"Land des Lachens. Land der Tränen"

2. Dezember 2011, 15:27
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Der Auslandskorrespondent Serge Michel verspricht einen Bericht ohne Klischees. Sein Buch ist allerdings ein Musterbeispiel journalistischer Fehleinschätzung

Die Reportage in Buchform, "Land des Lachens. Land der Tränen" ist im April 2011 auf Deutsch erschienen und fußt auf journalistischem Material, das zwischen 1998 und 2010 gesammelt wurde. Zwar schreibt der Schweizer Autor und Journalist Serge Michel im Vorwort seines Buches, dass er Geschichten "jenseits von Klischees", behandelt. Viele wichtige Befunde über die politischen-, religiösen-, und strukturellen Repressionen, die mit der "Herrschaft des Rechtsgelehrten", dem iranischen Regierungstypus einhergehen, kommen aber zu kurz.

Die Mär von der gerechten "Zeit-Ehe"

Ein Beispiel dafür ist die Beschreibung der schiitischen Zeitehe: Diese sei eine "ganz besondere Eheform", die sogar für manche Frauen "einen gewissen Schutz" darstellt, schreibt der Autor in seiner Definition. Die Zeitehe ist eine Verbindung, die von einer Stunde bis zu 99 Jahren andauern kann - sie wird durch einen schiitischen Geistlichen geschlossen. Vorab ist mit dem Partner, die Dauer der Bindung und die Höhe des Brautgeldes zu klären. Tiefergehende Themen, wie "islamische Legitimation" der Sex-Arbeit durch die Zeitehe oder authentische Erfahrungsberichte, die von alleinstehenden Müttern handeln, die auf diese Weise "anschaffen gehen", kommen bei Michel nicht vor.

Viele dieser Frauen sind kaum gebildet, stammen aus ärmlichen Verhältnissen und sind bereits einmal geschieden worden. Sie gelten auf dem islamisch geprägten Heiratsmarkt als Außenseiterinnen und passen nicht in die Heiratspolitik vieler Familien hinein. So bleiben sie aufgrund ihres sozialen Status von zahlender Klientel abhängig. Dass viele der Kunden oftmals reiche verheiratete Männer aus dem Umfeld des Machtapparats sind, die mehrere Wohnungen besitzen, um dort ihre "Zeitehen" logistisch unter einem Hut zu bringen, wird in keiner Silbe erwähnt.

Irans "lebendige demokratische Komponenten"

Die Kritiklosigkeit mit der iranische Journalisten als Sprachrohr der Regierung auftreten müssen, scheint auf den Autor abgefärbt zu haben. In einem weiteren großen Kapitel plädiert er für "mehr Differenzierung": Im Ausland würde nur über die Mullah-Diktatur, die massiven Menschenrechtsverletzungen und das Atomprogramm berichtet. Michel zitiert als Gegenbeleg einen namenlosen Iranologen. Dieser erkennt "lebendige demokratische Komponenten" und fügt hinzu: Man solle sich durch den ersten Eindruck über das Land nicht irritieren lassen.

Zensur bewirkt Wunder

Der freie Korrespondent Michel beschäftigt sich auch mit der Zensur, die trotz der staatlichen Einschränkungen "bedeutende Werke" passieren lässt und somit die Phantasie der Regisseure und Künstler beflügelt haben soll, so Michel. Kritische Themen wie das zwanzigjährige Berufsverbot für den Regisseur Jafar Panahi, sowie die geschmuggelten Kinofilme auf einem USB-Stick, die zur Veröffentlichung in Cannes geführt haben, werden nicht erwähnt. Auch das ständige Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Kulturministerium und den zahlreichen Untergrund-Bands über Gesangs- und Auftrittsverbote werden nicht angesprochen.

Eine unpolitische Jugend?

Nach weiteren Passagen über Märtyrergräber, Schreine von verstorbenen Geistlichen und schiitisch-islamischen Traditionen, prognostiziert der Autor für die Wahlen 2009 ein politisches Interesse seitens der jungen Bevölkerung das "gegen Null" geht. Der "allgemeine Individualismus" der Jungen und ihre Politikverdrossenheit sollen den Weg des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinejad weiterhin ebnen, sagt Michel.

