Doctor Fremantle kommt pünktlich

1. Dezember 2011, 18:49
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Vor der australischen Westküste geht es im Dezember in allen zehn olympischen Klassen nicht nur um WM-Medaillen, sondern auch um die Teilnahme an den Sommer­spielen 2012 in London

Fremantle/Wien - Vermutlich war Charles Fremantle heilfroh, als er Land betreten konnte. Man schrieb das Jahr 1829, und Fremantle, Kapitän der Fregatte HMS Challenger, nahm das vormalige Neuholland für Englands König Georg IV. in Besitz.

Die Wiener Matthias Schmid (30) und Florian Reichstädter (31) wollen mit ihrer Rennjolle, dem 470er, nichts wie raus aufs Meer, und zwar täglich. Seit 16. November trainieren sie vor Fremantle, und bis jetzt gab's noch jeden Nachmittag prächtige Bedingungen. Ziemlich pünktlich um halb eins pflegt Doctor Fremantle zu kommen, der thermische Wind, der von der relativ kühlen See (rund 20 Grad) mit Richtung aufs aufgeheizte Land (mehr als 30 Grad Lufttemperatur) weht. Vor Fremantle hatte schon US-Skipper Dennis Conner seine Freude, als er anno 1987 Titelverteidiger und Gastgeber Australien den America's Cup wieder wegnahm.

Vom 5. bis 18. Dezember finden vor Fremantle Weltmeisterschaften in allen zehn olympischen Klassen statt. 75 Prozent der Quotenplätze für die Sommerspiele 2012 in London werden hier vergeben. Für Schmid/Reichstädter, die schon 2008 in Peking dabei waren, und die Vorarlberger Nachwuchshoffnungen David Bargehr und Lukas Mähr, ebenfalls im 470er unterwegs, beginnt die WM wie für Florian Raudaschl im Finn (ein Mann, ein Segel) am Montag. Für Schmid/Reichstädter ist die Olympia-Quali Pflicht. Ab 12. Dezember sporteln die Weltcupsieger Nico Delle Karth und Niko Resch (49er) sowie Andreas Geritzer (Laser), die ebenfalls nach London (Weymouth) segeln sollten, sowie Thomas Zajac und Thomas Czaika (49er) und der Damen-470er mit Jugend-Olympiasiegerin Lara Vadlau und Eva Maria Schimek. ÖSV-Sportdirekor Georg Fundak geht von mindestens drei Qualifikationen aus.

Der Mastbruch

"Die Bedingungen sind ideal, eigentlich sogar eine Sensation", berichtet Schmid. Doctor Fremantle bläst durchschnittlich mit 25 Knoten, das sind knapp 50 km/h (Windstärke 6 auf der Beaufort-Skala). Der 120 Kilogramm leichte 470er, auf dem das Großsegel, das Vorsegel und am Vorwindkurs der Spinnaker für Tempo sorgen, verträgt maximal 30 Knoten.

Vor ein paar Tagen sind die beiden gekentert. Aber daran war nicht Doctor Fremantle schuld. "Im Training gehen wir ans Limit und manchmal darüber hinaus. Das ist wie in der Formel 1 im Qualifying. In der Wettfahrt segeln wir mit 95-Prozent-Bereich, um ja keinen Ausfall zu riskieren."

Das Dumme an der Kenterung war das relativ seichte Wasser. Der 6,78 Meter hohe Mast berührte den Grund und verbog sich. "Damit ist er kaputt." Nun segeln die beiden mit dem gleichwertigen Reservisten. Und sollte noch einmal was passieren, könnten Steuermann Schmid und Vorschoter Reichstädter auf den Reservisten von Bargehr/Mähr zurückgreifen. Denn pro Nation gibt es sowieso nur einen Startplatz in London. Es gibt wenige, die so viel auf dem Wasser sind wie Schmid und Reichstädter, bereits seit zehn Jahren ein Team. Heuer werden sie auf mehr als 180 Segeltage kommen. "Es zahlt sich aus", sagt Schmid, "im Vorjahr fehlte uns der Speed bei Starkwind. Jetzt ist er da." Für London würde ein 20. Platz locker reichen, da die Rangliste bereinigt wird (nur ein australisches, spanisches, französisches etc. Boot zählt).

"Wir wollen aber mehr. Vor allem wollen wir 2012 in Topform sein. Und vor Weymouth eine Olympiamedaille gewinnen." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 2. Dezember 2011)

  • Steuermann Matthias Schmid und Vorschoter Florian Reichstädter verbringen jedes 
Jahr rund 180 Tage im 470er und also auf dem Wasser.
    foto: marsano/ösv

    Steuermann Matthias Schmid und Vorschoter Florian Reichstädter verbringen jedes Jahr rund 180 Tage im 470er und also auf dem Wasser.

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