Somalia

Hilfe für hungernde Kinder und Terroristen

2. Dezember 2011, 18:27
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    foto: epa/kurokawa

    Eine alte Frau kämpft bei einer Essensverteilung in Kenia mit einem Soldaten um einen Sack Bohnen.

Wer in Somalia helfen will, der muss den Terror der Al Shabaab mitfinanzieren

Der Attentäter verfehlte sein Ziel knapp. "Ich bin am Leben", richtete Somalias Militärchef Abdikarim Yusuf Dhagabadan nach dem Anschlag vergangenen Donnerstag aus. "Es war ein Selbstmordattentäter, seine Körperteile liegen hier überall herum." Vier Soldaten riss er mit in den Tod, 13 wurden verletzt.

Die islamistische Al-Shabaab-Miliz zündet fast täglich Bomben in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Allein diese Woche starben mindestens acht Menschen bei Anschlägen. Doch Bombenbauen ist teuer - woher kommt das Geld? Teilweise von Ärzte ohne Grenzen (MSF).

Die Organisation ist eine der letzten, die in dem Land am Horn von Afrika noch arbeiten darf. Vergangenen Dienstag warf die Al Shabaab zahlreiche Hilfsorganisationen hinaus. Wer bleiben will, der muss Bedingungen akzeptieren - und zahlen.

Fünf Prozent des Lohns aller Mitarbeiter gehen seit 2009 als Steuern an die Miliz, Frauen dürfen nicht für die Organisationen arbeiten. Zusätzlich wollen die Rebellen 20.000 Dollar im Halbjahr und nochmals 10.000 Dollar pro Einsatz. Spendengeld für den Terror.

"MSFs lokale Mitarbeiter zahlen die fünf Prozent Steuer, die anderen Zahlungen haben wir aber bisher nicht geleistet", sagt Mario Thaler, Geschäftsführer von MSF Österreich. "Unser Ziel ist es, Menschen zu helfen. Das geht nicht ohne Kompromisse."

Welche die Organisation eingegangen ist und wie sie zustande gekommen sind, damit beschäftigt sich ein neues Buch von MSF: "Agir a tout prix?" (Handeln um jeden Preis) heißt es im Original, in den kommenden Tagen erscheint es auf Englisch auch in Österreich. Es erzählt selbstkritisch von Geld für die Al Shabaab, Golfrunden mit Myanmars Generälen und Schweigevereinbarungen über Sri Lankas Militäroffensiven.

Unterdrückung verlängern

Das Dilemma, um das es geht, ist so alt wie Hilfsorganisationen selbst: Wie kann ich Menschen helfen, ohne gleichzeitig ihre Unterdrücker zu unterstützen? Und wie sehr trägt die Hilfe dazu bei, dass sich Regime, die ihre Bürger töten und verfolgen, noch länger halten können?

"Restriktionen und Auflagen für Hilfsorganisationen gibt es überall, wo es Konflikte gibt", sagt Thaler. "Aber was ist die Alternative? Gar nicht helfen?" MSF sehe sich die Situation vor Ort genau an und entscheide dann von Fall zu Fall, welcher Kompromiss akzeptabel ist. Allein in den vergangenen Monaten konnten MSF-Mitarbeiter am Horn von Afrika 113.000 Menschen gegen Masern impfen, 54.000 fast verhungerte Kinder wieder aufpeppeln und unzählige Kranke versorgen. Al-Shabaab-Kämpfer inklusive.

Thaler weiß, dass MSFs Arbeit immer wieder missbraucht wird. Konfliktparteien stehlen etwa Hilfsgüter und versorgen damit ihre Truppen. Erst im März kritisierte ein Untersuchungskomitee des UN-Sicherheitsrats das World Food Program (WFP), den mit Abstand größten Hilfsliferanten Somalias. In einem ungewöhnlich scharfen Bericht warfen die Prüfer dem WFP vor, dass in Somalia Abermillionen Dollar und Tonnen von Lebensmitteln in dubiosen Kanälen versickern würden.

"Es gibt gewisse Regierungen, die am liebsten noch die Unterwäsche der internationalen Helfer besteuern wollen", sagt MSF-Geschäftsführer Thaler. Das autoritäre Regime in Äthiopien etwa verlangt eine 100-prozentige Steuer auf alle Fahrzeuge, die ins Land gebracht werden. Geholfen werden darf nur dort, wo der Regierung genehme Stämme wohnen.

Traum der Menschenfänger

Die großen Flüchtlingslager der Hilfsorganisationen dienen oft Kämpfern einerseits als Erholungsort, andererseits als Rekrutierungsmöglichkeit. Die kenianische Regierung beäugt daher die Lager in Dadaab, den größten Flüchtlingskomplex der Welt an Kenias Grenze zu Somalia, seit Jahren äußerst skeptisch. "Zigtausende junge Männer ohne Zukunft auf einem Fleck - was gibt es Besseres für Menschenfänger?", sagen auch Helfer vor Ort offen.

