Drogen in der Chefetage

"Die Sucht ist nur das Symptom"

Interview | 2. Dezember 2011, 17:34
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    foto: apa/helmut fohringer

    "Drogen als Krücken, um Erwartungen zu erfüllen, um den Druck und das Tempo auszuhalten."

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    foto: apa/georg hochmuth

    Reinhard Haller zu Managern und Sucht.

Über die Dynamik der Drogenabhängigkeit in den Managementetagen spricht Reinhard Haller, Leiter des Behandlungszentrum für Suchtkranke Maria Ebene

STANDARD: Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist das Thema Sucht. Im Zuge Ihrer Tätigkeit haben Sie immer wieder mit suchtkranken Führungskräften zu tun. Was unterscheidet drogenkranke Manager von anderen Patienten?

Haller: Kennzeichnend für beruflich erfolgreiche Menschen ist, dass sie mithilfe von Drogen ihre Leistung noch weiter steigern wollen. Dementsprechend spielen Amphetamine und Kokain eine wesentlich größere Rolle als in anderen Schichten. Man hat subjektiv das Gefühl, noch besser drauf zu sein, genau den richtigen Drive zu haben und keinen Schlaf zu brauchen. Die Folge ist, dass sich die Leute völlig auspowern.

STANDARD: Ein Ausdruck von Selbstüberschätzung?

Haller: Das ist das Problem. Diese Drogen vertreiben den Schlaf und das Müdigkeitsgefühl, aber sie können nicht die Kreativität des Konsumenten erhöhen. Tatsächlich bewirken sie auch keine Leistungssteigerung, denn man arbeitet zwar länger, aber auf Kosten einer höheren Fehlerquote. Abgesehen davon zahlen diese Menschen einen Preis für diese künstlich induzierte Aktivität. Über kurz oder lang geraten sie in einen Zustand der Erschöpftheit. Sie werden nervös und grantig, fühlen sich gänzlich überfordert, was dazu führt, dass sie zu anderen Substanzen greifen müssen, um sich wieder zu beruhigen.

STANDARD: Wie lange ist es auf diese Art und Weise möglich, den Arbeitsalltag zu bewältigen?

Haller: Die gesamte Problematik entwickelt sich schleichend und unspektakulär. Deshalb spreche ich in diesem Zusammenhang von einer stillen Sucht. Alles beginnt scheinbar harmlos: In einer extrem arbeitsintensiven Phase greift man einmal zu einem leistungssteigernden Präparat oder vor einer wichtigen Aufsichtsratssitzung zu einem Beruhigungsmittel, um klar und ruhig rüberzukommen. Passiert das ein oder zweimal, ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn aber immer häufiger zu diesen Medikamenten gegriffen wird und es schließlich ohne sie gar nicht mehr geht, wird es gefährlich. Das Verhalten bekommt eine Eigendynamik, die Betroffenen nehmen die Drogen ohne jeden Anlass. Allerdings realisieren sie meist gar nicht, wie tief sie schon in der Sucht stecken, oder sie belügen sich selbst. Im Schnitt dauert es von dem Erkennen des Problems bis zur Behandlung siebeneinhalb Jahre.

STANDARD: Manager sind mehr gefährdet als andere Berufstätige?

Haller: Es gibt Studien, nach denen zwölf Prozent der Führungskräfte unter Suchtproblemen leiden, während die durchschnittliche Quote in der österreichischen Bevölkerung bei drei Prozent liegt. Die Prävalenz ist also ausnehmend hoch. Mich überrascht das auch nicht. Die Erwartungshaltung an die Leute an der Spitzte ist doch heute höher denn je. Sie stehen unter massiven Druck, müssen aber gleichzeitig nach außen immer Optimismus versprühen, vital und voll Energie sein und jederzeit in der Lage, schwierige Entscheidungen zu treffen. Schwächeln kann sich niemand erlauben. Kein Wunder, dass solche Menschen zu Medikamenten greifen, die Angst nehmen und den Eindruck vermitteln, es entschleunige sich alles rundherum.

STANDARD: Zur Behandlung ihrer Suchterkrankung entschließen sich die meisten erst dann, wenn das ganze System kollabiert. Wie sind die Behandlungschancen von suchtkranken Führungskräften?

Haller: Für die meisten ist der Therapieantritt eine große Hemmschwelle. Dabei sind die Heilungschancen gar nicht schlecht, die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen. In der Regel sind Manager nämlich nicht aus einer genetischen Veranlagung heraus suchtkrank, sondern sie werden abhängig, weil sie chronisch überfordert sind. Die Behandlung kann auch ambulant erfolgen.

STANDARD: Dennoch: Ein stark tabuisiertes Thema ...

Haller: Ja, das hängt mit dem Image von Suchtkrankheit an sich zusammen. Drogenabhängig sind eben auch Menschen, die - rein äußerlich betrachtet - erfolgreich und gut drauf sind. Sie funktionieren aber nur deshalb so, weil sie täglich zu Suchtmittel greifen. (Judith Hecht, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.12.2011)

REINHARD HALLER ist seit 20 Jahren ärztlicher Leiter des Vorarlberger Behandlungszentrums für Suchtkranke und Drogenbeauftragter der Vorarlberger Landesregierung.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 121
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schetzko jedno
02
4.12.2011, 02:06
Sucht, Sucht ist relativ.

