Eine ehemalige chinesische Arbeiterin berichtet von den Zuständen in einer Spielzeugfabrik – Dass dieses Werk vom Spielzeugverband zertifiziert und kontrolliert wurde, verbesserte ihre Situation nicht
Wien - Yang Yu weiß noch nicht, wo sie künftig arbeiten wird. Nur eines weiß die junge Frau ganz genau: "In die Spielzeugfabrik gehe ich sicher nicht zurück."
Fünf Jahre lang arbeitete Yang Yu, die aus Angst vor Repressalien ihren wahren Namen nicht preisgeben will, in einem südchinesischen Werk, das den Spielzeugkonzern Mattel beliefert. Am Donnerstag berichtete sie in Wien erstmals außerhalb ihres Landes über die Verhältnisse, in denen beispielsweise die Weihnachtsgeschenke der hiesigen Kinder unter Hochdruck hergestellt werden.
"Ich arbeitete täglich elf bis zwölf Stunden am Fließband, sechs Tage die Woche", erzählt sie. "Wir produzierten Spielzeugwagen für Mattel." Bezahlt wurden dafür 120 Euro im Monat - in der Hochsaison 250 Euro. Die Überstunden, die dafür zu leisten waren, wurden vom Unternehmen vorgeschrieben. Wollte jemand auf die Toilette, musste erst um Erlaubnis gefragt werden. Sozialversicherung? "Da hieß es, das könnten wir selbst entscheiden. Und wir müssten sie selbst bezahlen."
Rationiertes Warmwasser
Untergebracht war Yang Yu in einem Fabriksquartier, in dem pro Raum acht bis zehn Personen in Stockbetten schliefen. Pro Etage gab es nur eine Toilette. Für die Unterkunft wurden ihr fünf Euro vom Lohn abgezogen; Strom und Wasser mussten sie extra zahlen. Warmwasser war rationiert.
Gelegentlich habe es in dem vom Spielzeugverband zertifizierten Betrieb schon Kontrollen gegeben, erinnert sich Yang Yu. "Aber die waren immer angekündigt. Da gab es vorher immer Betriebsversammlungen, bei denen uns gesagt wurde, was wir auf Fragen antworten sollten."
140 Euro im Monat
Mattel erwartet heuer ein Umsatzplus von neun Prozent. "Die Kosten für diesen Erfolg tragen zum Großteil die chinesischen Arbeiterinnen", kritisiert Debby Chan von der NGO Sacom aus Hongkong. Auch die Recherchen von Sacom zeigten, dass die Arbeiterinnen in Mattel-Zulieferbetrieben im Schnitt nur rund 140 Euro monatlich verdienen und dreimal mehr Überstunden im Monat machen, als gesetzlich erlaubt sind.
Dabei ist Mattel nur ein Fall von vielen: "Mehr als 80 Prozent der in Österreich verkauften Spielsachen werden in China produziert", betont Claudia Bonk, Leiterin der von der NGO Südwind geführten Kampagne "Spielsachen fair machen". Ein Zertifikat für fair produziertes Spielzeug gibt es noch nicht - daher kann Bonk nur heimisches Holzspielzeug empfehlen. Und dass Konsumenten Druck ausüben, sich etwa bei Mail-Aktionen beteiligen. (frei, DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2011)