"Wer sollte ein Mensch sein, wenn nicht der Papst?"

Interview |
  • Schauspieler und Regisseur in einem: Nanni Moretti (li.) im Gespräch mit
 dem Papst, verkörpert vom französischen Altstar Michel Piccoli.
    vergrößern 700x467
    foto: polyfilm

    Schauspieler und Regisseur in einem: Nanni Moretti (li.) im Gespräch mit dem Papst, verkörpert vom französischen Altstar Michel Piccoli.

Der italienische Regisseur Nanni Moretti über seinen neuen Film "Habemus Papam", die Menschlichkeit des Papstes und den Zwang, Papst zu sein

STANDARD: Der Papst in "Habemus Papam" möchte nicht oberster Hirte sein. Er ist überfordert - macht ihn das besonders menschlich?

Moretti: Im Kino und im Fernsehen geht es im Konklave stets um Machtspiele, um Intrigen und um Selbstkandidatur - ich wollte etwas anderes machen. Wir wissen nicht, wie es in Wirklichkeit abläuft. Ich wollte ein Konklave, in der eigentlich niemand Papst werden will, selbst der Favorit möchte auf keinen Fall gewinnen. Die Päpste sagen manchmal, dass sie sich fehl am Platz gefühlt haben, hier ist es so, dass der Papst tatsächlich fehl am Platz ist. Die Überraschung des Publikums, das diesen Papst als menschlicheren Papst sieht, sagt doch schon alles: Wer sollte sonst ein Mensch sein, wenn nicht der Papst?

STANDARD: Kritiker reagierten verwundert, dass Sie Themen wie Pädophilie nicht aufgreifen. Was entgegnen Sie ihnen?

Moretti: Es erstaunt mich, dass manche Personen Geschichten erwartet haben, über die alle Zeitungen geschrieben haben. Sie wollen einen Film der Anschuldigung sehen, aber ein solcher wäre für mich eher ein Film der Beruhigung - ein Film über pädophile Skandale würde die Leute doch nur in ihrem Wissen bestätigen. Ich wollte kein Drehbuch aus Zeitungsschnipseln schreiben. Ich wollte keinen realistischen Film machen, der zum Sklaven der Realität wird. Das Bild des leeren Balkons im Vatikan, dieses schwarze Loch, von dem der Papst aufgesaugt wird, ist für mich ein sehr bedrohliches - wie für die Kirche. Nach den Ritualen und Prozessionen wollte ich einen Mann präsentieren, der eine starke, aber einfache Geste zeigt, mit der er sich behauptet. In dem Moment bricht die ganze Architektur ein. Es genügt diese kleine Geste, um den Machtapparat zu entblößen.

STANDARD: Der von Michel Piccoli gespielte Papst schleicht sich heimlich aus dem Vatikan. Er agiert ein wenig so wie ein Gefangener, der das Leben wieder entdeckt.

Moretti: Mich hat die Symmetrie, dieser Rollentausch zwischen Papst und Psychoanalytiker interessiert. Der Psychoanalytiker, der in den Vatikan kommt, sollte ja ein offener Mann sein, aufgeschlossen für Forschung und Entdeckung, er ist dann aber bloß entschlossen, den Kardinälen ein Volleyball-Turnier aufzuzwingen. Der Papst dagegen sollte unfehlbar sein, in Gewissheiten, in Dogmen leben; er bricht dann aber aus in eine Welt, die sich sehr von dem Konklave unterscheidet. Ich wollte nicht grob und pedantisch sein, aber es geht durchaus um einen Papst, der erst in der Stadt den Menschen begegnet.

STANDARD: Im Film gibt es viele Formen von Theater: jenes des Vatikans, das die Absenz des Pontifex verschweigt; dann das richtige Theater, welches der Papst entdeckt.