Der Meinungswechsel

Nach dem der Schweizer durch seine Berichterstattung beim iranischen Kulturministerium für Sympathien sorgte, wurde ihm ein Visum für die Wahlen 2009 ausgestellt. Doch was er dort vor Ort erlebte, schien größere Widersprüche geweckt zu haben.

Im letzten Absatz des Buches beginnt er seine Ansichten zu überdenken: "Ich hatte mir offensichtlich ganz bestimmte Überzeugungen zurechtgelegt." Michel beschreibt, dass er bis zu den Protesten von 2009 die Lage und die Stimmung im Iran wohl falsch gedeutet hat. So schreibt er, dass er zwar seit mehr als zehn Jahren als aktiver Berichterstatter im Iran und den umliegenden Regionen tätig war, er konnte (sich) aber nicht erklären, warum die Iraner bis zu den Aufständen so wenig gegen solch ein "brutales System" unternommen haben: "Ich hatte manchmal sogar gedacht, das die Iraner ihr Regime verdient hätten. Möge Gott mir dies verzeihen."

Portraits über die Handlanger des Regimes

Danach folgen 48 Portrait-Fotos des Fotografen Paolo Woods aus dem ein Teil des "großen iranischen Puzzles" klarer ersichtlich werden soll. Die Mehrzahl der Fotos spiegeln die Bilder des offiziellen islamischen Gottesstaates Iran wider.

Fast die Hälfte der abgedruckten Bilder sind Portraits der Männer aus paramilitärischen Basidsch-Milizen, den Revolutionsgarden, der Mullahs dann auch Bilder von den schiitischen Pilgerstätten, den Märtyrer-Gräbern, den religiösen Zeremonien, den Reden des obersten geistlichen Führers und des Präsidenten Mahmud Ahmadinejad.

Der Rest der Texte, die anhand konkreter Portrait-Bilder dargestellt werden, handeln von Arm und Reich, Anekdoten aus dem Leben und über verschiedene Berufsgruppen wie Bazar-Händler, Ärzte, Schauspieler.

Was dem Buch fehlt

"Land des Lachens. Land der Tränen" fehlt es an der gesunden Mindestmenge an kritischer Distanz auf der jeder Erfahrungsbericht beruhen sollte. Der Autor macht keinerlei Unterscheidung zwischen der Religion Islam und dem politisierten Islam, dessen Strukturen in jedem Bereich der iranischen Gesellschaft eindringen. Auch die Relation seiner exemplarischen Beispiele zur Realität der mehrheitlichen Bevölkerung ist unzureichend veranschaulicht worden. Der Kontext in dem die Portraits entstanden sind bleibt unklar: Wer sind die Leute, die befragt wurden? Gehören sie zu einer politischen- oder religiösen Klasse?

Die (Fehl-)Einschätzung mancher Korrespondenten

Viele kulturell- und politisch interessierte Journalisten haben in den letzten Jahren Reisen in den Iran unternommen. Manche von ihnen veröffentlichten nach ausgiebigen Erkundungen Berichte "aus erster Hand" zu Teilbereichen der iranischen Gesellschaft. Dass viele Korrespondenten jahrelang massive Fehleinschätzungen und "schräge Bilder" produziert haben, zeigen die letzten Kriege und Umbrüche. Wenn diese Experten Bücher verfassen und zu einer "Gesamteinschätzung" ausholen, muss das, wie "Land des Lachens. Land der Tränen" zeigt, mit Vorsicht genossen werden. (red, 3.12.2011, daStandard.at)

Serge Michel, Paolo Woods
Land des Lachens - Land der Tränen
Die vielen Gesichter des Iran
Aus dem Französischen von Michael Bayer

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 384 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 40 farbige Abbildungen

ISBN: 978-3-570-50131-3

Weiterführende Links: 

Die Sexualmoral der Mullahs

Im Bazar der Geschlechter

  • Artikelbild
    foto: riemann verlag
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