"Es gibt kein Schmerzzentrum im Gehirn"

Interview
  • Hans-Georg Kress ist seit 18 Jahren Leiter der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie an der Medizinischen Universität in Wien. Er ist Präsident der Europäischen Schmerzföderation (EFIC), ein Zusammenschluss von 35 anerkannten, nationalen Schmerzgesellschaften in Europa.
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    Hans-Georg Kress ist seit 18 Jahren Leiter der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie an der Medizinischen Universität in Wien. Er ist Präsident der Europäischen Schmerzföderation (EFIC), ein Zusammenschluss von 35 anerkannten, nationalen Schmerzgesellschaften in Europa.

Oft fehlen den Fachärzten die Strategien, kritisiert Anästhesiologe Hans-Georg Kress und plädiert für eine Stärkung der Schmerzmedizin als eigenes Fach

Standard: Sie beschäftigen sich mit dem Thema Schmerz. Was genau bedeutet Schmerz?

Kress: Zunächst eine zutiefst menschliche Erfahrung. Schmerz ist ein Phänomen des Nervensystems. Grob betrachtet unterscheidet man zwei Arten: Akuter Schmerz wird durch eine Gewebsschädigung hervorgerufen, insofern ist Schmerz also eine Reaktion, eine Art Schutzfunktion, die das Überleben sichert. Im Gegensatz dazu steht der chronische Schmerz als komplexes bio-psycho-soziales Phänomen, ein Begriff, der in den 70er-Jahren geprägt wurde. Er bezeichnet den über mehrere Monate anhaltenden oder wiederkehrenden Schmerz, oftmals auch ohne dann noch medizinisch feststellbaren Gewebs- oder Organdefekt. Chronische Schmerzen sind ein hochkomplexes Phänomen, das immer noch viel zu wenig erforscht ist.

Standard: Früher waren Schmerzen ein fixer Bestandteil des Lebens, die Entdeckung von Morphin im 19. Jahrhundert hat alles verändert. Was ist seither passiert?

Kress: Aus Sicht der Naturwissenschaft und der Medizin herrschte im 19. Jahrhundert eine ungeheure Aufbruchsstimmung. Die neuen Möglichkeiten der Schmerzbehandlung mit Lokalanästhetika, Morphin und Narkose, wurden als Siegeszug gefeiert. Denn bis dahin wurde Schmerz als schicksalshafte Notwendigkeit oder gottgegebene Läuterung betrachtet oder gar als "Stahlbad" erhöht, das den Menschen hart macht. Unter anderem auch aus dieser Geisteshaltung entstanden zwei Weltkriege.

Standard: Einmal ganz abgesehen davon, gab es doch schon immer einen Konnex zwischen Schmerz und Religion?

Kress: Schmerz wurde von den Religionen jahrhundertelang instrumentalisiert. Er war Ausdruck für Strafe, für Schuld und Sünde. Schmerz hatte Sühnecharakter in der abendländischen Tradition. Das alles wurde im 20. Jahrhundert zu Recht infrage gestellt.

Standard: Heute bemühen Sie sich, Schmerzmedizin zu etablieren ...

Kress: Wir betrachten chronische Schmerzen heute als Phänomen, das immer biologische, psychologische und soziale Ursachen hat. Den einen chronischen Schmerz als Entität gibt es nicht. Schmerz entsteht unterschiedlich, wird von jedem Individuum anders wahrgenommen, kann auch von sozialen Faktoren außerhalb des Individuums gefördert werden.

Standard: Auch die Herkunft spielt eine Rolle?

Kress: Das Schmerzverhalten ist kulturell beeinflusst. Ein Amerikaner irischer Abstammung erlebt Schmerzen anders als ein Afrikaner und wieder anders als ein Italiener oder jemand aus Asien. Das hat auch Auswirkungen auf die Diagnostik und die Therapie. Wir sind heute überzeugt, dass Behandlungskonzepte multimodal sein sollten und aus einer individuell angepassten Kombination von Medikamenten, nichtmedikamentösen, rehabilitativen und eventuell psychotherapeutischen Methoden bestehen sollte.