Moretti: Es geht nicht so sehr ums Theater als um die Rollen. Der Schweizer Gardist, der die Rolle des Schattens des Papstes spielt. Der Papst, der nicht die Rolle spielen will, zu der ihn Gott berufen hat. Der Psychoanalytiker, der es nicht schafft, die Rolle zu spielen, für die er in den Vatikan gerufen wurde. Der verrückte Schauspieler, der alle Rollen in dem Stück von Tschechow spielt. Ich weiß nicht mehr, ob ich bei der Idee des unerfüllten Traums vom Theater an Wojtila gedacht habe ...

STANDARD: Ab wann haben Sie denn an Piccoli gedacht?

Moretti: Er war erste Wahl. Ich habe ihn aber erst kontaktiert, nachdem ich ein Treatment geschrieben hatte. Er hat die Figur nicht beeinflusst, als sie geschrieben wurde. Aber er hat sie bereichert, weil er ein außerordentlicher Schauspieler ist. Mir gefallen Schauspieler, die sich nicht komplett in ihrer Rolle auflösen - Schauspieler, die nicht nur eine Figur, sondern einen Menschen und dessen Wahrheit zeigen. Ich war von Piccoli aber nicht so eingeschüchtert, um ihm nicht zu zeigen, wie ich es haben will.

STANDARD: In dem Film "Il Caimano / Der Italiener" haben Sie Berlusconi thematisiert, nun den Papst. Lässt sich die Realität mit Komik bändigen?

Moretti: Sicher nicht im Sinne einer Parodie. Bei Il Caimano habe ich niemals - weder als Schauspieler noch als Regisseur - die Imitation gesucht, weder im physischen Sinn noch im repräsentativen Sinn. Wenn es komische Momente gibt, sind sie nicht der Versuch, Machtstrukturen zu kritisieren, sondern einfach meine Art, Geschichten zu erzählen. Analogien zwischen Il Caimano und Habemus Papam gibt es formal, es gibt eine stilistische oder filmische Ähnlichkeiten in der Art, wie ich versuche, Dingen keine linearen Richtung zu geben, sondern immer wieder abzuschweifen.

STANDARD: Sie haben sich schon in "Aprile"(1998) mit Berlusconi beschäftigt - hatten Sie jemals das Gefühl, bestimmte Figuren nicht loszuwerden?

Moretti: Weniger als Regisseur denn als Bürger. Leider haben wir uns in Italien an Berlusconi und seine Machenschaften viel zu sehr gewöhnt. Das ist tragisch. Es hat einen solchen Bruch mit aller Regeln der Staatsführung gegeben, ein ganzes Land wurde zur Geisel der Interessen einer Privatperson. Es ist nicht so sehr, dass Berlusconi zu meiner Obsession wurde, als dass er obsessiv auf uns eingewirkt hat. Deswegen sind wir ihn auch so lange nicht losgeworden. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 3./4. Dezember 2011)

Ab 8. 12. im Kino

Nanni Moretti (58) ist Regisseur, Autor und Kinobetreiber. In seinen Komödien, die sich oft mit italienischer Politik und seiner Gesellschaft befassen, wirkt er meistens selbst mit. Für "Caro diario" wurde er in Cannes ausgezeichnet. 2001 gehörte er zu den Organisatoren der "Girotondo"-Bürgerbewegung.

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 61
1 2

Erinnert mich ein wenig an "In den Schuhen des Fischers" mit Anthony Quinn!

Der Mensch und der Mob

Wunderbar - rund 80 Prozent völlige Themenverfehlung bei den Postings. Die ersten zehn zum Film - und das war's.

Dann wird Morettis Film, in dem es um ganz allgemeine menschliche Krisen und Probleme geht - die nur exemplarisch an einer besonderen Person aufgezeigt werden - zum Schauplatz für die lächerliche Selbstdarstellung von Personen, die offenkundig nicht einmal das Interview gelesen haben.

Abgesehen davon ist dieses selbstgefällige Geifern derart undifferenziert, dass man es ohnehin nur schwer ernst nehmen kann. Im günstigsten Fall Scheuklappendenken und historische Ahnungslosigkeit, andernfalls Fanatismus. Der ja wissenschaftlich nachweisbar selbst - wie totalitäre Ideologien allgemein - eine quasi-religiöse Struktur hat.

