Als würde sich eine äußere Haut schließen

7. Dezember 2011, 09:32
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    foto: lisi specht

    Freda Meissner-Blau, Pionierin der österreichischen Grün-Bewegung, in ihrer Wohnung, wo sie unter anderem zwei gotische Spitzbögen entdeckte. (Foto: Lisi Specht)

Freda Meissner-Blau kommt es in ihrer Wiener Innenstadt-Wohnung vor, "als hätten hier immer nur friedliche Menschen gelebt"

Freda Meissner-Blau mag ihre Wohnung in der Wiener City sehr, auch wenn sie dort manchmal kalte Füße bekommt. Michael Hausenblas durfte sie besuchen.

***

"Als meine Kinder klein waren, hatte ich den Wunsch, dass sie beobachten können, wie sich die Blätter in den Bäumen bewegen, also im Grünen aufwachsen. Wir wohnten damals in Pötzleinsdorf. Später waren sie natürlich lieber in der Stadt unterwegs, als unter Bäumen zu sitzen. Als die Kinder flügge wurden, habe ich mich umgeschaut und in der Zeitung von einer Wohnung im ersten Bezirk gelesen. Sie lag in einer sehr schönen Gasse. Als ich die Wohnung sah, wusste ich: Die ist es. Ich hab mir gesagt: 'Das sind Wände mit Seele.' Es kommt mir vor, als hätten hier immer nur friedliche Menschen gelebt.

Die Wohnung war in einem sehr schlechten Zustand, eine sogenannte 7-D-Wohnung, eine Wiederaufbauwohnung. Mein Mann, der vor fünf Jahren gestorben ist, hat nur gesagt: 'Was? In dieser Räuberhöhle willst du wohnen?' Ich erwiderte: 'Warte es ab!' Dann haben wir alles hergerichtet, was zehn Monate dauerte. Als wir 1980 einzogen, zahlten wir abgesehen von einer Ablöse keine 300 Schilling Miete. Ich geniere mich nicht, das zu erzählen. Heute beträgt die Miete 500 Euro. Daran sieht man ganz deutlich die Abwertung des Geldes. Das ist doch phänomenal, oder? Klar ist das für eine Innenstadtwohnung immer noch fast geschenkt.

Die Wohnung misst 86 Quadratmeter. Es gibt einen Vorraum, eine Küche, ein Bad, und die zwei eigentlichen Wohnräume gehen ineinander über. Schlafen tu ich in einer Art Alkoven-Höhle im hinteren Teil der Wohnung. Darüber befindet sich eine kleine Galerie, die ich als Stauraum nütze. Es ist alles sehr verwinkelt, aber das ist ja gerade das Hübsche. Die Wohnung ist ein Restteil einer einstigen Riesenwohnung in einem Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert. Der Kern des Hauses dürfte allerdings auf das 16. Jahrhundert zurückgehen.

Es ist ein sehr interessantes Zuhause, ich fand unter der Mauer sogar zwei gotische Spitzbögen, die ich freigelegt habe. Wahrscheinlich war hier eine Hauskapelle untergebracht. Auch einen wunderschönen Rokoko-Ofen gab es, aber der ist einfach zerbröselt. Eigentlich war er nur noch ein Haufen Sand. An seiner Stelle steht jetzt ein Pelletsofen. Dort ist mein Kuschel- und Leseort während des Tages. Und so komm ich auch schon zu den Pferdefüßen. Durch die Raumhöhe von vier Meter 80 bläst die ganze Wärme in die Höhe, und ich sitz unten und hab kalte Füße. Zwanzig Grad ist das Maximum. Außerdem versuche ich natürlich aus ökologischen Gründen, den Energieaufwand zu bremsen. In der Nacht drehe ich auf 17 Grad runter. Das ist wahrscheinlich eh gesünder, zieh ich manchmal halt zwei Pullover an. Der zweite Nachteil ist das Fehlen von jeglichem Grün. Gegenüber gibt's nur Betonwände. Aber man kann nicht alles haben. Als Stadtwohnung ist mein Zuhause ideal. Ich geh die Stufen runter und bin quasi am Graben. Wobei die Innenstadt schon sehr hektisch geworden ist. Manchmal hab ich das Gefühl, man muss sich durchkämpfen. Darum gehe ich meistens durch das kleine Gasserlwerk, um dem Rummel auszuweichen.

Ich komme sehr gern nach Hause. Es ist ein Gefühl, als hätte ich die Hektik und den Lärm der Welt ausgeschlossen, als würde sich eine äußere Haut schließen. Ich würde mein Wohnen hier als wohligen Schutz bezeichnen. Wohnen heißt auch, dass ich bei mir selbst sein kann. Draußen muss ich ja immer ein Stück von mir hergeben. Altersbedingt eines Tages von hier wegzumüssen, möchte ich mir eigentlich ersparen.

Übrigens habe ich auch in New York, London, Rom oder Paris gelebt, aber Wien ist mein wirkliches Zuhause und noch immer ideal für mich. Das Glück, auch noch im Herzen vom Herzen leben zu dürfen, hätte ich mir nie erwartet." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4.12.2011)

FREDA MEISSNER-BLAU wurde 1927 in Dresden geboren. In den Fünfzigerjahren lebte sie in der Zentralafrikanischen Republik. Sie arbeitete unter anderem als Journalistin und Dolmetscherin. Mehrere Jahre stand sie in den Diensten der Unesco, war Generalsekretärin am Institut für Höhere Studien und Wissenschaftliche Forschung in Wien sowie Bildungsreferentin in der Ausbildungsabteilung der Österreichischen Mineralölverwaltungs AG.

