihn zum literarischen Anwalt rechtloser Bauern machte. Sein Ansehen schützt aber auch Yan nicht davor, zum Opfer des absurden Willküraktes zu werden, der sich im Gartendorf abspielt.

"Illegal erbaute Liegenschaft"

Empört zeigt Yan einen Abrissbeschluss der lokalen Volksregierung, der mit 24. November datiert ist. Sein Haus sei eine "illegal erbaute Liegenschaft" und werde am 30. November um acht Uhr früh abgerissen, wurde ihm darin mitgeteilt. Es sei den Behörden "unbekannt" , wer dort wohne und wem der Bescheid zuzustellen sei. "Das ist absurd" , sagt Yan. Er hatte sein Traumhaus 2008 mit allen behördlichen Stempeln als Pachteigentum auf 39 Jahre erworben.

Die anderen Eigentümer erhielten gleichlautende Bescheide. De facto hatte sich die Abrissgesellschaft einen behördlichen Freibrief ausstellen lassen. "Gangsterpack", sagt ein wütender Anwohner: "Zwei Männer haben mir den Zettel an mein Haus geklebt, ein Foto davon gemacht. Dann rannten sie weg, als ich vor die Tür trat. Das gilt als zugestellt."

Die Wut der Hausbesitzer entzündet sich an der Willkür der Behörden. Daran, dass sie ohne Einspruchsrecht vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Und weil sie Kungelei und Korruption vermuten. Am Mittwoch vergangene Woche, zum angekündigten Abrisstermin, flatterten überall rote Landesflaggen von den Dächern in der Siedlung tief im Südwesten Pekings. Umrahmt von den Portraits von Parteichef Hu Jintao drohten Bewohner auf Plakaten, mit den Häusern unterzugehen.

Vor einem Gemeindehaus, das Bürger der muslimischen Minderheit Hui als Treffpunkt nutzen und das auch abgerissen werden soll, hielten Männer mit weißen Muslimkappen ein Banner: "Es lebe die großartige Kommunistische Partei." Hanchinesische Nachbarn klatschten Beifall. Die Muslime hatten Freunde mobilisiert. Rund um ihr Gemeindehaus parkten mehrere Mercedes, Audis und Toyotas in doppelter Reihe als Wagenburg. "Wenn die Bagger kommen, müssen sie erst unsere Autos zermalmen."

Angesichts des großen Widerstands blieb der Abriss der Siedlung vorerst aus.

Angehörige des Mittelstands erleben nun am eigenen Leib, wie es ist, Opfer von Vertreibungen zu werden. So ergeht es Millionen mittelloser Stadtbewohner und Bauern in ganz China. Der renommierte Soziologe Sun Liping warnt vor einer schwelenden "ernsten Zerreißprobe" der Gesellschaft, die alle Schichten betreffe. In der Wirtschaftszeitung Jingji Guanchabao schreibt er, die Zahl an Bürgerproteste, bis hin zu blutigen lokalen Unruhen, habe sich seit 2006 verdoppelt. 2010 wurden mehr als 180.000 solcher Vorfälle registriert. Meistens entzündeten sie sich am Streit über Entschädigungen und am Widerstand gegen gewaltsame Enteignungen. Das Verbot aller Zwangsräumungen, das Premier Wen Jiabao und der Staatsrat mehrfach erlassen hatten, verpuffte ungehört.

Wut und Ohnmacht

Ohnmächtige Wut über die Willkür treibt die bunt gemischte Gemeinschaft aus Geschäftsleuten, pensionierten Ärzten und Ingenieuren auf die Barrikaden, die sich Häuser in dem im Flächenplan als Pekinger Siedlung "Nummer 711" ausgewiesenen Gartenlandschaft gekauft haben. Sie haben dafür vor Jahren Dutzende Verträge unterschrieben; niemand hat ihnen damals gesagt, dass der Stadtbezirk Fengtai eine Durchfahrtsstraße plant, die die Gegend direkt an Pekings Innenstadt anbinden soll. "Jetzt werden hier die Grundstücke richtig wertvoll" , sagt ein Anwohner.