Hmm

Wie verhält sich der Film zu Werken wie "Francesco und der Papst"?
Was ist das für ein Beitrag? Sorry für die Skepsis -

religion ...

... ist mittlerweile heilbar.

ach, das hat man über homosexualität auch gedacht.

aber die Medizin dafür ist schädlicher als die Krankheit

Ja für Schafe mag das so erscheinen,
nur wird niemand als Schaf geboren.
Man wird durch Kirche respektive Eltern zum Schaf gemacht.

kein Schaf zu sein - das ist doch ein typisches Anliegen von Schafen

aber die Medizin dafür ist schädlicher als die Krankheit ??

nein stimmt nicht!!
die Pharmaindustrie ist sehr gesund ...

finanziell ;)

Wissen und Aufklärung soll schädlicher als abstrakter Glauben sein? Und das, wo "Glauben" und die damit einhergehenden Konflikte in den letzten 100-1000 Jahren schätzungsweise ein paar Millionen Menschen unter die Erde gebracht hat?

Na ganz genau, Herr Oberschlau.

abstrakter Glauben ...

nur Schwachbirnen suchen sich
einen abstrakten Glauben!

die Wahrheit genügt
und die steht in der Bibel!

OK, manche Christliche Religionen
arten "pervertiert" aus !!

Wissen und Aufklärung ist doch nicht zwingend dem Glauben entgegengesetzt!

Man sollte auch nicht vergessen, dass Rassismus und Nationalismus Kinder von Wissenschaft und Aufklärung sind - aber Rassismus und Nationalismus haben wenigstens keine Menschenleben gefordert, nicht wahr?

ein paar millionen

sie belieben drastischst zu untertreiben, auch wenn es zu den tatsächlichen opferzahlen seit den kreuzzügen hauptsächlich nur schätzungen gibt.

egal wie viele, ein Menschenleben ist zu viel!!

Im letzten Jahrhundert hat mans dann ohne Religion versucht

Von ganz verschieden Richtungen her angedacht: Extremdarwinistisch wie die Nazis. Oder materlialistisch-dialektisch wie Lenin. Da k amen dann an die hundert Millionen Tote raus. In einem einzigen Jahrhundert. Genau weiß man es nicht, weil man über Maos Kulturrevolution keine guten Daten hat.

da ist mir die Kirche am A.. tausendmal lieber.

Das ist mal ein schöner Versuch, massenmörderische Diktaturen die schon per Definitionem ohne Religion auskommen müssen (2 die absolute Wahrheit für sich in Anspruch nehmende Institutionen gesellen sich meistens nicht sehr gut) mit Aufklärung und Wissen gleichzusetzen.

So probierens Religionslehrer und Pfaffen auch meistens. Eigentlich erbärmlich - vor allem in Anbetracht der Rolle der Österreichischen Kirche während dieser Zeit.

Was denn sonst als Aufklärung wäre es denn gewesen

was Hitler und Stalin anboten?

Auch wenn beide sich nur so gerierten, als täten sie der Menschaheti an den Religionen vorbei zur Fortschritt verhelfen: Das nützt denen nichts, die es nicht überlebt haben. Was nützt es, wenn wer erklärt, dass Darwin schon recht hat, wenn der stärkere gewinnt und das auch machtvoll durchsetzten kann. Oder wenn ein anderer erklärt, dass der Internationalismus zuerst wieder zum Nationalen zurückkehrt. Worauf es einigen Nationen an den Kragen geht. Beides mit Opferzahlen im zweistelligen Zehmillionenbereich.

