Die von Inhalten befreite Ausstellung

1. Dezember 2011, 19:08
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Display-Experimente von David Maljkovic

Wien - Es ist das nervtötende, unrhythmische Flackern von Neonröhren, kurz bevor sie ihren Geist völlig aufgeben und es zappenduster wird. Das kalte Licht blinkt aus zwei schaufensterähnlichen Rahmen: Diese sind jedoch leer.

Das morbide Setting ist ein stimmiges Bild für das Experiment, das der kroatische Künstler David Maljkovic (geb. 1973) im Hauptraum der Secession entspinnt: Er zeigt, banal ausgedrückt, eine Ausstellung zu jenem Zeitpunkt, wenn die eigentliche Kunst gegangen ist, also dann, wenn nur noch die Kulisse, das Setting oder - wie es im Kunstkontext heißt - das Display da ist.

Der Hauptraum wirkt unterkühlt, sogar steril. Vielleicht ist es aber tatsächlich frisch in der Halle. Helle, weiße Leichtigkeit zeichnet nicht nur die Architektur, sondern auch die im Raum positionierten Objekte aus. Es sind keine Kunstwerke im klassischen Sinn, sondern Re-Inszenierungen von Settings, die Maljkovic in den letzten drei Jahren zur Präsentation seiner Arbeiten benötigte: die geknickte Wand etwa 2008 zur Präsentation von Zweidimensionalem bei der Art Basel oder jüngst die Plexiglasquader für eine Schau im spanischen León.

Weißes Rauschen

Es sind für Maljkovic entleerte, von ihrem Inhalt befreite Arbeiten. Was damit gemeint ist, macht ein Katalogfoto anschaulich: Es zeigt die Ursprungswerke in ihren Installationszusammenhängen - obwohl das nicht völlig richtig umschrieben ist: Denn dort, wo sich die eigentliche künstlerische Arbeit befinden sollte, ist eine Art weißes Rauschen zu sehen. Mit weißer Farbe wurden die Werke zwar nicht vollkommen ausgelöscht, aber doch neutralisiert.

Obwohl Maljkovic kleine Eingriffe an den Objekten vornimmt (so etwa in die Kuben Nebel einspeist oder das Licht flackern lässt), obwohl er die "Set-ups" in einen neuen Raum transferiert und zueinander in Beziehung bringt, wird daraus kein neues Werk. Für den Künstler besitzen die Displays keinen Werkcharakter. Im Februar, nach der Ausstellung, wird alles zerstört oder gegebenenfalls als Material recycelt.

Dieses Experiment beschreibt der Künstler als retrospektiven Blick auf Erfahrungen, die er mit dem Machen von Ausstellungen gesammelt hat. Ein Versuch, der auch vor dem Hintergrund seiner bisherigen Arbeit Sinn macht: Maljkovic beschäftigte sich intensiv mit den Idealen der Moderne und stellte diese in Beziehung zum jugoslawischen Sozialismus, der ebenfalls für Aufbruch und Veränderung steht. Denn die humanistisch motivierte Moderne betrachtete Verbreitung und Zugänglichkeit von Information als essenziell, um eine neue, bessere Gesellschaft zu entwickeln. Dem Ausstellen von Kunst wies man dabei eine kommunikative Kraft und emanzipatorische Rolle zu: Und das Display übernahm darin die Funktion eines Werkzeugs.

Die Frage ist jedoch, was letztendlich mit diesem Ideenexperiment anzufangen ist: "Wie man den Inhalt loswird und dennoch einen Formalismus vermeidet", heißt es im Katalog. Dem ist zu widersprechen: Die Dinge erscheinen sehr auf ihre reine Form zurückgeworfen. Sie können nur mit der Kraft ihrer Ästhetik den Sinnen schmeicheln, mit dem Experiment den Intellekt überzeugen. Denn das Display hat zwar als ästhetische Krücke enormes Gewicht, ist aber per se inhaltslos. Es ist ein klassischer Katalysator, der aus dem Prozess, den er maßgeblich anregt, letztendlich unverändert hervorgeht.(Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2011)

Bis 5. 2.

Weitere neue Solopräsentationen sind der US-Malerin Lecia Dole-Recio und dem ungarischen Künstler Attila Csörgõ (Künstlergespräch 2.12. 17.00) gewidmet.

  • Wie neutral können Objekte sein, wenn sie von ihrem Inhalt befreit wurden? David Maljkovics Ausstellung in der Secession wirft kunsttheoretische Fragen auf.
    foto: thaler

    Wie neutral können Objekte sein, wenn sie von ihrem Inhalt befreit wurden? David Maljkovics Ausstellung in der Secession wirft kunsttheoretische Fragen auf.

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