Nur hinweg-gemogelt?

Gastkommentar
2. Dezember 2011, 10:41

Als beste Schule Deutschlands wurde eine integrierte Gesamtschule ausgezeichnet, die sich als "Teamschule" sieht und ohne Noten auskommt. Ein gutes Zeichen, oder doch nicht? fragt sich Stefan Gärtner

Wie man es macht, wusste Mutti, macht man's verkehrt. Und raus aus seiner Haut kann man auch nie. Die "Süddeutschen Zeitung" schlug ich trotzdem sofort auf, obwohl ich geschworen hatte, mich aus Schul- und Bildungsfragen fürs Erste herauszuhalten. Aber wenn der Titel-Teaser einen Bericht über "Vorbildliche Schulen in Deutschland" ankündigt, dann sitze ich und kann nicht anders.

Erleichtert, weil es einmal nicht um die Elite geht

Ich bin erleichtert. Es geht nicht um die neuesten Leistungsförderideen für die Spitzentopelite, sondern darum, aus Schulversagern Kinder zu machen, die gerne lernen, darum, einen Kontrapunkt zu setzen zum blinden Leistungsfetischismus. Es geht, tatsächlich, um Gesamtschulen, in denen vor der achten Klasse nicht benotet wird, um integrierte Klassen, wo man lernt, dass es neben Wettbewerb so etwas wie Solidarität gibt, um kleine Lerngruppen und "jede Menge Musik- und Theaterangebote. Die Last des Lernens soll möglichst gering sein, die Freude an der Schule umso größer. Wer Angst hat, kann nicht gut lernen, davon sind sie an dieser Schule überzeugt." Und am Ende steht sogar ein Abitur, das nicht schlechter ist als eins vom Band. Prima.

Einerseits. Anderseits merke ich, wie sich der alte Affe Dialektik in mir meldet und sich fragt, ob das nicht auch schon wieder falsch ist; oder wenigstens weniger richtig, als es den Anschein hat. Magnus Klaue hat sich in "konkret" neulich die "Infantilisierung der Studenten" vor geknöpft, die den Bologna-Reformen habituell längst entgegen kämen und mit dem alten Ideal freier akademischer Selbstausbildung schon gar nichts mehr anfangen könnten: "Die Universität wird nicht mehr als ein Gegenort zu Schule und Elternhaus wahrgenommen, der zwar ebenfalls jede Menge Frustrationen bereithält, aber demjenigen, dem daran gelegen ist, doch die Möglichkeit eröffnet, der infantilen Fixierung auf Eltern und Lehrer (...) zu entrinnen. Im Gegenteil wird sie zur bloßen Verlängerung der Schule, auf deren schützende Autorität man sich zwar nicht mehr verlassen kann, deren Erbe man aber bis ins reife Alter mitschleppt. Seither häufen sich die Fälle, in denen die Eltern schlecht benoteter Studenten, oft durch diese überhaupt erst dazu animiert, bei Dozenten und Hochschullehrern vorstellig werden, um sich über die vermeintlich ungerechte Beurteilung zu beschweren."

Kann Entwicklung ohne Widerstand gelingen?

Was das nun mit den vorbildlichen Gesamtschulen zu tun hat? Immerhin so viel, dass Entwicklung ohne Widerstand nicht gelingen kann. Angstfrei lernen, wunderbar. Aber was, wenn es keinen Sinn hätte, sich über den gewalttätigen Charakter gegenwärtiger Gesellschaft mittels Notenfreiheit, Kleingruppen, Zirkuskursen und "Schüler-Logbüchern" hinweg zu mogeln? Was, wenn das reaktionär-polemische Wort von der "Kuschelpädagogik" eine Wahrheit hätte darin, dass jene dem Nachwuchs Verhältnisse vorspielte, in denen es auf Leistung, Einordnung und Unterwerfung nicht ankomme, und, ganz gegen die Absicht, kein freies, emanzipiertes Bewusstsein formte, sondern eines, dessen Widerstand nicht mit der Knute, sondern mit unermüdlichem Verständnis gebrochen wird?

