Wer in Somalia helfen will, der muss den Terror der Al Shabaab mitfinanzieren
Der Attentäter verfehlte sein Ziel knapp. "Ich bin am Leben", richtete Somalias Militärchef Abdikarim Yusuf Dhagabadan nach dem Anschlag vergangenen Donnerstag aus. "Es war ein Selbstmordattentäter, seine Körperteile liegen hier überall herum." Vier Soldaten riss er mit in den Tod, 13 wurden verletzt.
Die islamistische Al-Shabaab-Miliz zündet fast täglich Bomben in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Allein diese Woche starben mindestens acht Menschen bei Anschlägen. Doch Bombenbauen ist teuer - woher kommt das Geld? Teilweise von Ärzte ohne Grenzen (MSF).
Die Organisation ist eine der letzten, die in dem Land am Horn von Afrika noch arbeiten darf. Vergangenen Dienstag warf die Al Shabaab zahlreiche Hilfsorganisationen hinaus. Wer bleiben will, der muss Bedingungen akzeptieren - und zahlen.
Fünf Prozent des Lohns aller Mitarbeiter gehen seit 2009 als Steuern an die Miliz, Frauen dürfen nicht für die Organisationen arbeiten. Zusätzlich wollen die Rebellen 20.000 Dollar im Halbjahr und nochmals 10.000 Dollar pro Einsatz. Spendengeld für den Terror.
"MSFs lokale Mitarbeiter zahlen die fünf Prozent Steuer, die anderen Zahlungen haben wir aber bisher nicht geleistet", sagt Mario Thaler, Geschäftsführer von MSF Österreich. "Unser Ziel ist es, Menschen zu helfen. Das geht nicht ohne Kompromisse."
Welche die Organisation eingegangen ist und wie sie zustande gekommen sind, damit beschäftigt sich ein neues Buch von MSF: "Agir a tout prix?" (Handeln um jeden Preis) heißt es im Original, in den kommenden Tagen erscheint es auf Englisch auch in Österreich. Es erzählt selbstkritisch von Geld für die Al Shabaab, Golfrunden mit Myanmars Generälen und Schweigevereinbarungen über Sri Lankas Militäroffensiven.
Unterdrückung verlängern
Das Dilemma, um das es geht, ist so alt wie Hilfsorganisationen selbst: Wie kann ich Menschen helfen, ohne gleichzeitig ihre Unterdrücker zu unterstützen? Und wie sehr trägt die Hilfe dazu bei, dass sich Regime, die ihre Bürger töten und verfolgen, noch länger halten können?
"Restriktionen und Auflagen für Hilfsorganisationen gibt es überall, wo es Konflikte gibt", sagt Thaler. "Aber was ist die Alternative? Gar nicht helfen?" MSF sehe sich die Situation vor Ort genau an und entscheide dann von Fall zu Fall, welcher Kompromiss akzeptabel ist. Allein in den vergangenen Monaten konnten MSF-Mitarbeiter am Horn von Afrika 113.000 Menschen gegen Masern impfen, 54.000 fast verhungerte Kinder wieder aufpeppeln und unzählige Kranke versorgen. Al-Shabaab-Kämpfer inklusive.
Thaler weiß, dass MSFs Arbeit immer wieder missbraucht wird. Konfliktparteien stehlen etwa Hilfsgüter und versorgen damit ihre Truppen. Erst im März kritisierte ein Untersuchungskomitee des UN-Sicherheitsrats das World Food Program (WFP), den mit Abstand größten Hilfsliferanten Somalias. In einem ungewöhnlich scharfen Bericht warfen die Prüfer dem WFP vor, dass in Somalia Abermillionen Dollar und Tonnen von Lebensmitteln in dubiosen Kanälen versickern würden.
"Es gibt gewisse Regierungen, die am liebsten noch die Unterwäsche der internationalen Helfer besteuern wollen", sagt MSF-Geschäftsführer Thaler. Das autoritäre Regime in Äthiopien etwa verlangt eine 100-prozentige Steuer auf alle Fahrzeuge, die ins Land gebracht werden. Geholfen werden darf nur dort, wo der Regierung genehme Stämme wohnen.
Traum der Menschenfänger
Die großen Flüchtlingslager der Hilfsorganisationen dienen oft Kämpfern einerseits als Erholungsort, andererseits als Rekrutierungsmöglichkeit. Die kenianische Regierung beäugt daher die Lager in Dadaab, den größten Flüchtlingskomplex der Welt an Kenias Grenze zu Somalia, seit Jahren äußerst skeptisch. "Zigtausende junge Männer ohne Zukunft auf einem Fleck - was gibt es Besseres für Menschenfänger?", sagen auch Helfer vor Ort offen.
"Mitunter führen Gruppen humanitäre Katastrophen absichtlich herbei - damit die Hilfskarawane zu ihnen kommt", sagt Dieter Reinhardt, Politikwissenschafter mit Schwerpunkt auf Entwicklungspolitik an der Universität Duisburg-Essen. Wenn NGOs instrumentalisiert werden, läge die Verantwortung auch bei der Uno: "Sie darf diese Organisationen nicht allein lassen, sondern muss sie unterstützen, diplomatisch und mit starken Blauhelm-Kontingenten."
Doch ausländische Schutztruppen können die Arbeit der NGOs auch erschweren. In Afghanistan etwa arbeiten die Isaf-Truppen sehr eng mit humanitären Gruppen zusammen. "Die Folge ist, dass die Linien verwischt werden, sagt Thaler. "Militäraktionen werden dann als humanitär getarnt. "
MSF gilt als eine der neutralsten NGOs. Nur weil sie mit beiden Seiten verhandelt, kann sie in Gegenden wie dem Kunduz oder Helmand präsent sein. "Spannend wird es 2014, wenn die Isaf abzieht", sagt Thaler. "Dann wird man sehen, wer bleiben darf und wer gehen muss." (Tobias Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.12.2011)