Über die Dynamik der Drogenabhängigkeit in den Managementetagen spricht Reinhard Haller, Leiter des Behandlungszentrum für Suchtkranke Maria Ebene
STANDARD: Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist das Thema Sucht. Im Zuge Ihrer Tätigkeit haben Sie immer wieder mit suchtkranken Führungskräften zu tun. Was unterscheidet drogenkranke Manager von anderen Patienten?
Haller: Kennzeichnend für beruflich erfolgreiche Menschen ist, dass sie mithilfe von Drogen ihre Leistung noch weiter steigern wollen. Dementsprechend spielen Amphetamine und Kokain eine wesentlich größere Rolle als in anderen Schichten. Man hat subjektiv das Gefühl, noch besser drauf zu sein, genau den richtigen Drive zu haben und keinen Schlaf zu brauchen. Die Folge ist, dass sich die Leute völlig auspowern.
STANDARD: Ein Ausdruck von Selbstüberschätzung?
Haller: Das ist das Problem. Diese Drogen vertreiben den Schlaf und das Müdigkeitsgefühl, aber sie können nicht die Kreativität des Konsumenten erhöhen. Tatsächlich bewirken sie auch keine Leistungssteigerung, denn man arbeitet zwar länger, aber auf Kosten einer höheren Fehlerquote. Abgesehen davon zahlen diese Menschen einen Preis für diese künstlich induzierte Aktivität. Über kurz oder lang geraten sie in einen Zustand der Erschöpftheit. Sie werden nervös und grantig, fühlen sich gänzlich überfordert, was dazu führt, dass sie zu anderen Substanzen greifen müssen, um sich wieder zu beruhigen.
STANDARD: Wie lange ist es auf diese Art und Weise möglich, den Arbeitsalltag zu bewältigen?
Haller: Die gesamte Problematik entwickelt sich schleichend und unspektakulär. Deshalb spreche ich in diesem Zusammenhang von einer stillen Sucht. Alles beginnt scheinbar harmlos: In einer extrem arbeitsintensiven Phase greift man einmal zu einem leistungssteigernden Präparat oder vor einer wichtigen Aufsichtsratssitzung zu einem Beruhigungsmittel, um klar und ruhig rüberzukommen. Passiert das ein oder zweimal, ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn aber immer häufiger zu diesen Medikamenten gegriffen wird und es schließlich ohne sie gar nicht mehr geht, wird es gefährlich. Das Verhalten bekommt eine Eigendynamik, die Betroffenen nehmen die Drogen ohne jeden Anlass. Allerdings realisieren sie meist gar nicht, wie tief sie schon in der Sucht stecken, oder sie belügen sich selbst. Im Schnitt dauert es von dem Erkennen des Problems bis zur Behandlung siebeneinhalb Jahre.
STANDARD: Manager sind mehr gefährdet als andere Berufstätige?
Haller: Es gibt Studien, nach denen zwölf Prozent der Führungskräfte unter Suchtproblemen leiden, während die durchschnittliche Quote in der österreichischen Bevölkerung bei drei Prozent liegt. Die Prävalenz ist also ausnehmend hoch. Mich überrascht das auch nicht. Die Erwartungshaltung an die Leute an der Spitzte ist doch heute höher denn je. Sie stehen unter massiven Druck, müssen aber gleichzeitig nach außen immer Optimismus versprühen, vital und voll Energie sein und jederzeit in der Lage, schwierige Entscheidungen zu treffen. Schwächeln kann sich niemand erlauben. Kein Wunder, dass solche Menschen zu Medikamenten greifen, die Angst nehmen und den Eindruck vermitteln, es entschleunige sich alles rundherum.
STANDARD: Zur Behandlung ihrer Suchterkrankung entschließen sich die meisten erst dann, wenn das ganze System kollabiert. Wie sind die Behandlungschancen von suchtkranken Führungskräften?
Haller: Für die meisten ist der Therapieantritt eine große Hemmschwelle. Dabei sind die Heilungschancen gar nicht schlecht, die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen. In der Regel sind Manager nämlich nicht aus einer genetischen Veranlagung heraus suchtkrank, sondern sie werden abhängig, weil sie chronisch überfordert sind. Die Behandlung kann auch ambulant erfolgen.
STANDARD: Dennoch: Ein stark tabuisiertes Thema ...
Haller: Ja, das hängt mit dem Image von Suchtkrankheit an sich zusammen. Drogenabhängig sind eben auch Menschen, die - rein äußerlich betrachtet - erfolgreich und gut drauf sind. Sie funktionieren aber nur deshalb so, weil sie täglich zu Suchtmittel greifen. (Judith Hecht, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.12.2011)
REINHARD HALLER ist seit 20 Jahren ärztlicher Leiter des Vorarlberger
Behandlungszentrums für Suchtkranke und Drogenbeauftragter der
Vorarlberger Landesregierung.