Buddelkastenaufstand statt politischer Aktionen

Für Klaue, der, freilich von links, von "schlechter Integration" und "negativer Egalität" spricht, liegt es in dieser Logik, dass die Teilnehmer an Studentendemos "mit ihrer penetranten Beschwörung von 'Sesamstraße', 'Muppet Show', 'Mickey Mouse‘ und 'Momo' eher an einen Buddelkastenaufstand als an politische Aktionen erinnern. Sie sprechen die einzige Sprache, in der sie überhaupt noch denken können, und fordern 'Schutzräume' für das, was zu verlieren sie doch als Befreiung erkennen müssen: für die möglichst lebenslange Konservierung ihres im pubertären Infantilismus steckengebliebenen Sozialcharakters."

Mag der integrative Weg im Zweifel der bessere sein, weil auf einen, der im Widerstand gegen regelschulische Leistungsregime zur Persönlichkeit wird, fünf kommen mögen, die bloß scheitern, so bleibt doch die Frage, ob eine Schule schon deshalb eine gute ist, weil sie statt Verlierern Gewinner produziert. Denn Gewinner zeichnet meistens eines aus: dass sie einverstanden sind. Und von denen gibt's ja eigentlich genug. (Stefan Gärtner, derStandard.at, 2.12.2011)

Autor

Stefan Gärtner, The European, Jahrgang 1973, studierte Geisteswissenschaftliches in Mainz und New York und war von 1999 bis 2009 Redakteur beim endgültigen Satiremagazin "Titanic". Gärtner schreibt monatliche Politessay für The European.

 

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ob die wohl nur zur Schule oder auch hineingehen in die Schule...

In Gesamtschulen

werden keine Eliten ausgebildet. Wir brauchen auch nicht lauter gleich marschierende und denkende Bürger. Jeder hat das Recht so klug zu werden, wie er kann, ebenso auch so dumm zu sterben, wie er geboren wurde.
Kriminell wird die Sache nur, wenn alle diesem Zwang unterzogen werden. Es muss immer die Freiheit bestehen sich für eine elitäre Bildung zu entscheiden.

Und wie entscheidet sich eine arme Familie für eine "elitäre" Bildung? Sicher, geben tut es das schon. Aber man kennt diese Dinge weil es Ausnahmen sind.

In dem es Ihr Kind in Ö einfach auf die Schule gehen lässt?

Es gibt keine soziale Selektion von seiten der Schulen. Das ist nämlich schon jetzt verboten. UNd kosten tun die Schulen bei uns auch kein Schulgeld, und auf der UNi bekommen Kinder armer Eltern Stipendien

Ein bisschen vage Ihre Ideen und weit von der Realität

Aus Angst, dass wir zu wenig Revoluzzer mit gesellschaftspolitischem Bewusstsein und Reflexionsniveau produzieren, die hierarchische Schule beibehalten? Das ist Utopie, denn die Schule kann solche Revoluzzer, wie es sie 68 gegeben hat, gar nicht mehr oder nur minimalst im Widerstand der Schüler hervorbringen, da sich die Zeiten fundamental geändert haben. Der Widerstand der Kinder wird schon viel früher aufgelöst, da sich alle Werte und Sicherheiten (Familienstrukturen, konkurrierende Lebensmodelle etc) auflösen, was durch die Medien beschleunigt wird. Es geht zur Zeit eher darum, die geistige Gesundheit der Kinder zu erhalten. Schulen wie die von Ihnen beschriebenen sind dazu bestens geeignet. In D. ist außerdem "Voldemort" zurück.

Außerdem finde ich,

ist die Zeit des antiautoritären Motzens einfach vorbei. Jetzt geht es ums Gestalten. Und dazu brauchen wir Kinder,Jugendliche, Erwachsene, die möglichst viel wissen, möglichst viel entscheiden können, teamfähig sind und zukunftsorientiert, die wissen, was nachhaltiges, ressourcenschonendes, lustvolles Leben im vollen Inhalt bedeutet und das Wissen auch anwenden können, die vernetzt denken können, die die Welt in die Hand nehmen.

Genau das sollten die Kinder NICHT mitbekommen hohle phrasen und dumme schlagworte ..... und dann auch noch als argument.
Im uebrigen .... vernetzt denken geht rein biologisch nicht, denn dazu bedarf es immer des flachenhalses kommunikation und interaktion, also lass einfach werbesprueche und geb mal inhalt.

