Bitterböses Kasperltheater

2. Dezember 2011, 19:19
posten

Die Grazer Gruppe T'eig transformierte Werner Schwabs brutalen Schwank "Eskalation ordinär" in ein erstaunliches Kasperltheater

Graz - In den Wochen vor seiner Selbstvernichtung - Werner Schwab starb in der Nacht auf den 1. Jänner 1994 mit 4,1 Promille Alkohol im Blut - schrieb der Brachialdramatiker neben Antiklimax auch den Schwitzkastenschwank Eskalation ordinär. Posthum uraufgeführt, ist er thematisch wie auch strukturell verwandt mit der Pornogeografie, die Schwab selbst im Oktober 1993 im Rahmen des Steirischen Herbstes zur Uraufführung brachte.

Eskalation ordinär, wiewohl nur selten gespielt, verhandelt ein nach wie vor aktuelles, brisantes Thema: Der ehemalige Sparkassenangestellte Helmut Brennwert wird aufgrund seiner Arbeitslosigkeit als wertloses Menschenmaterial angesehen und so lange missbraucht, bis der letzte Rest Selbstwertgefühl verloren ist. Die Gruppe T'eig wird mit ihrer Interpretation der Versuchsanordnung im Grazer Literaturhaus auf erstaunliche Art gerecht: Sie bringt die sieben Szenen, reduziert auf die wichtigsten Prototypen, als monströses Kasperltheater (Ausstattung: Markus Boxler).

Ninja Reichert schlüpft als Brennwerts Anverlobte u. a. in das Handpuppenkostüm der Gretel, Christian Ruck ist hauptsächlich der mächtige Zauberer - und Felix Krauss das erbärmliche Würstel: über und über mit Senf bekleckert. Aber auch der Polizist taucht auf und das Krokodil.

Um Distanz zu schaffen (bzw. um sich zu distanzieren), werden diese "Affekte" - in jeder Szene wird Brennwert vergewaltigt - mit Dialogen und Situationen aus der Pornogeografie ergänzt: In der geglückten T'eig-Version ist das voyeuristische Guckkastenspiel der geile Stoff, den ein schmieriger Regisseur mit einem Pornodarsteller und einer Pornovorstellerin verfilmt. In diesen Einschüben werden die Handpuppen zu "echten" Menschen, auch wenn sie sich weiterhin in Schwabs Kunstsprache artikulieren.

Regisseur Thomas Sobotka hat nicht nur die Brutalität auf die Spitze getrieben, sondern auch den bitterbösen Witz herausgearbeitet. Und er fand eine zeitgemäße Übersetzung für die Geräuschuntermalung von FM Einheit in der Uraufführung: mit den Sounds von Beatboxer Ivory Parker. Ein "Todesfotzenereignis"! (Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe, 3./4. Dezember 2011)

Graz, Elisabethstr. 30, weitere Termine: 7., 8., 9., 10., 14., 15., 16. und 17. Dezember, 20.00

  • Geglückte Interpretation: Felix Krauss als Brennwert, Ninja Reichert als seine Anverlobte.
    foto: claudia gansberger, theresa lipp

    Geglückte Interpretation: Felix Krauss als Brennwert, Ninja Reichert als seine Anverlobte.

Share if you care.