Das Flüchtige gefühlsarmer Tage

2. Dezember 2011, 19:01
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Vom Ende einer Geschichte: Das neue Buch des Briten Julian Barnes ist eine Meditation über Zeit, Wahrnehmungslücken und Gedächtnislügen

Ein Roman ist dies nicht. Auch wenn Julian Barnes' deutscher Verlag sein jüngstes Buch, das jetzt, nur wenige Wochen nach dem Erscheinen der Originalausgabe und nach der Auszeichnung mit Englands angesehenstem Literaturpreis, dem Man Booker Prize, in einer soliden Übersetzung vorliegt, derart etikettiert. Es ist eher eine "novella", ein Mittelding zwischen Langerzählung und Kurzroman. Oder um ganz präzise zu sein: ein Kammerspiel in der Gefühlsdruckkammer, ein Monodrama.

Diese Person ist der Londoner Tony Webster, Anfang 60, nach Geschichtsstudium und Arbeit, wie es nebulös heißt, in der Kulturverwaltung inzwischen pensioniert, ehrenamtlicher Spitalsbibliothekar, allein lebend, seit 20 Jahren geschieden, aber immer noch eine gute Beziehung zur Exfrau und Mutter seiner 34-jährigen Tochter unterhaltend. Ein normales Leben beruhigten Mittelmaßes. Und, da aus seiner Sicht erzählt wird, als Ich-Erzähler selbstredend nicht vertrauenerweckend, vor allem wenn er sich erinnert. Und das macht er die ganze Zeit. Und diese Zeit umfasst 40 Jahre.

Tony erzählt von seiner Jugend in den 1960er-Jahren, die für ihn keineswegs eine erotisch libertäre Betätigungszone war. Er erzählt von der vorwitzig-altklugen Freundestrias, zu der der intellektuell überlegene, enigmatische Adrian stieß. Enigmatisch, weil er ironieresistent ist, wenn die anderen ironische Spiele spielen, und, wenn es ihnen ernst ist, sie mit philosophisch unterfütterter Ironie irritiert.

Strenge Distanz

Er erzählt von Beengtheit, emotionalen Hürden, Debakeln und den Chimären der Zeitenthobenheit. Mit der Matura trennen sich ihre Wege. Tony geht zum Studium nach Bristol. Er ist einige Semester lang mit Veronica zusammen, die ihn streng auf Distanz hält - einen Wochenendbesuch bei ihrer Familie empfindet Tony psychisch als derart starke Demütigung, dass es ihm die ganze Zeit den Darm abschnürt.

Erst als das Ende der gemeinsamen Geschichte eingetreten ist, schläft sie mit ihm. Und geht als Nächstes ausgerechnet mit Adrian, dem mittlerweile an der University of Cambridge als hochbegabt gehandelten Studenten, eine Beziehung ein.

Überraschend begeht Adrian Selbstmord und hinterlässt eine sophistisch hochtrabende Begründung. Tony selbst, der nur in Maßen bewusst aktive Entscheidungen fällt, lässt sich danach in eine bürgerliche Existenz treiben, mit Familie, Kind, Haus, Pensionsanspruch und keine Verletzungen hinterlassender Scheidung.

Vier Jahrzehnte nach dem Suizid rührt ein Schreiben Tonys Erinnerungen auf. Ihm hat Veronicas Mutter testamentarisch zwei Dokumente vermacht. Doch die Übergabe des, wie sich herausstellt, Tagebuchs, das Adrian führte, gestaltet sich schwierig. Veronica will es nicht herausgeben, die wenigen Treffen mit ihr geben Tony kommunikative Rätsel auf.

Ebenso ihr Kontakt zu einem 40-jährigen geistig Behinderten, der in einer sozial betreuten Gruppe lebt. Erst am Schluss heben sich für Tony, Inbegriff des lebenden blinden Flecks der Menschenkenntnis, die Schleier.

The Sense of an Ending, den Originaltitel seines "Romans", seinem ersten seit sechs Jahren, lieh sich Barnes von der gleichnamigen Untersuchung des englischen Literaturwissenschaftlers Frank Kermode aus. Dessen Monografie aus dem Jahr 1967 besteht aus sechs Vorlesungen über Weltende, Weltkonstruktion und Weltspiegelung im Buch.

Kermodes zentrale These lautet: Indem apokalyptische Denker den Untergang der Welt imaginieren, legen sie über die Geschichte ein Muster, mit dem Ziel, "eine befriedigende Übereinstimmung mit den Ursprüngen und der Mitte" herzustellen. Doch, so Kermode weiter, die Vorhersage des Endes durch die Menschheit werde kontinuierlich falsifiziert, also als falsch entlarvt, der Einzelne sei somit gezwungen, seine Verhaltensmuster permanent neu zu justieren und geschmeidig an die Realität anzupassen.

Ebendies sei auch das Prinzip literarischer Fiktionen. Die finale Erkenntnisvolte Kermodes: Die besten Anfänge seien jene, die Täuschungen sind, das Ende sei nur dann ein Ende - und als solches überzeugend -, wenn es nicht negativ sei, sondern leichthändig die Ereignisse transformiere, in denen es die ganze Zeit enthalten sei.

Brüchige Erinnerung

Punkt für Punkt gilt all dies für Barnes' stilistisch luzides Gedächtnisexerzitium: das Brüchige und Flüchtige der Erinnerung, der geschmeidige Trug der Lebenslügen, die subjektive Eintrübung und die totale Relativität. Diese Motive finden sich in fast allen übrigen Büchern des 1946 geborenen Londoner Autors.

Am Ende wirkt Tony als Figur jedoch weder berührend müde noch anrührend blind. Er ist weder verhinderter Romantiker noch echter Naiver. Er bleibt, und das ist die zentrale Crux des Buches, zu detachiert, zu künstlich, zu fern, um echtes Interesse zu aktivieren.

Diese Geschichte, das Ende einer Geschichte in sich tragend, ist ein allzu ausgepicht konstruiertes, kühles Erzählkonstrukt, das sich am Ende still auslöscht in einer intimen Apokalypse des Erkennens - aber ohne Erschütterung innerhalb oder außerhalb auszulösen. (Alexander Kluy, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 3./4. Dezember 2011)

Julian Barnes, "Vom Ende einer Geschichte." Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. € 19,60 / 192 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011

  • Ein Kammerspiel in der Gefühlsdruckkammer: Julian Barnes, Man-Booker-Prize-Gewinner 2011.
    foto: standard/regine hendrich

    Ein Kammerspiel in der Gefühlsdruckkammer: Julian Barnes, Man-Booker-Prize-Gewinner 2011.

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