Kundgebungen für und gegen den Militärrat in Kairo
Kairo - Die Erfolge der islamistischen Parteien bei der ersten Runde der Parlamentswahlen in Ägypten fallen noch höher aus als erwartet. Die Partei der Muslimbruderschaft rechnete nach eigener Darstellung mit etwa 43 Prozent der Stimmen. Die ultrareligiöse Salafisten-Partei Nur (Licht) käme demnach auf 30 Prozent. Der liberale Ägyptische Block kommt nach eigenen Berechnungen auf etwa ein Viertel der Stimmen. Der mehrstufige Wahlprozess ist erst im Jänner abgeschlossen.
Als erste Reaktion hat die Muslimbrüder-Partei "Freiheit und Gerechtigkeit" (FJP) Anspruch auf die Regierungsbildung erhoben. Später relativierte sie diese Forderung als "verfrüht" . Noch hat Ägypten keine Verfassung, in der vorgesehen ist, dass das Parlament die Regierung bildet.
Trotz der Niederlage der Revolutionsgruppen haben sich in Kairo erneut Jugendliche zum Protest gegen die Herrschaft des Militärs versammelt. Auf dem Tahrir-Platz forderten sie den sofortigen Rücktritt des von Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi angeführten Obersten Militärrats (Scaf). Am Abbassiya-Platz kam es aber auch zu einer Kundgebung von Scaf-Anhängern. Ihr Zorn richtete sich unter anderem gegen Mohamed ElBaradei, der den Militärrat scharf kritisiert.
Revolutionäre Proteste
Trotz mangelnder Unterstützung in der breiten Bevölkerung kündigte die Jugendbewegung "6. April" eine neue Phase von Massenprotesten an. Mit Sitzblockaden im ganzen Land soll der Militärrat gezwungen werden, die Macht an eine zivile Regierung abzugeben. Oppositionsgruppen halten seit eineinhalb Wochen den Tahrir-Platz besetzt. Sie werden immer wieder angegriffen. Laut ägyptischen Medien wurde die Zahl der bei den Auseinandersetzungen Getöteten auf über hundert korrigiert. (Reuters, guha/DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2011)