"Mitunter führen Gruppen humanitäre Katastrophen absichtlich herbei - damit die Hilfskarawane zu ihnen kommt", sagt Dieter Reinhardt, Politikwissenschafter mit Schwerpunkt auf Entwicklungspolitik an der Universität Duisburg-Essen. Wenn NGOs instrumentalisiert werden, läge die Verantwortung auch bei der Uno: "Sie darf diese Organisationen nicht allein lassen, sondern muss sie unterstützen, diplomatisch und mit starken Blauhelm-Kontingenten."

Doch ausländische Schutztruppen können die Arbeit der NGOs auch erschweren. In Afghanistan etwa arbeiten die Isaf-Truppen sehr eng mit humanitären Gruppen zusammen. "Die Folge ist, dass die Linien verwischt werden, sagt Thaler. "Militäraktionen werden dann als humanitär getarnt. "

MSF gilt als eine der neutralsten NGOs. Nur weil sie mit beiden Seiten verhandelt, kann sie in Gegenden wie dem Kunduz oder Helmand präsent sein. "Spannend wird es 2014, wenn die Isaf abzieht", sagt Thaler. "Dann wird man sehen, wer bleiben darf und wer gehen muss." (Tobias Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.12.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 97
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below the line
03
5.12.2011, 12:44
nachlesen hilft:

hab mir mal die webseite von ärzte ohne grenzen angesehen: http://bit.ly/sXsSWl die legen sorgar die gehaltsstrukur und die spendenbilanz offen, so transparent hab ich das noch nirgends gesehen und lohnsteuer müssen alle organisationen zahlen ob einem die machthaber gefallen oder nicht....

hanni fridrich
01
5.12.2011, 08:50

Das foto ist wirklich hart.

Dr.Jolly
01
4.12.2011, 12:08
Wie wiegt man Menschenleben gegeneinader ab?

Auf der einen Seite finanziert man den Terror der vielen Menschen das Leben kostet damit man anderen das Leben retten kann.

Dr.Jolly
00
4.12.2011, 12:03
Wie wiegt man Menschenleben gegeneinader ab?

sonja1978
12
3.12.2011, 18:22

Scheixxe. Und ich spend immer an ÄoG. :-(

Georg Schütt
35
3.12.2011, 16:24
Mal ganz ernsthaft gefragt ...

Handelt es sich nicht um eine strafbewehrte Unterstützung terroristischer Vereinigungen?

Können Organisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" nicht belangt werden, weil sie Terroristen finanzieren?

Das Motiv kann ja kaum eine Rolle spielen.

Es gibt ja keinen prinzipiellen Unterschied zwischen einer direkten Geldspende und einer in Form einer Steuer (die ja nicht gezahlt werden müsste, verzichtete man auf ein Engagerment vor Ort).

Was sagen eigentlich die NGO´s zu solchen Vorwürfen? Kommt mehr als ein hilfloses Schulterzucken?

Der Citybiker
51
4.12.2011, 19:53

Mit der selben Argumentation könnte man sie belangen, weil Sie in einem Schurkenstaat namens Österreich Steuern bezahlt haben, die dann von Finanzministern in diversen Affären veruntreut wurden und in dunklen Kanälen verschwunden sind - wer weiß, was damit alles gemacht wurde!

Rationalpazifist
01
4.12.2011, 16:50

Sie ließen diese Leute also elendig verrecken?

Gilgamesh
00
11.12.2011, 11:51

Nein, aber die Leute sollen in Gebiete kommen, wo diese feigen ehrlosen Mörder nichts zu sagen haben...

WLG
01
14.12.2011, 15:34

Sie meinen, wir sollen mal eben ein solches Camp mit tausenden Flüchtlingen nach Österreich verlegen? In ein Land, in dem schon wegen jedem einzelnen ein Riesenaufstand gemacht wird?

Dass die Camps wo anders besser wären, dem stimmen alle zu. Wenn man aber fragt, wohin sonst, dann kommt von überall die Antwort "Nicht bei uns!" Also bleiben sie, wo sie sind.

awien
04
3.12.2011, 12:30
Nichts neues

siehe Dambisa Moyo: "Bad -Aid"

Bushdoctor
05
3.12.2011, 12:30
So schlimm...

...die individuelle Lage der Menschen sein mag, aber man muss sich bewusst sein, dass sich die dortigen Regimes durch Spenden länger und besser an der Macht halten können. Erstens weil sie direkt und offiziell "Steuern" von den Organisationen abzweigen, zusätzlich verschwindet noch viel von den Spenden in dunklen Kanälen, wird gestohlen oder erbeutet. Und letztlich würden sich die Regimes nicht über Wasser halten können, wenn es den Leuten noch schlechter ginge, weil dann gäbe es Revolten und Umstürze.

Johannes Benn
06
3.12.2011, 12:39
.

der letzte satz trifft wohl nicht zu. wer verhungert kann sich nicht erheben.

john pell
17
3.12.2011, 12:10

haupsache man demostriert gegen ein paar karikatur Bilder

Dr Stänkerer
18
3.12.2011, 11:11
Kompromisse dieser Art sind gegen die Humantären Prinzipien!

