Entgleisung: BBC-Moderator würde Streikende erschießen lassen

Blog2. Dezember 2011, 15:25
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Großbritannien kommt nicht zur Ruhe. Erst der Generalstreik, nun ein neuer Medienskandal, der seinesgleichen sucht. Vor laufender Kamera und zur besten Sendezeit meint BBC-Starmoderator Jeremy Clarkson als Gast der Sendung "The One Show", er würde die Streikenden an die Wand stellen und vor den Augen ihrer Familie erschießen. Eine unglaubliche These, völlig unabhängig davon, ob, wie gerade gehabt, zwei Millionen Menschen streiken oder nur ein Einzelner gegen soziale Ungerechtigkeit protestiert. Darüber kann auch nicht Clarksons Zusatz hinwegtäuschen. Im Gegenteil. O-Ton Clarkson: "Ich meine, wie können sie es wagen zu streiken, sie erhalten gesicherte Pensionen während wir, der Rest, ein Leben lang arbeiten muss."

Pikantes Detail am Rande: Clarkson ist dank seines öffentlich-rechtlichen Jobs zum wohlbestallten Millionär avanciert und, wie es heißt, der BBC pro Jahr mehr als eine Million Pfund wert. Immerhin garantiert seine Automobilshow "Top Gear" pro Woche 350 Millionen Zuschauer in 170 verschiedenen Ländern.

Und was geschieht jetzt mit dem alerten Fernsehmann? Vorläufig nichts. Die gute alte Tante BBC, einst einmal öffentlich-rechtliches Vorzeigebeispiel für TV-Qualitätsjournalismus, windet sich in vielfachen Entschuldigungsfloskeln. Jeremy Clarkson selbst gibt sich ebenfalls zerknirscht, allerdings mit dem Zusatz, er sei aus dem Zusammenhang und damit missverständlich zitiert worden.

Die Zigtausenden, die via Internet Clarksons Abgang fordern, sehen das anders und verweisen auf den eindeutigen, überhaupt nicht missinterpretierbaren Ausschnitt aus der Sendung. Clarksons Sager macht übrigens längst auch im worldwide web die Runde.

So ist das mit Selbstherrlichkeit und Quotengier: Selbst öffentlich-rechtliche Moderatoren können sich da in populistischen Forderungen verfangen und inhaltlich tödlich entgleisen. Jeremy Clarkson ist bekannt dafür, dass in seiner Sendung "Top Gear" politisch inkorrekt und grob gehobelt wird. Das macht offenbar auch den "Quoten-Charme" des 51-Jährigen aus. Er ist der inzwischen am längsten waltende und populärste BBC-Moderator.

Die Aufforderung zur Hinrichtung streikender Menschen war nicht die erste, aber die fatalste Entgleisung, die sich Jeremy Clarkson bisher leistete. Anfang des Jahres hatte sich die BBC nach einigen diplomatischen Turbulenzen bei der mexikanischen Botschaft entschuldigen müssen: in "Top Gear" witzelte Jeremy Clarkson mit seinen Kollegen Richard Hammond und James May abfällig und diskriminierend über angebliche mexikanische Nationalcharakteristika.

Albanische Einwanderer wurden von dem Moderator ebenso mit Häme bedacht wie eine weibliche Moderatorin, die sich nicht durch so genannte typisch britische, milchig-weiße Blässe auszeichnen. Clarkson im O-Ton: "Das Problem ist, dass in den Köpfen von TV-Verantwortlichen festsitzt, dass, wenn ein Moderator ein blondhaariger, blauäugiger, heterosexueller junger Mann ist, die andere Moderatorin eine schwarze, lesbische Muslimin sein muss."

Manche nennen Jeremy Clarkson einen üblen Faschisten. Er selbst verteidigt seine fragwürdigen Sprüche mit "typisch britischem Humor". Der BBC ist das Lachen vergangen. Sie schweigt.

Bis Freitagmorgen waren bei dem Sender bereits 21.000 Proteste eingegangen. Unmissverständlich wird gefordert, Clarkson nach der jüngsten Entgleisung allenfalls in den Keller zum Lachen zu schicken.

Premierminister David Cameron allerdings stellt sich höchst persönlich vor den von ihm geschätzten Fernsehmann: "Das ist eine dumme Sache, ich bin sicher er hat es nicht so gemeint", wiegelt Cameron ab. Er und Clarkson gehören übrigens der so genannten "Chipping Norton"-Runde an, jenem illustren Kreis, in dem auch Murdoch-Familienmitglieder und Rebekha Brookes verkehrten.

Camerons Sprecher indes versucht sich in Scherze zu retten: "Hinrichtungen sind keine Angelegenheit der Regierungspolitik und haben auch nicht vor, sie zu einer solchen zu machen." Auch das ist offenbar eine Variante neuen britischen Humors.

Die BBC muss nun ihre Mathe-Hausaufgaben machen. Was rechnet sich auf Dauer besser: das Ansehen als untadeliger öffentlich-rechtlicher Sender oder die Quote, die ein Clarkson bringt. Bleibt zu hoffen, dass sich die BBC-Manager nicht nur mit den Murdochs oder gar Rebekah Brooks beraten.

 

 

http://www.bbc.co.uk/news/

http://www.guardian.co.uk/media/2011/dec/01/jeremy-clarkson-david-cameron-strikes

 

 

 

 

 

 

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Jeremy Clarksonvor der  Downing Street.

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