Für die 88. Kunstauktion änderte Kinsky seine Konditionen: Spätere Reklamationen werden nicht berücksichtigt
André Breton war ein Sammler der manischen Sorte. Für ihn war es intuitives Handeln, ein ganzheitlicher Prozess, in dem sich das Unterbewusste die alltägliche Welt aneignet, um daraus ein subjektives Universum zu kreieren. Über die Jahre stopfte er in sein 68-Quadratmeter-Refugium in der Rue Fontaine etwa 400 Gemälde, 1500 Fotografien, an die 4500 Bücher und Manuskripte, dazu aber auch 80 Waffeleisen, Kitsch und Nippes, Mineralien und Insekten, Volkskunst und Fetische. Tausende von Gegenständen insgesamt.
Jahrzehnte nach Bretons Tod gelangte dieses Sammelsurium 2003 bei Calmels Cohen (Paris) zur Auktion. Angesichts des Umsatzes von 46 Millionen Euro ein lohnender, aber auch zäher Kraftakt, nahm die Auflösung des Nachlasses doch zehn Tage und 21 Versteigerungssitzungen in Anspruch.
Rosinen im Variaangebot
Demgegenüber wirkt das für kommende Woche an der Freyung anberaumte Zweitagesspektakel genügsam, nicht nur punkto Menge. "Kostbarkeiten aus adeligen & bürgerlichen Nachlässen" ist die 88. Kinsky-Kunstauktion (5. /6. Dezember) betitelt, die hauptsächlich aus vier anonymen Verlassenschaften generiert wurde, aufgestockt um Einbringungen aus anderen Quellen, vielleicht ja auch um manch einen Ladenhüter. 799 Objekte alles in allem, wobei tatsächliche Kostbarkeiten gegenüber Durchschnittlichem oder kuriosem Allerlei eine Minderheit darstellen und "Varia" wohl eine treffendere Bezeichnung wäre. Egal, denn auch für dieses Sortiment gibt es einen Markt, und jedem steht es frei, sich individuell die Rosinen aus diesem Fundus zu picken - weitestgehend ohne Limit außerdem.
Aber alles hat seinen Preis, und im aktuellen Fall liegt dieser in den eigens für die 88. Kunstauktion geänderten Konditionen, wonach "Reklamationen über Beschreibung, Echtheit und Erhaltungszustand eines Werkes" nicht berücksichtigt werden. Entgegen sonstigen Gepflogenheiten haftet Kinsky also ausdrücklich nicht.
Oder doch? Am Ende des Katalogs findet sich ein Auszug aus der Geschäftsordnung, in dem unter dem Punkt "Echtheitsgarantie" sogar für die Dauer von drei Jahren die Haftung übernommen würde. Nein, da sei ein Fehler passiert, erklärt Ernst Ploil, Kinsky-Teilhaber und einer der Geschäftsführer. Ersteres sei korrekt. Der Grund sei die Masse an Objekten, die teils aus Wohnungen stammten, die zu bestimmten Terminen geräumt werden mussten. Die gute Ware habe man für die Auktion übernommen, der Rest sei auf die Deponie gewandert. Eine gründliche Expertisierung tat nicht not, schon weil die meisten ihre Erbschaften schlicht loswerden wollten. Surreal irgendwie, aber die potenziellen Schnäppchenjäger wird es freuen. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 3./4. Dezember 2011)