"Do no harm" ist eines Der obersten humanitären Prinzipien.
Al Shabaab zwangsrekrutieren Kinder, morden, foltern, steinigen, verstümmeln und vergewaltigen im Namen Allah's. Sie sind großteils die Verursacher der Hungersnot, die Hilfslieferungen verhindern und so ihre eigene Bevölkerung als Geiseln halten.
Spenden wirkt ähnlich wie Lösegeld an die Piraten: ein paar Leben gerettet, tausende mehr in Gefahr gebracht!
Jeder Euro Spende fördert diese Verbrechen!

der lödige aufzug
512
3.12.2011, 11:07
überraschung?

mein vorschlag klingt vielleicht blöd, aber die einzige chance dort zu helfen ist nochmal zu afrika zu besetzen (kolonialisieren).
aber dieses mal human und viel geld und arbeit reinstecken anstatt auszubeuten...
allerdings will das in europa eh niemand.

hans wurst
 
115
3.12.2011, 12:12
schuld ist oftmals der abartige Schuldendienst

der IWF zwingt arme Länder all ihr Volksvermögen und ihre Arbeitskraft zu verkaufen und bürdet diesen Ländern "Hilfs-"Kredite auf mit Zinsen die anderswo als Wucher verboten würden.

Lesen sie Jean Ziegler, vor allem dieses Buch, und denken sie ein wenig über die Mainstream-medialen-Grenzen hinaus:
http://www.amazon.de/Das-Imper... 637&sr=8-2

prusiner
117
3.12.2011, 14:48
Somalia

und abartiger Schuldendienst?

Wäre mir neu.

Vera Rschung
 
210
3.12.2011, 13:51
Jean Ziegler

Öha, ist das jener Jean Ziegler, der von 2002 bis 2009 als Vizepräsident der Stiftung "Internationaler Gaddafi-Preis für Menschenrechte" fungierte, dessen Buch Sie uns da wärmstens zur Lektüre empfehlen.

hans wurst
 
53
4.12.2011, 11:36

schön wenn man sich die Welt so einfach erklären kann. Gut und böse. so ist das.
Wer Jean Ziegler liest, muss Gaddafi mögen. Logisch.

prusiner
15
3.12.2011, 14:49
aber geh

das ist alles ein Missverständnis, das war ja gar nicht so, das kann man alles erklären

Frodo Der Hobbit
10
3.12.2011, 13:30

die sind ja dabei es auch mit europa selber zu spielen.

umso mehr sollte man sich mit den anderen betroffenen solidarisieren und dann völlig an der weltfinanz vorbei arbeiten, mit autarken methoden des "bootstrapping" von wirtschaft und handel.

--
herzensfreund äthiopien ist allerdings wesentlich mit schuld an der lage in dieser weltgegend.
regierung und eliten dort, samt westlichen helfern und böhm, haben keine gnade verdient. so geht das nicht.

Vera Rschung
 
017
3.12.2011, 11:56
Afrikanische Intellektuelle für Rekolonialisierung

Schon vor rd fünfundzwanzig Jahren hat eine größere Gruppe prominenter afrikanischer Intellektueller das Projekt eines emanzipierten Afrikas für gescheitert erklärt und eine Rekolonialisierung (Entwicklungsdiktatur) gefordert. Das profil brachte damals eine Sondernummer dazu. Die Intellektuellen stellten übrigens auch klar, dass das Scheitern einzig und allein hausgemacht sei. Die Ausbeutung durch industrialisierte Länder sei eine ideologische Lüge, die dem Verbrechen Vorschub leiste und den elenden Status-Quo rechtfertige. Tatsächlich sei man trotz großzügiger Hilfen aus Amerika und Europa aus Unfähigkeit und Unwilligkeit blamabel gescheitert.

nonkonformist
01
4.12.2011, 18:41
Na ja, wenn man sich die europäischen Knebelverträge

mit den Kolonien anschaut, vorzugsweise der Franzosen, so kann ich Ihrer Argumentation nicht folgen!

Frodo Der Hobbit
32
3.12.2011, 13:38
nicht ganz -

denn _wer_ soll das machen?

um die situation wesentlich klarer zu sehen, analysieren sie bitte "the indolence of the filipino" by jose rizal, und überlegen sie, warum die philippinen heute völlig anders beisammen sind als zb somalia und haiti, und wie sie das durch vermeidung westlichen einflusses soweit nicht selbst ausgewählt, und bewusste aufarbeitung der westlichen kolonialmethode und machtkultur, geschafft haben.

die krankheit, die afrika zugrunde gerichtet hat, ist fast in vollem umfang aufrecht, und richtet heute europa zugrunde!
die basis einer kultur und mentalität, auf der die korruption, spekulation, arroganz, indolenz (sic) und tiefe klassenspaltung beruhen.
endergebnis: wirtschaftliches totalversagen.

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