Standard: Welche Rolle spielen die Ärzte?

Kress: Viele Mediziner denken bis heute: Schmerz wird durch einen anhaltenden Reiz ausgelöst oder ist die dauerhafte Störung einer Organfunktion. Sie denken, wenn dieser Reiz beseitigt wird, verschwinden auch die chronischen Schmerzen wieder. Diese Vorstellung ist nicht für alle, aber für viele chronischen Schmerzen falsch. Schmerz ist das Resultat einer komplexen, neurophysiologischen Interaktion des Zentralnervensystems. Es gibt kein Schmerzzentrum im Gehirn, wie viele das früher meinten. Schmerz ist ein Sinnes- und Gefühlserlebnis, und es gibt Krankheiten wie etwa die Fibromyalgie, die keine durch medizinische Körperdiagnostik feststellbaren Ursachen hat. Zwei Prozent der Bevölkerung leiden an dieser Schmerzkrankheit, mehrheitlich Frauen. Diese Art des chronischen Schmerzes muss man ernst nehmen, erforschen, darf ihn nicht in die "Psycho-ecke" stellen.

Standard: Tut die Mehrheit der Mediziner das?

Kress: In vielen Krankenakten in ganz Europa werden Körperwerte wie Puls, Blutdruck und Temperatur gemessen, aber für Schmerz gibt es keine Dokumentation in den Krankenregistern. Dass Schmerz nicht nur ein Symptom einer zugrundeliegenden Erkrankung ist, sondern in vielen chronischen Fällen ein eigenständiges Krankheitsbild ist, muss erst in den Köpfen von Medizinern, Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen und Politikern verankert werden. Dafür muss aber noch ein Problembewusstsein geschaffen werden. Die Europäische Schmerzföderation versucht das mit der Initiative "Social Impact of Pain".

Standard: Was sollte Ihrer Meinung zur Verbesserung für die Patienten passieren?

Kress: Eine qualitativ hochwertige Ausbildung für Schmerzmedizin zu schaffen wäre wichtig, ich hielte ein Sonderfach "Schmerzme-dizin" für eine gute Lösung. Schmerztherapeuten müssen multidisziplinär denken.

Standard: Nehmen chronische Schmerzpatienten eigentlich zu?

Kress: Jeder fünfte erwachsene Europäer leidet an einer Form von persistierendem, wiederkehrendem chronischem Schmerz. Es gibt einen klaren Zusammenhang mit dem höheren Lebensalter. Ob die Häufigkeit wirklich zunimmt, lässt sich schwer sagen, weil es ja erst seit 20 Jahren ein Bewusstsein dafür gibt. Während praktisch jeder Akutschmerz gut mit unseren potenten Schmerzmitteln behandelt werden kann, gibt es leider auch Formen von chronischem Schmerz, die nicht ausreichend therapiert werden können. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 05.12.2011)

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16 Postings
jaja

Schmerz ist eigentlich nur ein Symptom und nicht die Ursache. Leider werden oft nur die Symptome und nicht die Ursachen behandelt.

ok ein Beispiel, sie brechen sich einen Knochen, dann bekommen sie einen Gips um die Ursache des Schmerzes, den gebrochenen Knochen, zu versorgen und zusätzlich falls sie starke Schmerzen haben ein Schmerzmittel.

Was würden sie statt dessen vorschlagen?

Anderes Beispiel, Schmetterlingskinder. Was tun? Krebs im Endstadium? Wunden einer OP, eines Unfalls, Brandwunden...

Jaja immer nur werden die Symptome bekämpft... so wie in der Medizin üblich. Antibiotika macht ja auch nichts anderes...

ich sagte ja auch "oft" und nicht "immer" :)

auch nicht "oft", eher "manchmal".