Wir hatten mal in den späten 80er Jahren ein Projekt wo wir von Freitag abends bis Montags früh eine VAX785 unser eigen nennen durften. Unsere Aufputschmittel waren eine Pizza und unzählige Kaffes. Montags früh um ca. 6.00 Uhr haben wir dann unser Programm getestet. Eine Stunde später haben wir 300 Bedienstete ins Kaffeehaus daneben geschickt.
Wären wir auf Koks gewesen hätten wir uns einen Ast gelacht, so allerdings war es fast peinlich.
Verdammter SW-Fehler!

Ein Restart einer VAX785 dauerte seinerzeit fast 1.5 Stunden. Shit happens!

Mein Partner seinerzeit war der beste
C-Programmierer den ich jemals kennen gelernt habe.

Dr. Otrepski
R.I.P. (machs guat mei freind)

hotzenplotz1001
00
5.12.2011, 09:07
Pizza als Aufputschmittel, soso. Wahrscheinlich von der Pizza-Connection, oder?

FinalDestinati0n
00
3.12.2011, 16:05

koks ftw!

The 'L' stands for Value
00
3.12.2011, 16:44

red ma in siebeneinhalb jahren weiter ^^

Steak vom Milchlamm
02
3.12.2011, 15:54
Frau Moser......

.......bringen Sie mir bitte einen Spiegel und einen frischen Hunderter. Danke.

lanebbia
15
3.12.2011, 15:30

Was in dem Interview nicht Erwähnung findet, ist die Tatsache, dass KollegInnen unter den Verhaltensweisen eines/r suchtkranken KokainkonsumentIn, insbesondere wenns der/die Chef/in ist, zu leiden haben.

hotzenplotz1001
00
5.12.2011, 09:20
Dafür sind suchtkranke Chefs leicht in die Knie zu zwingen. Man braucht nur in sensiblen Situationen damit zu drohen, über ihr Laster auszupacken. Das österreichische Suchtmittelgesetz macht die Konsumenten von Illegalem leicht erpressbar.

Erpresser brauchen gegebenenfalls nur zu sagen, dass sie ihrer Staatsbürgerpflicht in Form einer polizeilichen Anzeige nachgekommen sind. Oder dass man im Fall der Erfüllung der Forderung aus Mitleid mit dem armen suchtkranken Chef von einer Sachverhaltsdarstellung abgesehen hat. Eine Anzeigepflicht trifft nämlich nur Beamte in bestimmten Fällen.

Dr.Lion
02
3.12.2011, 14:45
Finde den Artikel gut, hat mir etwas geholfen,

die Probleme etwas klarer zu sehen. Habe selbst eine Partnerin, die supergescheit ist, aber zuerst massenhaft Schlafmittel genommen hat, entwöhnt wurde, und jetzt zu Beruhigungsmitteln greift, weil sie Existenzängste hat. Kann kaum arbeiten...Muß trotzdem irgendwie als Selbständige überleben...

Auch die Postings finde ich gut und hilfreich. Danke...

Erwin Wolfram
00
3.12.2011, 14:32
...

es ist ja wohl eine luegengeschichte, dass man die handlungen dort verantworten kann und es ist eine luegengeschichte, dass es sich dabei um menschen handelt und die wie menschen behandelt werden und eine luegengeschichte, dass oesterreich ein rechtsstaat ist, die das rechtssystem beruht auf diesen straftaten selbst. also ist eine drogensucht und selbstbehandlung die natuerliche folge, das darf man natuerlich nicht sagen, sonst erhaelt man kein foerdergeld.

der schalldämpfer
00
3.12.2011, 14:25
Qualität statt Quantität

ArbeitsZEIT ist eben nicht das Maß der Dinge. Und Rendite auch nicht. Es geht um Lebensqualität.

Geht’s den Menschen gut, geht’s der Wirtschaft gut
(wo sind jetzt die, die vor gar nicht allzu langer Zeit das Gegenteil behaupteten?!? beschäftigt. mit sich selbst. #WK_Pensionen)

WarumNennenWirEsNichtVorfreude
03
3.12.2011, 13:47

Dass in diesen Kreisen Kokain üblich ist, ist ja eh nix Neues, immerhin wirkt es im gleichen Belohnungszentrum wie etwa das Gefühl viel Geld zu machen.
Interessant wäre allerdings, mit welchen Substanzen versucht wird dann irgendwann "runter zu kommen".
Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass alle "bloß" zu Benzodiazepin greifen - gibts eine Untersuchung über Top-Manager und möglichem fallweisen Griff zu Heroin und anderen Opiaten?

schetzko jedno
01
3.12.2011, 15:03
Benzodiazepine sind nicht das Mittel der Wahl,

um "runterzukommen". Machen genauso süchtig. Am besten wäre es Kokain ausschleichen zu lassen. Nachdem es eine rein psychische Droge ist, hat sie keinerlei körperliche Entzugserscheinungen.

