Hochtoxisch

Biotechnologen entschärfen Biowaffe Rizin

Edda Grabar , 1. Dezember 2011, 19:02
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    foto: imba

    Embryonale Stammzellen von Mäusen lieferten den Schlüssel zu einer Methode, nach der Forscher seit Jahren suchten.

Wiener Stammzellforscher entwickeln neues Verfahren, das die Analyse von Gen-Funktionen beschleunigt

Wien - Zuletzt sorgte das Bio-Gift Rizin im August dieses Jahres für Horrormeldungen: Die Terrororganisation Al-Kaida drohte, Rizin-Bomben bei Anschlägen in Einkaufszentren oder U-Bahn-Stationen einzusetzen. Rizin, ein Inhaltsstoff der Rizinusstaude, gilt als eines der tödlichsten Gifte der Natur: Es blockiert die Proteinbiosynthese, den wichtigsten lebenserhaltenden Prozess in Zellen. Schon kleinste Mengen wirken tödlich, da langsam Organe und Blutkörperchen zerfallen.

Bis heute gibt es kein Gegenmittel. Doch das könnte sich bald ändern: Ulrich Elling vom Wiener Institut für Molekulare Biotechnologie (Imba) hat innerhalb weniger Wochen entdeckt, wonach Wissenschafter seit Jahrzehnten suchen: Er konnte zeigen, wo in der Zelle das Rizin so fatal wirkt. Es ist das Eiweißmolekül mit dem Namen "Gpr107". Die Arbeit erschien am Donnerstag im Fachjournal Cell Stem Cell.

Dabei ist die Methode, derer er sich bediente, mindestens so spektakulär wie der Fund selbst. Elling schuf sogenannte haploide embryonale Stammzellen (ES-Zellen), also solche, die nur über einen einfachen Chromosomensatz verfügen. Solche Zellen stabil zu halten galt bislang als unmöglich. Fast alle Zellen - ob von Mensch oder Tier - verfügen über einen doppelten Chromosomensatz. Lediglich die Keimzellen, also die von Eizelle und Spermien haben nur einen einfachen Satz, da sie sich während der Befruchtung wieder vereinigen.

Durch einen einfachen Trick gelang es nun, ein neues Verfahren zu entwickeln: Die Wissenschafter pflanzen einem Mausweibchen teilungsfähige Eizellen ein, lassen sie dort wachsen und entnehmen schließlich die ES-Zellen. "Eine Geduldsprobe war es, die embryonalen Stammzellen mit dem einfachen Chromosomensatz aus der ganzen Suppe herauszufischen und über längere Zeit am Leben zu erhalten", erklärt Imba-Leiter Josef Penninger.

Tausende Genmutationen

Die Arbeit hat sich gelohnt. Nun lassen sich genetische Funktionen, die bislang nur in jahrelangen Studien untersucht werden konnten, in drei bis vier Wochen analysieren - und zwar ohne die störenden Effekte, die ein doppelter Chromosomensatz mit sich bringt. Mehrere tausend Genmutationen können Wissenschafter in kurzer Zeit herstellen. Genau das tat auch Ulrich Elling, als er die Giftwirkung von Rizin entschlüsselte: Er testete das Gift an tausenden verschiedenen mutierten Maus-Stammzellen und stellte fest, dass Zellen überlebten, in denen Gpr107 verändert war. "Nach unseren Erkenntnissen könnte man nun rasch ein Gegengift entwickeln, indem man Gpr107 blockiert", glaubt Elling.

Doch damit ist das Potenzial der neuen Methode längst nicht erschöpft. Denn die sogenannten haploiden ES-Zellen haben die Fähigkeit, sich in jede beliebige Körperzelle zu verwandeln. Künftig können gezielt Muskel-, Nerven- oder Herzzellen untersucht werden. "Das Verfahren wird sich in wenigen Jahren als neue Screeningmethode etablieren und Gen-Untersuchungen viel effizienter machen", ist sich Josef Penninger sicher.

