Wissenschafter sehen Demokratie gefährdet - AK-Präsident fordert Ausbau der Mitbestimmung

2. Dezember 2011, 10:15

Vor der zunehmenden Macht einer globalen Wirtschaftselite, die die Demokratie gefährdet, warnten der bekannte britische Politikwissenschafter Colin Crouch (Universität Warwick) und der Leiter des Instituts für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der Johannes-Kepler-Universität, Walter Ötsch. AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer fordert Gegenmaßnahmen: "Die Finanzmärkte müssen reguliert, die betrieblichen Mitspracherechte der Beschäftigten ausgebaut werden!"

Colin Crouch nennt "Postdemokratie" einen starken politischen Trend: Eine globale Wirtschaftselite aus großen Unternehmen und internationalen Konzernen vertritt ihre Interessen weit erfolgreicher als die überwältigende Mehrheit der Bürger/-innen. Forderungen, die auf Verteilungsgerechtigkeit abzielen und die Macht der Wirtschaftselite einschränken wollen, sind nicht mehr umsetzbar, weil diese politische Entscheidungsprozesse durch Lobbying beeinflusst. Die Bindung der Politik an die Interessen der ärmeren Bevölkerungsgruppen wird immer schwächer. Entsprechend wenden sich mehr und mehr Bevölkerungsgruppen von ihr ab. Während in jüngster Zeit der "gerettete" Finanzsektor steigende wirtschaftliche und politische Bedeutung erlangt, ist der öffentliche Sektor von markanten Kürzungen und von Bedeutungsverlust betroffen.

Der Ökonom und Kulturwissenschafter Walter Ötsch kritisiert, dass das politische System postdemokratische Züge angenommen hat. Die für die Rettung der Staaten notwendigen Summen werden immer größer, weil die Politiker/-innen die Macht "der Märkte" als gegeben hinnehmen, statt aktiv zu gestalten. Dabei hat im Herbst 2008 genau diese Politik aktiven Eingreifens einen globalen Wirtschaftskollaps verhindert. Durch die immense Höhe der damals aufgebotenen Summen ist die Staatsverschuldung (die vorher z.B. im Euroraum gesunken ist) deutlich gestiegen. Jetzt wenden sich die Finanzmärkte gegen einzelne Staaten. Dies wäre nicht möglich, hätte die Politik ihr Versprechen gehalten, die Finanzmärkte zu reformieren und die Macht der großen Investoren und Banken zu verringern.

"Das hohe Macht-Ungleichgewicht zwischen großen Unternehmen und Konzernen und allen übrigen Gruppen der Gesellschaft ist demokratiegefährdend. Deshalb sind Institutionen wie Arbeiterkammer und Gewerkschaft, die die Interessen der Beschäftigten vertreten, besonders wichtig", sagt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer. Um den Entdemokratisierungsprozessen entgegenzuwirken, braucht es Maßnahmen auf globaler und nationaler ebenso wie auf betrieblicher Ebene. Dringend notwendig ist neben der Demokratisierung und Regulierung der Finanzmärkte auch der Ausbau der individuellen und betriebsrätlichen Mitbestimmungsrechte in den Unternehmen: bei der Bemessung des Personalstands, der Arbeitszeit, den Investitionen und der Gewinnverteilung. "Entscheidend wird sein, dass die Politik wieder Rahmenbedingungen schafft, die demokratische Entscheidungen absichern. Auf der Ebene der Finanzmärkte ist die Einführung von Eurobonds ein geeignetes Instrument, um Staaten vor Spekulationsattacken zu schützen", betont AK-Präsident Kalliauer.

Rückfragehinweis: Arbeiterkammer Oberösterreich, Kommunikation Dr. Robert Eiter Tel.: (0732) 6906-2188 mailto:robert.eiter@akooe.at http://www.arbeiterkammer.com

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