mistvieh666
 
00
3.12.2011, 13:27
stress hat man in vielen berufen.

und wenn ich als arzt einen fehler mache, viel vergnuegen.
wenn ich als computer programmierer einen fehler mache, dann muss ich laenger arbeiten um den fehler auszubessern. und laenger heisst da schon so irgendwann um mitternacht rum ...
aerzte und computertechniker wissen, warum sie keine drogen nehmen.
wenn ich als manager einen fehler mache, dann quatsch ich ihn halt weg.
frueher waere das zu sagen genug gewesen.
aber in zeiten, in denen sich manager fuer bloed reden jedes jahr 10++% mehr geld goennen, in zeiten, in denen jeder ein idiot ist, der einen anderen beruf anstrebt, in zeiten in denen standard artikel immer gerichtete aussagen sind, in solchen zeiten stellt sich ganz eine andere frage: warum steht dieser artikel hier?

AltFreak
00
5.12.2011, 09:33

Googeln Sie doch mal nach suchtkranken Ärzten, und dann: willkommen in der Realität.

Chocoholic
02
4.12.2011, 09:40
Alkohol ist die Wahl der Droge jener, die "schon wissen,

Warum sie keine Drogen nehmen" .... Bitte machen Sie sich doch nichts vor.

in memoriam
21
3.12.2011, 12:26
Der Drogenkonsum per se ist nicht das Problem

Problematisch wird es dann, wenn Drogen nicht mehr als Genussmittel gesehen werden sondern als Fluchthilfeinstrumentarium genutzt werden.

totalebanane
11
3.12.2011, 12:24

kokain ist gottes art dem mensch zu sagen, dass er zu viel geld hat...

ichbinderderichbin
06
3.12.2011, 12:16
... und jetzt bitte noch einen so netten und verständnisvollen artikel

für die abgefuckten hackler in der tranklerbude ums eck die dann ihre frauen schlagen

danke

frusciante
01
3.12.2011, 16:42

naja, vielleicht noch ein artikel zu postern, die keine andere sichtweise als die eigene ertragen, oder über den drang menschen abzuwerten, oder die psychologie der einfachen lösungen?

Achsel des Bösen
02
3.12.2011, 11:42
Was mich interessieren würde, wäre die dementsprechende Rate unter Investmentbankern und Börsenspekulanten

Ich vermute, die ist noch viiieel höher.

theEdge
 
32
3.12.2011, 11:41
"Die Sucht ist nur das Symptom"

Nein, wirklich wahr?

Eine sensationelle Erkenntnis, die in etwa so alt ist, wie der Gebrauch von "Drogen" an sich.

Aber die Gesellschaft ist nicht bereit anzuerkennen, dass sie selber Mist gebaut hat - die Drogensucht ist ein gesellschaftliches Problem, nicht das eines Individuums; es wurde letzten Endes durch den Druck seiner Umgebung dazu gebracht.
Kein Mensch "braucht" Drogen. Er greift auf diese Möglichkeit zurück, wenn ihm das Umfeld keine Alternativen mehr bietet.

lanebbia
10
3.12.2011, 15:34
"Wenn ihm das Umfeld keine Alternativen bietet"

Die Alternative: Anderer Beruf > keine Droge.
Es steht in keinem Gesetzt, dass man "erfolgreicher Manager" sein muss.

theEdge
 
00
4.12.2011, 11:36

Das war nicht nur auf den Beruf bezogen. Oder sehen sie Drogensucht ausschließlich als Manager-Problem?

Thegoodshepherd
05
3.12.2011, 11:24
....und was ist mit den nicht Substanz gebundenen Süchten, wie

Arbeitssucht. Ich hatte einen Chef, der um 2.00 Uhr Früh noch Emails verschickte, der uns sonntags mit Telefonaten auf unsere Privathandys belästigte und dann stinksauer war, wenn wir nicht abhoben. Es braucht kein Kokain, wenn die Arbeit selbst das Suchtmittel ist. Es braucht keine Koksnasen um das Arbeiten unerträglich zu machen, es reichen schon solche, die "das Leben" mit Arbeit vollstopfen, um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.

Staatssekretär
238
3.12.2011, 10:50
In 100 Jahren wird man zurückschauen, wie damals 2000 Wirtschaft und Gesellschaft funktioniert haben

Und sich das nicht mehr vorstellen können - wie heute bei den Arbeitsbedingungen um 1870.

Noch nie war so wenig Arbeit notwendig um eine Gesellschaft zu erhalten und zu versorgen - vieles ist automatisiert oder könnte weiter automatisiert werden. Aber das will man ja nicht, wegen der Arbeitsplätze...

Statt zu versuchen 20h/Woche möglichst breit auf die gesamte Gesellschaft zu verteilen, arbeiten sich manche zu Tode und andere finden keine Jobs - und damit keine Perspektiven.

Das bedingungslose Grundeinkommen wird kommen - in irgendeiner Form. - Kein Recht auf Arbeit, Recht auf Einkommen. Man sollte sich doch freuen, dass immer mehr Arbeitsplätze eingespart werden können!

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