Ein halbes Dutzend Hauseigentümer haben aufgegeben und die pauschal auf 190.000 Euro aufgestockte Entschädigung angenommen. Die meisten wehren sich. Sie haben ein Mehrfaches der Abfindung investiert, für die sie heute nicht einmal eine Dreizimmerwohnung kaufen könnten. "Wenn ihr mich vom Baum stoßen wollt, dann gebt mir wenigstens ein neues Nest" , sagt eine Frau.

Autor Yan hat schon im Juli miterlebt, wie das Haus eines Nachbarn abgerissen wurde, der als Erster wegzog. Seitdem arbeitet er nicht mehr in seinem Haus, er hat sich aber solidarisch mit den Nachbarn erklärt. Die haben am Freitag im Gartendorf begonnen, sich in ihren Häusern zu verbarrikadieren. Der 59-jährige obdachlose Chen, der am Morgen noch ein Hausbesitzer war, hat angekündigt, die Nacht vor der Bezirksregierung Fengtai zu kampieren. "Ich bringe mir Decken und meine Gasflasche zum Kochen mit." Es klang wie eine Drohung. (Johnny Erling aus Peking /DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2011)

Kommentar posten
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tell the truth
00
4.12.2011, 23:11
und das passiert in Österreichs Idylle

Uraltes Haus muss Neubau Glotz weichen, so etwas sollte doch unter Denkmal-Schutz stehen...
http://faz-community.faz.net/blogs/stu... -dorf.aspx

ZwischenZeilen
11
4.12.2011, 13:15
das letzte aufbäumen...

... des raubtierkapitalismus. die gier wird es schaffen, das wir uns in einem neuen kriegszustand wiederfinden werden. die intelligenz der masse, jedes einzelnen bürgers wird demnächst entscheiden, welchen weg unsere gesellschaft geht. die welt hat genug für jedermanns bedürfnisse, doch nicht für jedermanns gier. mahatma gandhi... meine wirklichkeit, beste sonntägliche grüße

artista
13
4.12.2011, 12:26
Februar 2012: westliche unternehmen ziehen sich aus china zurück

wegen der zunehmend angespannten lage in china, haben westliche unternehmen mit ihrem rückzug aus produktionsbetrieben begonnen. derzeit werden die aufträge durchwegs an andere firmen, in sogenannten billiglohnländern, wie kambodscha, bangladesch oder indonesien vergeben. es bleibt abzuwarten, ob sich durch den massiven auftragsverlust und die dadurch verursachte zunehmende arbeitslosigkeit, nicht eine abwärtsspirale entsteht, an deren ende ein vollständiger wirtschaftlicher zusammenbruch chinas bzw. der weltwirtschaft steht.
vielleicht auch erst 2013 oder 2014, aber kommen wirds darauf derivate (wette) ich.

Helmut71
00
4.12.2011, 11:34
naja

das ist eben Alltag in einer menschenverachtenden faschistopiden Diktatur. Aber unsere Spitzenpolitiker fahren dafür brav schleimen und posieren zu den Pekinger Mördern.

ANNOnymus
00
4.12.2011, 10:43

REVLOTUION !!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Peter Wichtig
00
4.12.2011, 09:37
Es soll aber keiner sagen, dass das verhalten....

........ eine überraschung ist. Das einzige was china stoppen kann ist technologieboykott. Geht aber nicht mehr, denn wir werfen sie ihnen ja für ein paar euro nach.

