Der Schlagerpunk

1. Dezember 2011, 20:14
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Ein pophistorisches Fundstück in Neuauflage: "The Last Rock 'n' Roll Show" von Roy Black & The Cannons aus dem Jahr 1964

 Einer der wenigen neben Christian Anders oder Bernd Clüver auch einmal in Freischwimmerbecken fischenden großen Tragöden der deutschen Schlagermusik zerbrach letztendlich an seiner eigentlichen Liebe, dem Rock 'n' Roll.

Bevor sich der Augsburger mit dem rollenden Rrrrrr im Gesang an der Kunst der großen Beschwichtigung versuchte (Schön ist es auf der Welt zu sein, Ganz in Weiß, Du bist nicht allein) und schon ab 1971 keine wesentlichen Hits mehr landen konnte, um sich dann im Schloss am Wörthersee bis 1991 jahrzehntelang totzutrinken, war der Mann ein Rocker.

Das erstmals vorliegende Live-Dokument des Abschiedskonzerts seiner ersten Band vom 26. 12. 1964 beweist, dass damals in der Provinz Oberbayerns ebenso beherzt Krach und Lärm und Musik für die niederen Instinkte produziert wurden wie in US-Garagen im mittleren Westen, in Kellern von Vorstadt-Pubs in London oder in Trinkerpuffs auf der Hamburger Reeperbahn.

Das liebevoll zusammengestellte Booklet bietet neben Berichten aus den Lokalzeitungen zum Thema Rock 'n' Roll und der Niedergang des Abendlands reichlich bis dato unbekanntes Fotomaterial. Die Musik ist mit nur sechs Songs, treuherzig räudigen Deutungen von What'd I Say, Memphis Tennessee oder Spanish Harlem, eher schlank gehalten. Sie zeugt aber davon, dass die Ramones nicht erst in den 1970er-Jahren erfunden wurden.

Für den Nerd, der schon alles hat, ein ideales Geschenk. (schach  / DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2011)


  • ROY BLACK & THE CANNONS The Last Rock 'n' Roll Show (Rhythm Island)
    foto: rhythm island

    ROY BLACK & THE CANNONS
    The Last Rock 'n' Roll Show (Rhythm Island)

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