Der Papa wird's schon richten

Von einer Schule ohne Noten träumen vor allem jene, die zu faul zum Lernen oder für den Schultyp ungeeignet sind, und daher den Unterricht stören, Klassenkameraden, die sich bemühen, terrorisieren und später im Leben auch ohne gutes Zeugnis weiterkommen, weil der Pappi eh seine Beziehungen spielen läßt.

Noten fördern die Faulheit!

Noten bringen Schüler dazu, sich mehr für die Noten zu interessieren, als dafür, was sie wirklich können. Sie ringen nicht um Inhalte und Erweiterung der Fähigkeiten, sondern fragen, was sie machen sollen, damit sie eine bessere Note bekommen. Wenn die Note gesichert ist, dann flaut auch das Interesse merklich ab. Es bedarf eines starken Engagements als Lehrer trotz der Noten das Interesse am Können zu fördern und wenn endlich diese Konzentration da ist, weil der Interessensgegenstand gut präsentiert und sichtbar ist und Fragen aufwirft, dann beteiligen sich nicht selten auch die, die sonst stören.

Seither häufen sich die Fälle, in denen die Eltern schlecht benoteter Studenten, oft durch diese überhaupt erst dazu animiert, bei Dozenten und Hochschullehrern vorstellig werden, um sich über die vermeintlich ungerechte Beurteilung zu beschweren."

ähh wie bitte was denn?

ist das ihr ernst?

also studeten sind ja meist volljährig, also die eltern haben dort absolut ncihts mehr zu melden, da kann ich genauso gut mit irgendeinem kumpel beim dozenten auftauchen...

abgesehen davon hätte ich mir (als nichtstudent) schon irgendwie erwartet, dass unsere bildungelite selbst fähig ist einen diskurs über leistung mit einem dozenten zu führen...

also ich war in der schule klassenspreche und in der lehre jugendvertrauensrat und den großteil aller probleme konnten wir intern klären..ok es waren nicht alle volljährig also manchmal haben wir die eltern gebraucht....

es ist ein Unterschied ob die Eltern vorstellig werden oder nur den Anstoß geben zweiteres steht in dem Zitat

meist ist die Frage ob der Dozent, Prof, Ass zu einem Diskurs fähig ist. Manche im wissenschaftlichen Betrieb sehen sich im Verhältnis Chef und Untergebener, da werden Sie auch wenn berechtigt keinen Diskurs führen können.

In meiner Uni-Zeit musste ich einem Prof der eine Gemeinschaftsarbeit erlaubt hat und dann einen Großteil in der Bewertung meinem Partner zuschlug, mittels Aussage meines Partners überzeugen, dass es genau umgekehrt war.

zwischen den Zeilen habe ich den Prof alles geheißen was Gott verboten hat

Trotzdem

wenn man die (bildung der) eliten massiv vernachlässigt (wie eh schon die letzten jahrzehnte passiert), sondern sich zu sehr um die "schulversager" kümmert, stellen auch in zukunft leute wie faymann und strache die elite dar.

Für wen, Tom, T.,

gehört Strache zur Elite?

wenn er BK wird

gehört er zwangsläufig zur Elite. Scheinbar ist er dann das Beste was Österreich zu bieten hat. Weil sonst würde ja wer anderer als Faymann oder Strache BK werden.

Dann war wohl, Tom T.,

in Ihren Augen auch Hitler "Elite".

Teilweise aber haben Sie recht, denn in der Soziologie versteht man darunter eine besondere Begabung/Fähigkeit, somit ist auch ein erfolgreicher Verbrecher der Elite zuzurechnen.
Da die meisten der Foren-Leser aber, dies nehme ich an, keine Soziologen sind, sollten wir bei der praxissprachlichen Auslegung bleiben, die positives anzeigt.

P.S.- Nach jeder Wahl bezeichnen in Ö etwa 50% der Wähler den Bundeskanzler als eine schlechte Lösung, somit sollten wir doppelt vorsichtig mit diesem Ausdruck umgehen, er ist manipulativ.

wie meinst du das?