Meissner-Blau war außerdem die erste Parteivorsitzende der österreichischen Grünen, Abgeordnete zum Nationalrat und kandidierte 1986 bei der Bundespräsidentschaftwahl.

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David-Lauritz
03
8.12.2011, 19:39
Damals waren die Grünen noch wählbar!

Noch nicht so linkslastig und staatspolitisch unverantwortlich, wie jetzt im Fall der verweigerten Schuldenbremse im Verfassungsrang. Heute stellen die Grünen Parteipolitik über Staatspolitik. Unwählbar.

Erwin Wolfram
00
8.12.2011, 18:43
...

ich find es ist keine geldentwertung, wenn nur familien die andere assets als geld haben reich bleiben, es ist mehr eine entwertung der leute die in der stadt leben.

astemp79
02
8.12.2011, 13:27
Sympathischer Artikel

einer sympathischen Frau. Und toll, dass sie trotz Herz-OP so gut beieinander ist und ihr Leben genießen kann.
Mir gefällt auch ihre Empathie, das Empfinden von Frieden in der Wohnung. Die Einrichtung (was man sehen kann) wirkt sehr stimmig.

Der Busfahrer
21
8.12.2011, 00:14
welche behinderung hat..

..frau meissner blau eigentlich?
Frage nur wegen ihres (behinderten-)parkplatzes vor der tür?
hoffe es geht ihr gut?

Michael B
00
8.12.2011, 00:16
Sie hatte eine Herztransplantation!!

Poldi Fesch
00
9.12.2011, 15:35
ist schon ok,

aber in der Braeunerstr. brauchst schlicht kein Auto. Habe lange genug in 1010 gewohnt. Auch ist die Zu- u. Abfahrt eine Wissenschaft fuer sich

Mirstetta Toni
00
9.12.2011, 17:21

sie hat eh nur ein halbes. einen smart.

Poldi Fesch
00
9.12.2011, 19:22
:)) verstehe

die Dinger sind aber nicht bloed. Weisz nicht, warum man die bei uns, AUT, so wenig sieht

Mirstetta Toni
00
9.12.2011, 19:41

ich liebe die dinger. aber ein bisserl ein motor und ausstattung dazu und 15 tausender sind weg.

Poldi Fesch
00
9.12.2011, 19:53
keine Ahnung

fuer mich ist das schon nicht mehr zu klein sondern inexistent. Vor ein paar Jahren war es hier ein beliebtes Maturageschenk

Mirstetta Toni
00
9.12.2011, 20:00

kurz nach einführung der kugeln war rom der stärkste markt weltweit.

Poldi Fesch
00
9.12.2011, 20:01
ja, kann

gut sein

Cartouche der Bandit
00
8.12.2011, 20:05
und lenkt selbst ihr auto????

Michael B
00
8.12.2011, 22:21
Das wird sie mit den Händen tun.

Und sogar mir transplantierten Händen kann man autofahren. Und auch motorradfahren...
http://www.tourenfahrer.de/index.php?id=424

Cartouche der Bandit
00
8.12.2011, 23:22
warum regen sie sich so auf?

es geht ja nur um den '(behinderten)parkplatz'.....

Renzo Pasolini
01
7.12.2011, 22:20
Das ist doch die Dame, die Gedichte schreibt, die von anderen stammen!

Das "Hohenfeld'sche Freihaus", in dem Frau Meisner-Blau wohnt, wurde 1795 komplett neu erbaut. Da gibt es keinen Kern aus dem 16. Jahrhundert.

hast1
00
17.12.2011, 01:15
und selbst wenn es einen kern aus dem 16.jhdt gäbe

wäre er nicht gotisch.

Michael B
00
8.12.2011, 00:19
SIE waren dabei?

War es in Wien nicht üblich, Häuser einfach immer "weiterzubauen"?
Haben Sie schon einmal ein Alt-Wiener Haus gesehen, bei dem der Putz abgeschlagen war?
Da findet man zugemauerte Fenster über die ganze Fassade verteilt. Und nachdem auch nicht anzunehmen ist, dass sich die Menschen vor 300 Jahren auf den Fussboden legten, um aus dem Fenster zu schauen, muss sich da wohl einiges getan haben...

Renzo Pasolini
00
8.12.2011, 16:11
Ich war nicht dabei,

aber das Ansuchen um Baukonsens an das Oberkammeramt des Wiener Magistrats ist mit Plan erhalten und somit ist die Quellenlage eindeutig. Das ist, als ob man dabei gewesen wäre. Ganz ohne Zeitmaschine :)

mizzi schinagl
01
7.12.2011, 13:36

ich mag die frau!

mizzi schinagl
02
7.12.2011, 13:58

und das, was man von der wohnung sieht, auch.

bibirella
01
7.12.2011, 13:01

"Als wir 1980 einzogen, zahlten wir abgesehen von einer Ablöse keine 300 Schilling Miete. Ich geniere mich nicht, das zu erzählen. Heute beträgt die Miete 500 Euro. Daran sieht man ganz deutlich die Abwertung des Geldes."

Abwertung des Geldes??????????

Mirstetta Toni
01
9.12.2011, 15:22

wenn sie im selben job rund das 23fache von anno 1980 verdienen, so kann ich ihnen nur gratulieren. ich leider nicht.

luxustier
02
7.12.2011, 17:31

Ja. Nochmals kurz überlegen, nicken und gut.

Michael B
02
7.12.2011, 17:29
Wie wollen Sie es sonst nennen?

Das ist die WIRKLICHE Inflation, nicht der Verbraucherpreisindex.

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