"Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man zu schweigen aufhören": Mit Christa Wolf starb eine der bedeutendsten und umstrittensten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart
Wien
- "Ich wüsste nicht, wie wir dem Zwang zur Versachlichung, der bis in
unsere intimsten Regungen eingeschleust wird, anders entkommen und
entgegentreten sollten als durch die Entfaltung (...) unserer
Subjektivität, ungeachtet der Überwindung, die das kosten mag. Das
Bedürfnis, gekannt zu werden, auch mit seinen problematischen Zügen, mit
Irrtümern und Fehlern, liegt aller Literatur zugrunde", schrieb Christa
Wolf in Ein Tag im Jahr. 1960-2000.
Dieses
700-seitige Tagebuch der anderen Art, geschrieben immer am 27. September
des Jahres, liefert nicht nur einen subjektiven Querschnitt über 30
Jahre DDR und deren Folgen, es erzählt auch von Zweifeln,
Zusammenbrüchen, wenigen Glücksmomenten und vom Aufstieg einer
Schriftstellerin in die höheren Ränge der deutschen Literatur.
Es gibt
nicht viele Autoren, deren Leben und Werk so eng mit der Geschichte des
"Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden" verbunden ist wie im
Fall Christa Wolfs. Und wahrscheinlich hat sich keine(r) so persönlich
und streitbar mit dem Verhältnis des Einzelnen zum Kollektiv und dem
Zerriebenwerden des Individuums im politischen Räderwerk
auseinandergesetzt wie sie.
Der Autor, schrieb die 1929 in Landsberg an der Warthe (im heutigen Polen) geborene Christa Wolf in ihrem Essayband Die Dimension des Autors, habe "sich zu stellen. Er darf sich nicht hinter seiner Fiktion vor dem Leser verbergen (...)."
Als das erwähnte Tagebuch Ein Tag im Jahr 2003
erschien, glaubten daher viele zu wissen, wer Christa Wolf sei. Nämlich
eine opportunistische Heuchlerin und "Staatskünstlerin." Nicht lange
vorher galt Wolf durch Romane wie Der geteilte Himmel, in dem sie
kurz nach dem Mauerbau anhand einer Liebesgeschichte - er geht in den
Westen, sie, eine Praktikantin in einer Waggonfabrik, bleibt in der DDR -
elegant den "Bitterfelder Wege" (Schriftsteller in die Betriebe!)
konterkarierte, noch als Repräsentantin eines "Sozialismus mit
menschlichem Antlitz".
Mit dem Fall der Mauer und vor allem durch ihre Erzählung Was bleibt
(1990) änderte sich in der Rezeption Christa Wolfs fast alles. Die
schmale, im kürzestmöglichen Abstand zum Mauerfall aus der Schublade
gezogene Erzählung, die von der eher harmlosen Überwachung der
Schriftstellerin durch die Stasi handelt, führte zu einem erbittert
geführten (Feuilleton-)Streit und wurde zum Lehrstück über das
Verhältnis von Literatur und Politik.
Als im
Jänner 1993 schließlich bekannt wurde, dass Christa Wolf von 1959 bis
1962 von der Staatssicherheit als "Gesellschaftliche Informantin
Margarete" geführt wurde, war die Demontage Wolfs als vermeintliches
Mahnmal für eine sozialistische Utopie perfekt.
Fortlaufende Ernüchterung
In
seiner Biografie betrachtet Jörg Magenau Christa Wolfs Leben als "eine
Chronik fortgesetzter Verabschiedung", als Emanzipation von
Glaubenssätzen und Idealen, also als fortlaufende Ernüchterung. Eine
Ernüchterung, die sich auch in ihrem Werk abbildet. Zunächst - in
Büchern wie Der geteilte Himmel oder Nachdenken über Christa T.
- noch an einer sozialistischen Utopie festhaltend, fand die erste
Desillusionierung der Autorin, die Germanistik studierte und bis Mitte
der 1970er-Jahre dem Vorstand des DDR Schriftstellerverbandes angehörte,
1965 statt, als sie als Kandidatin für das Zentralkomitee der SED
kandidierte und sich in einer Rede gegen die Unterwerfung der Kultur
durch die Politik verwehrte.
Fortan
galt sie als "feindlich-negatives Element" und wurde von der Stasi
überwacht (ihre "Opferakte" umfasst 41 Bände). Sie blieb aber im Land
und glaubte weiter an die Möglichkeit, den Staat durch eine beharrliche
Auseinandersetzung mit den Exponenten der Macht verbessern zu können.
Ihre weiteren, im Grundton depressiveren Werke wie etwa Kein Ort. Nirgends oder die Erzählung Störfall
(die sich mit dem Atomunfall in Tschernobyl auseinandersetzt) sowie die
Feminismus und Friedensbewegung thematisierende Erzählung Kassandra
führen jedoch, auch beeinflusst durch die Ausbürgerung von Wolf
Biermann 1976, mehr ins Innere - und weg von einer expliziten
Auseinandersetzung mit der DDR.
In ihrem letzten großen autobiografischen Roman Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud (2010)
setzt sich Christa Wolf dann noch einmal mit ihrem Leben, der "Droge
Geld" und der Wunde DDR auseinander. "Erinnern, wiederholen,
durcharbeiten", heißt die Trias der Freud'schen Psychoanalyse, und:
"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man allmählich zu schweigen
aufhören", schreibt Wolf, eine Wittgenstein-Formulierung erweiternd, in
ihrem Buch Kindheitsmuster.
Christa
Wolf starb am Donnerstag, wie der Suhrkamp Verlag mitteilte, nach langer
Krankheit 82-jährig in Berlin. Ihr Mann, Gerhard Wolf, mit dem sie seit
1951 verheiratet war und zwei Kinder hat, sei bei ihr gewesen. (Stefan Gmünder / DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2011)