Eines der nächsten Projekte, an denen Penningers Team bereits arbeitet, beschäftigt sich mit der Entwicklung von Resistenzen gegen Chemotherapien, einem Schlüsselthema bei der Krebsentstehung. (DER STANDARD, Printausgabe, 02.12.2011)

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10 Postings
Herr Plumm
10
3.12.2011, 13:30
alles schön und gut...aber

irgendwann werden wir alle nicht mehr auf natürliche weise sterben müssen...sondern gestorben werden müssen....

Kharma1
14
2.12.2011, 07:15
Was täten wir ohne den Herrn Penninger?

Erst hat er die Welt von den Übeln der Osteoporose und SARS befreit, jetzt musste Rizin dran glauben.

Die Arbeit von Elling ist wissenschaftlich vermutlich wirklich toll, aber warum muss in Presseaussendungen immer so getan werden als würde die Identifizierung eines Gens gleich die Rettung der Welt bedeuten?

jinan
00
2.12.2011, 13:45

Ist ihnen vielleicht aufgefallen, dass diese Schlagzeile eventuell nicht von IMBA kommt, sondern in einer freien Presse von deren Redakteuren geschrieben wurde. beste gruesse. jp.

Cthulluh
11
2.12.2011, 10:37
Weil sonst weniger Geld für seine Forschungen zur Verfügung gestellt würde.

Marketing ist auch für wissenschftliche Studien ein probates und notwendiges Mittel zur Geldbeschaffung. Ist mir übrigens wesentlich lieber, als die viel verlogenere selbstvermarkende Werbung der diversen Parteien und ihrer Politiker.

NONE
00
2.12.2011, 11:13

Das geht so nicht, der Vergleich. Letzten Endes ist Werbung immer Propaganda.

Man sollte so nah wie möglich an den Fakten bleiben ohne Propaganda-Sprech.

Man braucht nur den Titel ansehen - da wird davon geschrieben das Rizin entschärft wurde.

Liest man aber den Artikel stösst man auf einmal auf:

"Nach unseren Erkenntnissen könnte man nun rasch ein Gegengift entwickeln, indem man Gpr107 blockiert"

Und das liest sich komplett anders als diese reisserische Überschrift.

Ohne Gurt im Ionensturm
02
1.12.2011, 22:42

Im Labor werden keine Resistenzen entwickelt sondern untersucht wie Resistenzen bei einer chemo entstehen.

Black Burner
10
1.12.2011, 20:12
Hää?

Wenn da weiter im Labor Resistenzen gegen Chemotherapien entwickelt werden, wie im letzten Absatz festgestellt, dann wird die Behandlung von Krebs aber wesentlich schwieriger werden! Bei welcher Krebsentstehung werden Chemotherapien eingesetzt? Gibts da Vorbehandlungen auf Verdacht? ("Schlüsselthema bei der Krebsentstehung").

Flann O'Brien.
00
2.12.2011, 13:33

"beschäftigt sich mit der Entwicklung von Resistenzen gegen Chemotherapien" heißt ja nicht, dass die Forscher Resistenzen entwickeln wollen, sondern dass sie erforschen, warum sich natürlicherweise Resistenzen entwickeln,um dagegen vorgehen zu können.

Hippo Krates
 
14
1.12.2011, 21:00
nur eine vermutung...

vermutlich gehts darum, aus einem tumor zellen zu entnehmen, aus denen dann haploide zelllinien hergestellt werden. an diesen haploiden zellen könnte dann nach den zugrundeliegenden genetischen ursachen für die resistenz gegen einzelne chemotherapeutika gesucht werden... (genauso, wie hier eben nach den resistenzfaktoren gg. rizin gesucht worden ist)

[sollte irgendwer eine andere oder vllt sogar korrekte erklärung haben, lerne ich gerne was dazu...]

kleinerpinguin
00
2.12.2011, 17:47

Außerdem ist Krebs keine ansteckende Krankheit*, sondern entwickelt sich bei jedem Patienten neu.

(*) Es gibt natürlich ansteckende Krankheiten, die das Krebsrisiko erhöhen, aber das hat damit nichts zu tun.

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