.........1
10
4.12.2011, 07:35
nichts anderes erwartet

aber europa und noch mehr die usa sind von china abhängig, die euro krise ist ein kleines problem im vergleich zu dem szenario einer revolution ala ägypten syrien etc in china

E Pie
 
02
4.12.2011, 09:39
die geschichte wiederholt sich nur...

in europa, amerika, afrika, asien wurde nur die skrupelosen reich. in öster. gibts die gute alte zeit (monarchie) auch nur in den köpfen der leute die zuviel marischka filme konsumierten. arbeiter waren rechtlose wesen, kleinbauern wurde die letzte sau aus dem stall getrieben. ich mit meinen 75 lenzen erinnere mich gut an die erzählungen meiner eltern, großeltern und urgroßmutter. die gute alte zeit hieß mund halten, arbeiten bis zum umfallen und dank zu sagen an die damaligen ausbeuter. auch heute reissen sich noch bürgermeister und gemeinderäte grundstücke unter den nagel die nach umwiedmung dann teuer abgelöst werden... china hat eben nur eine andere dimension und eine andere menthalität....ich ärgere mich lang die spö gewählt zu haben..

Erwin Wolfram
21
4.12.2011, 06:16
...

ich seh keinen unterschied zu oesterreich ausser die dauer.

Hanns Ch.1
03
4.12.2011, 05:06
...erstaunliches mitgefühl...

..wenn man bedenkt, für welchen müll ,umweltdreck und unmenschliche produktionsbedingungen die westlichen unternehmen in china verantwortlich sind, und sich keinen deut darum scheren, welches leid sie anrichten....
aber ist ja alles weit weg, und man geniesst die imperialen dekandeten vorteile, und kommentiert beim kaffee halt mal die politik in china,..
und auch in diversen stadtentwicklungsprojekten in china stecken europäische unternehmer und architekten,..aber die bekommen dann im standard eine brave kritik ihrer kreativen genialen leistung,..

Rahoul
01
4.12.2011, 04:26
Wenn ich bedenke, wieviele Schrebergärten am Laaerberg für die Südost-Tangente plattgemacht wurden...

Ach ja: kennt Ihr die Abfahrt Simmering (zw.Verteilerkreis und St.Marx)? Man weiß nicht, ob man heulen oder lachen soll, wenn man dort (Stop-and-go) vorbeifährt, das waren die ehem. Ankerbrotgründe...

Zweimal denken, einmal sprechen
01
4.12.2011, 12:55

Das ist die, die um viele Millionen gebaut aber nie eröffnet wurde, weil der SPÖ-Stadtrat Hans Mayr dort seinen Schrebergarten hatte.

Dazu passend Wikipedia:
Für Kritiker der sozialdemokratischen Wiener Stadtverwaltung war Mayr "die" Verkörperung des "roten Wien", eines riesigen, von außen kaum überblickbaren Macht- und Beziehungsgeflechts mit starkem Herrschaftsanspruch.

flugsi
02
4.12.2011, 03:26
aber hallo, china kauft momentan europa auf

wird es bei uns auch bald willfährige ausführende geben?

E Pie
 
01
4.12.2011, 09:46
...china kauft europa...

im grunde genommen sind die grünen und braunen scheine nur papier. der wert - maximal der heizwert ist darin enthalten... wichtig ist nur das vertrauen in die wertlosen scheine erhalten. meine eltern haben auch nach dem 1. und dem 2. weltkrieg ihr hart erspartes im gegenwert eines häuschens jedesmal verloren. das einzig wahre ist grund und boden, das bleibt , der rest wird abgewertet od. rafft die inflation dahin. wer das geld für einen wohnungskauf hat, jetzt ist der richtige zeitpunkt dafür...

Dalien
 
00
4.12.2011, 02:25
Fantasyuniformen..hmmm

da hätte ich gerne ein Photo gehabt...
Wie wohl die Erste-Österr. Polizei aussehen würde?

und wie wohl die Rauffeisen-Cops dagegen halten würden?

02515151541
00
3.12.2011, 23:25
"Er hatte sein Traumhaus 2008 mit allen behördlichen Stempeln als Pachteigentum auf 39 Jahre erworben. "

schöne neue Wortkreation des Standard!