Wie soll man

die Gesellschaft (die de Fakto versagt hat - siehe Umwelt, Einkommensschere etc.) verändern, wenn man die Kinder an diese gescheiterte Gesellschaft anpasst? Ich sag' ja nicht, dass es nicht schwer wird für unsere Kinder und Enkel, aber die Veränderung kann nur in der Erziehung beginnen. Ich bin sicher, dass Kinder, die gelernt haben zusammen zu arbeiten (statt gegeneinander), kritisch zu denken (statt vorgefertigte Meinungen zu schlucken), Autorität zu hinterfragen (statt untertänig zu buckeln), erheblich bessere Chancen haben Bewegung in diese unsere Gesellschaft zu bringen.

Ich hoffe, Du findest wenigstens mehr als eine handvoll dieser menschen in Deiner unmittelbaren umgebung, ob diese dann zu echten veraenderungen bereit und auf dauer in der lage sind ... nun, dies ziegten weltweit ja hochqualifizierte fachkraefte ..... vorallem im bereich mathematik, speziell finanzmathematik ;-)

De Fakto?

"de facto"! 'schuldigung, wollte wohl einen lateinischen Ausdruck etwas "eindeutschen".

"Ich bin sicher.........."

Wunschdenken??

je nach Position im Unternehmen erreicht man nur die Kündigung

außerhalb eines Unternehmens oder allg. vom Markt ist diese gewünschte Fähigkeit wiederum sinnlos

Ich weiss nicht,

ob Sie bemerkt haben, dass die Arbeitsplätze, auf denen Denken kontraproduktiv wäre inzwischen fast alle von Maschienen übernommen oder in Niedriglohnländer verschoben wurden. Die Chefs, die ihre eigene Eitelkeit über das Betriebswohl stellen sind, dank "Evolutionsdruck", auch schon längst am Aussterben. Und, falls Sie es noch nicht gemerkt haben: Es gibt ein Leben ausserhalb des Betriebes, und dort ist kritisches Denken sehr wohl nützlich, wenn nicht gar überlebensnotwendig. Wie sonst werden Sie zB aus der Informationsflut die "Steu vom Weizen" unterscheiden bzw Schmieren-Politiker von ernstzunehmenden Kandidaten unterscheiden, um die Demokratie zum Funktionieren zu bringen?

also doch Wunschdenken, wusst ich es doch!

Auch wenn viele Fabriken, d.h. Arbeit am Fließband, abgesiedelt sind, gibt es auch noch mehr Jobs wo Hirn lediglich dazu benötigt wird Ware einzuschlichten, Preisschild draufkleben, dies betrifft 95% aller Verkäuferjobs bei Billa & Co, Textil, Baustoffe, usw. lediglich 5% wenn es hoch kommt sind erweiterte Kundenbetreuung zuständig.

Call Center Agents gehen automatisiert nach Schema F vor Frage - Anwort Checkliste

100% aller Sekretärjobs leisten mit Garantie kein kritische Arbeit dem Chef gegenüber, unterstützende ja aber nicht kritisch

3 Beispiele wo kein kritisches Denken gefördert oder honoriert wird

Die Fragestellung scheint mir richtig,

trotzdem arbeitet der Autor mit Bildern von den äußeren Rändern der Pädagogik. Um plakativ zu bleiben: erzeugt zB. nicht benoteter Unterricht automatisch Menschen, die im Leistungsdruck unserer Gesellschaft untergehen?
Oder erzeugt das althergebrachte System erst den oben angeführten gewalttätigen Charakter unserer Gesellschaft?

Wir können die Zukunft erst im Nachhinein beurteilen. Wenn ich die Wahl habe zwischen Experiment und Stillstand aus Angst, dann kann ich nur sagen: ab ins Labor!

Ignoranz und Amnesie

Viele Fragen in der Pädagogik und Schulart sind bereits abschließend beantwortet worden. Meist jedoch werden diese Untersuchungen ignoriert oder vergessen. Deshalb sind die meisten Schulexperimente für die Kinder schädigend.

Der SZ-Artikel beschreibt diese Modelschule ganz positiv, besonders dass es keine Segregation in Haupt-, Realschule und Gymnasium gibt, und deshalb viel mehr Schüler akademischen Erfolg haben.

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