WWF und Kärntner Bärenanwalt Gutleb unterschiedlicher Auffassung über "slowenische" Einwanderer - auf jeden Fall fehlen aber die Weibchen
Wien - Unterschiedliche Auffassungen gibt es über die aktuelle Braunbärenpopulation in Österreich. Während Ursus arctos laut WWF in Österreich - nun bereits zum zweiten Mal - ausgestorben ist, zählt der Kärntner Bärenanwalt Bernhard Gutleb sechs bis neun männliche Tiere im südlichen Bundesland. Deren Existenz bestreitet der WWF zwar nicht, doch handle es sich dabei nicht um eine österreichische Bären-Population, da diese Tiere aus Slowenien zugewandert sind und auch immer wieder dorthin abwandern. "Dem Bären ist es völlig egal, in welchem Land er sich aufhält, er wird beim Grenzübertritt auch keinen Pass vorweisen", hält Gutleb dagegen. Die Tiere in Kärnten seien "selbstverständlich österreichische Bären", erklärte er. Sie würden teilweise schon seit 16 Jahren im Dreiländereck Kärnten, Slowenien und Italien leben.
Keine Fortpflanzung
Laut WWF ist das letzte Tier, das zum "echten" österreichischen Bestand zählte - der Braunbär "Moritz" - aus der heimischen Population verschwunden. "Das letzte Lebenszeichen von ihm gab es am 3. August 2010, damals tappte er in eine Fotofalle", erklärte WWF-Pressesprecherin Claudia Mohl. Die Zahlen der Umweltorganisation erscheinen dem Kärntner zu pessimistisch. "Ich bin mir sicher, dass auch in den Zentralalpen zwei bis drei Bären leben."
Gleichgültig ob Österreicher oder Slowenen, fortpflanzen können sich die Tiere in Kärnten mangels weiblicher Gefährten nicht, bedauerte Mohl. Die Umweltorganisation hofft, dass der Bär erneut in Österreich angesiedelt werden kann. "Um eine beständige Population zu gewährleisten, ist ein Grundstock von mindestens zehn Tieren notwendig." Das sei weder teuer noch schwierig - es fehle nur am politischen Willen.
Bär und Mensch
Der Bärenanwalt wiederum spricht sich gegen die Aussetzung eines Weibchens in Kärnten aus. "Auch wenn es wissenschaftlich sinnvoll ist, wäre es ein Eigentor." Freiwillig eingewanderte Tiere würden von der Bevölkerung eher akzeptiert werden als angesiedelte. "Alleine die Vorbereitungen für die Aussetzung würde mindestens drei Jahre benötigen - um alle mit einzubinden und zu erreichen, dass die Entscheidungsträger diesen Entschluss zumindest akzeptieren", zeigte sich Gutleb überzeugt. Der WWF sieht in der Akzeptanz der Öffentlichkeit eine
hohe Notwendigkeit, um den Bärenbestand in Österreich zu
sichern. In Kärnten sind laut Gutleb derzeit "80 Prozent der Bevölkerung
Pro-Bär".
Ein weiteres Problem sieht der Experte allerdings in der Rechtsfrage: "Wenn ein ausgesetzter Bär einen Menschen verletzt, ist die Haftungsfrage ungeklärt." Diese Situation sei heikel, "auch wenn es so gut wie nie vorkommt, dass ein Mensch zu Schaden kommt".
Dass die Angst vor Schäden teilweise überbewertet wird, zeigt jedoch ein Beispiel aus dem südlichen Bundesland. "Durchschnittlich betragen die Wildschäden durch Bär, Luchs und Wolf seit 1971 jährlich zwischen zwei und fünftausend Euro", sagte der Bärenanwalt. Diese werden von der Versicherung der Jägerschaft bezahlt, bei Härtefällen hilft ein Fond des Amts der Landesregierung aus. Einzig im Jahr 2010 war die Summe höher. "Es wurden ungefähr 50 Schafe gerissen, viele auch vom Wolf. Der Schaden betrug 10.000 Euro", sagte Gutleb.
Eine junge Population zwischen Aufbau und Verschwinden
Die nun gescheiterte Wiederansiedlung in Österreich begann mit der Einwanderung des "Ötscherbären" im Jahr 1972. Dieser bekam zwei weibliche und einen männlichen Gefährten. "Am Anfang hatte sich die Population gut entwickelt", sagte Mohl. Bis 2007 wurden 31 Bären in Österreich geboren. Die größte Dichte wurde 1999 mit zwölf Individuen erreicht. Seitdem ist die Bestandsentwicklung allerdings rückläufig, ab 1999 gibt es fast jedes Jahr ungeklärte Abgänge; die meisten Bären verschwanden 2000.
Das Schicksal vieler Tiere - wie auch jenes von "Moritz" - ist ungeklärt. Laut Mohl gibt es drei Gründe dafür, dass die Bären in Österreich verschwunden sind. "Entweder sie wandern ab, sterben an einem natürlichen Tod oder sie werden illegal abgeschossen", erklärte sie. Laut dem WWF ist nur ein illegaler Abschuss seit Beginn der Bestandesstützung dokumentiert. Auch in Kärnten stand am Donnerstag ein Jäger vor Gericht, der im Juni 2009 den Braunbären "Roznik" illegal erschossen haben soll. Dieses Tier stammte allerdings aus der slowenischen Population. (APA/red)