"Es gibt kein Schmerzzentrum im Gehirn"

Interview

Oft fehlen den Fachärzten die Strategien, kritisiert Anästhesiologe Hans-Georg Kress und plädiert für eine Stärkung der Schmerzmedizin als eigenes Fach

Standard: Sie beschäftigen sich mit dem Thema Schmerz. Was genau bedeutet Schmerz?

Kress: Zunächst eine zutiefst menschliche Erfahrung. Schmerz ist ein Phänomen des Nervensystems. Grob betrachtet unterscheidet man zwei Arten: Akuter Schmerz wird durch eine Gewebsschädigung hervorgerufen, insofern ist Schmerz also eine Reaktion, eine Art Schutzfunktion, die das Überleben sichert. Im Gegensatz dazu steht der chronische Schmerz als komplexes bio-psycho-soziales Phänomen, ein Begriff, der in den 70er-Jahren geprägt wurde. Er bezeichnet den über mehrere Monate anhaltenden oder wiederkehrenden Schmerz, oftmals auch ohne dann noch medizinisch feststellbaren Gewebs- oder Organdefekt. Chronische Schmerzen sind ein hochkomplexes Phänomen, das immer noch viel zu wenig erforscht ist.

Standard: Früher waren Schmerzen ein fixer Bestandteil des Lebens, die Entdeckung von Morphin im 19. Jahrhundert hat alles verändert. Was ist seither passiert?

Kress: Aus Sicht der Naturwissenschaft und der Medizin herrschte im 19. Jahrhundert eine ungeheure Aufbruchsstimmung. Die neuen Möglichkeiten der Schmerzbehandlung mit Lokalanästhetika, Morphin und Narkose, wurden als Siegeszug gefeiert. Denn bis dahin wurde Schmerz als schicksalshafte Notwendigkeit oder gottgegebene Läuterung betrachtet oder gar als "Stahlbad" erhöht, das den Menschen hart macht. Unter anderem auch aus dieser Geisteshaltung entstanden zwei Weltkriege.

Standard: Einmal ganz abgesehen davon, gab es doch schon immer einen Konnex zwischen Schmerz und Religion?

Kress: Schmerz wurde von den Religionen jahrhundertelang instrumentalisiert. Er war Ausdruck für Strafe, für Schuld und Sünde. Schmerz hatte Sühnecharakter in der abendländischen Tradition. Das alles wurde im 20. Jahrhundert zu Recht infrage gestellt.

Standard: Heute bemühen Sie sich, Schmerzmedizin zu etablieren ...

Kress: Wir betrachten chronische Schmerzen heute als Phänomen, das immer biologische, psychologische und soziale Ursachen hat. Den einen chronischen Schmerz als Entität gibt es nicht. Schmerz entsteht unterschiedlich, wird von jedem Individuum anders wahrgenommen, kann auch von sozialen Faktoren außerhalb des Individuums gefördert werden.

Standard: Auch die Herkunft spielt eine Rolle?

Kress: Das Schmerzverhalten ist kulturell beeinflusst. Ein Amerikaner irischer Abstammung erlebt Schmerzen anders als ein Afrikaner und wieder anders als ein Italiener oder jemand aus Asien. Das hat auch Auswirkungen auf die Diagnostik und die Therapie. Wir sind heute überzeugt, dass Behandlungskonzepte multimodal sein sollten und aus einer individuell angepassten Kombination von Medikamenten, nichtmedikamentösen, rehabilitativen und eventuell psychotherapeutischen Methoden bestehen sollte.

Standard: Welche Rolle spielen die Ärzte?

Kress: Viele Mediziner denken bis heute: Schmerz wird durch einen anhaltenden Reiz ausgelöst oder ist die dauerhafte Störung einer Organfunktion. Sie denken, wenn dieser Reiz beseitigt wird, verschwinden auch die chronischen Schmerzen wieder. Diese Vorstellung ist nicht für alle, aber für viele chronischen Schmerzen falsch. Schmerz ist das Resultat einer komplexen, neurophysiologischen Interaktion des Zentralnervensystems. Es gibt kein Schmerzzentrum im Gehirn, wie viele das früher meinten. Schmerz ist ein Sinnes- und Gefühlserlebnis, und es gibt Krankheiten wie etwa die Fibromyalgie, die keine durch medizinische Körperdiagnostik feststellbaren Ursachen hat. Zwei Prozent der Bevölkerung leiden an dieser Schmerzkrankheit, mehrheitlich Frauen. Diese Art des chronischen Schmerzes muss man ernst nehmen, erforschen, darf ihn nicht in die "Psycho-ecke" stellen.

Standard: Tut die Mehrheit der Mediziner das?

Kress: In vielen Krankenakten in ganz Europa werden Körperwerte wie Puls, Blutdruck und Temperatur gemessen, aber für Schmerz gibt es keine Dokumentation in den Krankenregistern. Dass Schmerz nicht nur ein Symptom einer zugrundeliegenden Erkrankung ist, sondern in vielen chronischen Fällen ein eigenständiges Krankheitsbild ist, muss erst in den Köpfen von Medizinern, Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen und Politikern verankert werden. Dafür muss aber noch ein Problembewusstsein geschaffen werden. Die Europäische Schmerzföderation versucht das mit der Initiative "Social Impact of Pain".

Standard: Was sollte Ihrer Meinung zur Verbesserung für die Patienten passieren?

Kress: Eine qualitativ hochwertige Ausbildung für Schmerzmedizin zu schaffen wäre wichtig, ich hielte ein Sonderfach "Schmerzme-dizin" für eine gute Lösung. Schmerztherapeuten müssen multidisziplinär denken.

Standard: Nehmen chronische Schmerzpatienten eigentlich zu?

Kress: Jeder fünfte erwachsene Europäer leidet an einer Form von persistierendem, wiederkehrendem chronischem Schmerz. Es gibt einen klaren Zusammenhang mit dem höheren Lebensalter. Ob die Häufigkeit wirklich zunimmt, lässt sich schwer sagen, weil es ja erst seit 20 Jahren ein Bewusstsein dafür gibt. Während praktisch jeder Akutschmerz gut mit unseren potenten Schmerzmitteln behandelt werden kann, gibt es leider auch Formen von chronischem Schmerz, die nicht ausreichend therapiert werden können. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 05.12.2011)

  • Hans-Georg Kress ist seit 18 Jahren Leiter der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie an der Medizinischen Universität in Wien. Er ist Präsident der Europäischen Schmerzföderation (EFIC), ein Zusammenschluss von 35 anerkannten, nationalen Schmerzgesellschaften in Europa.
    foto: standard/robert newald

    Hans-Georg Kress ist seit 18 Jahren Leiter der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie an der Medizinischen Universität in Wien. Er ist Präsident der Europäischen Schmerzföderation (EFIC), ein Zusammenschluss von 35 anerkannten, nationalen Schmerzgesellschaften in Europa.

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