Die Einteilung in chronische und akute Schmerzen

ist ein Anfang für eine Schmerzklassifikation-aber nicht mehr. Der nächste Schritt wäere wohl die Einteilung in periphere -d.h. durch Reizung der Schmerzrezeptoren verursachte Schmerzen und in zentrale Schmerzen. Also hoppauf! Hr. Kress.Fangens an damit! Bezahlt werden Sie dafür ja schon.

Schmerz ist ganz sicher oft psychisch -

- und das liegt genau daran, dass die Schulmedizin die Psyche nicht wahrnehmen will. Aus Angst, mehr als nur den Körper erkennen zu müssen.

Schmerz hat ihren Urspung in der Seele - deshalb wird er auch so oft dort wahrgenommen. Natürlich gibt es auch rein körperliche Schmerzen. Aber warum verändert sich Schmerz, wenn man in der Meditation loslässt und den Schmerz nur "beobachtet", wahrnimmt? Schmerz ist eine variable Größe.
Man nähert sich dem Phänomen Schmerz, wenn man - endlich!!! - die Seele wahrnimmt, die Schmerz erleidet.

weil das komplett ignoriert wird gibts ja auch keine psychopharmaka... oh die gibts ja doch

Beitrag gelesen... Hmmmm... Eso-Geschwurbel... Seele, soso... Von wem mag das nur... AH JA! astemp79 ist wieder auf Seelenwanderung!

die psyche wird sehr wohl wahrgenommen, das heißt dann "psychiatrie" und "psychologie".
und "seele" ist schon wieder so ein esoterisches geschwätz.

Psyche, Seele...

solang man bei diesen Metaphern verweilt, kommt gar nichts heraus, außer man landet in der Kirche und glaubt. Das Gehirn ist ebenso ein Organ, also auch organisches. Hört endlich mit der Trennung Kopf-Körper auf. Längst gibt es Erkenntnisse aus der Neurologie, die vieles erklären, beileibe noch nicht alles. Sonst ein gutes, interessantes Interview.

Schmerz..eine zutiefst menschliche Erfahrung.

Nein, ist es nicht. Wir teilen dieses Empfinden mit den Tieren. Fällt verdammt schwer weiterzulesen wenn der Hr Doktor mit solch einer Einleitung beginnt.
Vielleicht meint er auch, dass Kopulation eine zutiefst menschliche Erfahrung ist.

Sie verwechseln zutiefst mit ausschließlich.

wenn du den sinn der worte nicht verstehst, die botschaft bei dir nicht ankommt,...

...dann ist es zeit inne zu halten, einen schritt zurück zu gehen ...

...und...

...sich wieder den kinderbüchern zu widmen.

menschen können ebenso wie tiere flöhe haben, eine unangenehme aber noch lange keine ZUTIEFST menschliche erfahrung. ob diese erfahrung tiere teilen mag in anderen fragestellugnen relevant sein. hier nicht.

Sie scheinen ein bißchen zu großkariert zu sein.

Beim Essen tuns wahrscheinlich fressen
statt trinken wohl saufen
und wenns um die Liebe geht trau ich Ihnen mehr als vögeln und mausen auch nicht zu..
So undifferenziert wie unser lieber Herr Doktor im Artikel.

zumindest gackere ich nicht wie eine aufgescheuchte henne ;-)

übrigens teilen wir den schmerz (ziemlich sicher) nicht mit allen tieren.

halten sie einer heuschrecke deren bein ans maul und sie frißt es.

sie einer fressenden wespe vorsichtig das hinterste teil ab und sie frißt weiter.

setzen sie einen frosch in kaltes wasser und erhitzen es langsam, der frosch stirbt.

hier ein paar anregugnen:

können folgende faktoren ein schmerzempfinden weniger effekitv werden lassen?

kurze lebensdauer
fehlende regenerations-mechanismen

in diesem Artikel geht es um Humanmedizin, ich kann mir nicht vorstellen, dass der Hr Doktor Tieren Schmerzen abspricht, sollte es dennoch so sein, bereue ich es jetzt schon weitergelesen, und diese Zeit nicht für eine andere, zutiefst tierische Erfahrung genutzt zu haben.

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