Das ist nur berechtigt; selbstverständlich muss man die praktischen (teils auch unerwarteten oder sogar unerwünschten) Folgen, Ergebnisse mit den praktischen Folgen, Ergebnissen vergleichen.
Oder man vergleicht ein losgelöstes, hehres Wissenschafts/Aufklärungsideal mit den losgelösten, hehren religiösen Idealen bzw. dem "abstrakten Glauben".
Mischen darf man das redlicherweise nicht.
Und die Rolle der kath. Kirche im NS war in Summe alles andere als rühmlich, aber doch immer noch etwas ehrenwerter als das Verhalten der breiten Masse.

Seh ich nicht so. Die "breite Masse" der Bevölkerung hatte schließlich keinerlei Vertretung (Austrofaschismus ist keine gute Vertretung) - die Kirche hätte hierbei eine führende Rolle einnehmen sollen - ja müssen. Nein, sie hat sich arrangiert. So wie man das in Österreich nunmal halt tut. Gerade deshalb darf sich mE kein Österr. Katholik argumentativ herausnehmen, die Nazizeit als Kontrast zu den Verbrechen der eigenen Religion zu präsentieren.

Und verquere Ideologien wie Nationalsozialismus, Stalinismus, Maoismus, Nationalismus oder Rassentheorien in den Bereich und als Ausfluss von Aufklärung und Wissenschaft drängen und bezeichnen zu wollen ist erbärmlich und eigentlich wirklich... dumm.

Und wo k ämen die denn dann her?

Aus dem Nichts?
Das meinen Sie nicht ernst.
Vor allem der Stalinismus hat einen perfekten ideologischen Unterbau. Ist bloß aus dem Ruder gelaufen. Konnte keiner, der diesen Irrweg erkannte verhindern. Es erkannte aber auch k aum wer.

Die Armut Ihrer Argumente zeigt sich darin, dass Sie auf den Austromarxismus verweisen. 1933 hatte Stalin bereits an die zehn Mio massakriert. Hitler grad einmal ein paar hundert. Wovor glauben Sie hat sich die denkende Welt damals mehr gefürchtet?

"Wer sollte ein Mensch sein, wenn nicht der Papst?"

WIE BITTE??

das ist wohl die blödeste Aussage!!

wir wisse ja wie unfehlbar der papst und die katholen sind!!
die heiligen Tiroler... das goldene Dachl kann nur beschämend herunterblicken!

die ausgefressene maria theresal die Verfolgerin der Christen !

http://www.religionen.at/irhutterer.htm

die postings zu diesem interview

unterscheiden sich nicht in vielem von den postings zu anderen kirchenthemen. hauptsache, irgendeinen anlass finden, um deppert über die kirche daherzureden ...

Die katholische Kirche

ist die größte mafiöse Organisation, die je auf diesem Planeten existiert hat.

Sie ist verantwortlich für Millionen Tote, für das Leid von Millionen von Menschen, für Angst, Terror, Hunger und Massenmord. Sie hat Millionen von Leben zerstört, beeinträchtigt und verunstaltet.

Ist ist hoch an der Zeit, dass diese kriminelle Vereinigung von Zombies abgeschafft wird!

Das stimmt so nicht: Die K irche war natürlich auch oft die einzige K raft, die gegen die wirkte, die sich prononciert unreligiös sahen

Es aber eh nie waren, weil ja Menschen immer religiös sind. Fragt sich nur, was sie vorziehen. Der wissenschaftlich nicht bearbeitbare Raum ist zu groß.

Die Klemme in den 1930er-Jahren wurde nicht so elegant gelöst. Da wusste der Vatikan nicht gleich, wem er sich mehr entgegenstellen sollte. Da Stalin als erster Millionen systematisch umbrachte, war er der der große Feind. Aber dann kam eine noch ärgerer: Hitler.
Ideologisch zusammengezählt ist das 20. Jahrhundert ein großes Scheitern des Überwindens der Religiosität. Da hat die Aufklärung eine schlimme Niederlage erlitten.
Helfen würde, wenn sich China dazu entschlösse, Foschung über die Kulturrevolution zuzulassen. Die Zahlen über die Todesopfer der Kulöturrevolution schwanken stark

Posting 1 bis 25 von 61
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.