Pachteigentum....

womit ihm das haus auch nicht "gehört" und der
beweis, dass es nicht illegal gebaut wurde, wird erst
gar nicht geführt...

es mag ja "unrechtmäßige" enteignungen in china geben, aber wenn man schon ein konkretes beispiel bringt sollten zumindest die fakten nicht dagegen sprechen...

desweitern, wäre daran :

http://colinpantall.blogspot.com/2009/02/n... ouses.html

auch zu erinnern!

stronzl bär
58
3.12.2011, 18:44
An alle China Fanboys/girls:

Für alle die es nicht kapieren. Es geht nciht darum dass Enteignungen stattfinden. Das ist unvermeidbar und wichtig für öffentliche infrastrukturprojekte. Vielmehr geht es um die Art der Durchführung dieser Enteignungen und die ist, wie dem Artikel zu entnehmen, nicht besonders galant.

E Pie
 
00
4.12.2011, 10:16
...onkel adi hat das auch so gemacht...

alles wurde / mußte dem großreich untergeordnet werden. dafür wurde das 1000-jährige reich versprochen. china kann man von europa aus nicht ändern. siehe nur falls ein staatspräsident china besucht, die haben die hosen so voll das man dann an menschenrechte gar nicht denken darf. die realität heute, jeder ist mehr oder weniger vom anderen abhängig. nur wenn die chinesen mit den geldscheinen wedeln sind alle westlichen unternehen sofort bereit beim aufbau chinas mitzuwirken. ob dann menschen ausgebeutet werden spielt keine rolle. nicht mal in den usa schafft man es menschenrechte zu waren. in der vgh. habe ich noch grün gewählt, aber welche möglichkeit hab ich heute um meine enkel zu unterstützen, övp?, spö??, bzö???, fpö???, am besten kpö.

Calavera
08
3.12.2011, 20:59

So einfach ist die Sache auch wieder nicht. Der Verkauf von enteignetem Land ist eine große Einnahmenquelle für Chinesische Stadt- und Provinzregierungen. Die Infrastrukturprobleme sind da oft nur ein Vorwand.

hart_aber_fair
80
3.12.2011, 19:15

du sagst es, es geht um das gemeinwohl. in deutschland geht es um das gemeinwohl von 80 millionen menschen, wenn wir davon ausgehen, dass das system alle 80 millionen menschen berücksichtigt. dafür wird in deutschland enteignet: http://www.bz-mg.de/themenrei... ommen.html

das kann in deutschland jahre dauerd. in china wiederrum geht es um das gemeinwohl von 1300 millionen menschen! deshalb können die verfahren nicht jahre dauern, denn die 1300 millionen menschen warten auf entwicklung, im gegensatz zu den 80 millionen in deutschland, denen es wesentlich besser geht.

p1234
08
3.12.2011, 23:08

Was für ein ausgemachter Blödsinn. Bei den beschriebenen Enteignungen geht es in erster Linie um das "Gemeinwohl" von geschätzten 100,000 Menschen, die sich aus Immobilienhaien, Bauunternehmen, und korrupten Bezirkspolitikern zusammensetzt.

Bushdoctor
16
3.12.2011, 18:33
Im kommunistisch autoritären China...

...gibt es eben weder ein Recht auf Eigentum noch eine entsprechende Rechtssicherheit.

Gut gegen Ostwind
02
3.12.2011, 23:22
Naja...

gibt es in dem heutigen kapitalistischen Europa noch so ein Recht auf Eigentum?!

hannes farnleitner
00
4.12.2011, 09:33
Ganz richtig!

Und bei "Enteigungen" müsste eine Entschädigung erbracht werden, daher gibt es bei uns den schönen Begriff der "Eigentumsbeschränkung".

hart_aber_fair
10
3.12.2011, 19:16
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