Wer bremst, verliert

Kommentar | Michael Völker, 2. Dezember 2011, 11:37

Ein Rechnungshofbericht aus Absurdistan: Der Politik fehlt der Wille zu Reformen

Es ist eine ausgedehnte Reise durch Absurdistan, bis hinein in die tiefsten Täler und entlegendsten Winkel des Beamtentums. "Der Bürokratie in Österreich entkommt niemand", stellt Rechnungshofpräsident Josef Moser fest. Die Verwaltung verwaltet sich selbst, das System dient sich selbst, die Bürokratie hat ihren Sinn in der Bürokratie. Die Bürger sind oft nur ein Störfaktor. Zweigleisigkeiten gelten dabei noch als schlanke Strukturen: Im aktuellen Rechnungshofbericht sind dutzende Beispiele von Drei-, Vier- und Fünfgleisigkeiten angeführt. Die österreichische Verwaltung gleicht immer noch einem unüberblickbaren Verschubbahnhof, in dem die Effizienz letztendlich auf dem Abstellgleis endet.

Österreich ist überreguliert. Jeder Politiker, der dieser Tage die Schuldenbremse propagiert und für ihre Verankerung in der Verfassung eintritt, sollte zwangsweise dazu verpflichtet werden, sich den aktuellen Rechnungshofbericht zu Gemüte zu führen. Das gilt insbesondere für Kanzler Werner Faymann und Vizekanzler Michael Spindelegger, die derzeit noch um die Zustimmung der Opposition zu ihrer Art von Schuldenbremse ringen. Es sind bloß 334 Seiten, gefüllt mit Beispielen aus der Praxis. Der Rechnungshof zeigt 599 Einsparungsvorschläge auf, wie die Verwaltung schlanker werden könnte.

Nicht alle Beispiele zielen auf einen Einsparungseffekt ab, manche machen das System auch nur effizienter: wenn etwa Polizeibeamte weniger intensiv ihr Wachzimmer und ihren Dienst administrieren und stattdessen im Außendienst für mehr Sicherheit sorgen würden.

Viele der Beispiele, die der Rechnungshof auflistet, sind nicht neu. Die Verbesserungsvorschläge sind auch in den Berichten der vergangenen Jahre gut dokumentiert. Es ist ja nicht so, dass man das nicht wüsste. Es fehlte der Politik bisher der Wille und der Mut, diese Reformen anzugehen.

Bisher galt: Wer bremst, verliert. Nämlich Geld, Einfluss und Freunde - letztendlich Macht. Wenn die Strukturen schlanker werden, gibt es weniger Geld zu verteilen. Wenn die Verwaltungsposten und die Titel weniger werden, wenn der Proporz zurückgedrängt wird, dann gibt es auch weniger "Gschafteln" zu verteilen, weniger Parteigänger zu bedienen. Dann werden die "Freunde" weniger, dann sinkt der Einfluss - und die Macht. Das wollten bisher weder SPÖ noch ÖVP, weder Faymann noch Spindelegger.

Nicht alles, aber vieles liegt in der Grundstruktur der Republik begraben: Das entscheidende Problem ist der Föderalismus, das schwierige Verhältnis zwischen Bund und Ländern. Da traut sich die Regierung in Wien nicht drüber. Da ist der Spundus vor den Landeshauptleuten und ihrem Einfluss doch wieder zu groß.

Auch auf die Gefahr hin zu langweilen, es wurde schon oft und oft gesagt: Der Bundesrat gehört weg. Das ist in erster Linie ein symbolischer Akt, keiner, der viel Geld bringt, aber aufgrund der Willenskundgebung wichtig. Unabhängig davon gehören die Strukturen von den Ministerien bis hinunter in die kleinen Gemeinden angepackt, muss die Ineffizienz des Systems und seiner Verwaltung auf allen Ebenen konsequent angegangen werden. Auch wenn das beim Bund und bei den Ländern den Verlust von Einfluss bedeutet. Diesen Mut und diese Ernsthaftigkeit muss die Regierung noch finden. Die Lektüre des Rechnungshofberichts könnte dabei helfen. Dann kann gebremst werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2011)

 

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Benjamin Klein
00
3.12.2011, 15:44
Lernen Sie Geschichte, Herr Redakteur !! (Zit. Kreisky)

aus dem Text:
"" ... Das entscheidende Problem ist der Föderalismus, das schwierige Verhältnis zwischen Bund und Ländern. Da traut sich die Regierung in Wien nicht drüber. Da ist der Spundus vor den Landeshauptleuten und ihrem Einfluss doch wieder zu groß. ..........""

Als die Donaumonarchie in lauter neue, freie (und befreite) kleine Siegerstaaten zerfiel, blieben nur Öst. u. Ungarn als Verlierer übrig.
Die Regierung in Wien hatte auch zu kämpfen die durchaus deutschgesinnten Kräfte in Salzburg, Tirol, Kärnten, Steiermark und Vorarlberg zu binden ....
und in den neuen kleinen Staat zu halten.

Das Mißtrauen gegen die Zentralmacht war in allen polit. Lagern dort groß und so wurden in der ERSTEN Verfassung viele Zugeständnisse gemacht. !!

TT1
00
6.12.2011, 22:18
Und?

Das ist gut 100 Jahre her. Wen juckts? Auflösung der folkloristischen Bundesländer und basta.

Benjamin Klein
00
7.12.2011, 06:38
gegen die Gefühle der Menschen ist "kein Staat" zu machen, ---

Man könnte auch den Oberstaat auflösen, diesen lästigen "Wiener Wasserkopf" (aus der Sicht der Vorarlberger, Tiroler, Salzburger, ... )
und die "souveränene Kleinstaaten werden direkt Mitglied der EU, oder
schliessen sich dem Freistaat Bayer (Wiedervereinigung Salzburgs mit "seinem" Berchtetsgadnerland) an, -
oder treten in die Bundesrepublik Deutschland als Bundesland ein .....

Woher die Zentralisten das Recht nehmen
alte Vereinbarungen,
wie sie auch bei der Gründung der Republik Österreich als demokratischer und föderaler Staat, geschlossen wurden, einfach (und einseitig) "aufzuheben", weiß ich nicht ............

Heavyweather
00
7.12.2011, 22:56

Aus Wiener Sicht wäre das doch toll. Was glaubst du wo das Geld her kommt...aus Kärnten oder dem Burgenland ;)?

Benjamin Klein
30
2.12.2011, 18:26
Wer ist Gott-Moser ??

wer hat dem Mann diesen Job gegeben??
Welche Ziele verfolgt der Mann ??

und: woher hat er sein Wissen, dass er solche Schlüsse zieht ????
In wessen Sinne handelt er ??

Vorschlag 600. könnte ja auch sein:
"DEN RECHNUNGSHOF ABSCHAFFEN !"

----

denn das Monster "Bürokratie" ist eine Fiktion selbsternannter Weltverbesserer,
hinter jedem Amt steht eine politische Lobby mit klaren Politikerpersönlichkeiten ....

Beispiel gefällig: Schaffen wir einfach die diversen Kellereiinspektiononen (im Bereich des BM f. Land- u. Forstwirtschaft) ab und unterstellen diese Aufgaben der Lebensmittelinspektion ....
WER aller wird sofort dagegen sein ....??
(Obwohl das doch eine ganz bedeutungslose Nebensächlichkeit im Staate ist)

grimsvotn eyjafjallajökull
00
2.12.2011, 22:15
benjamin

Sie sind wohl auch einer von jenen die sich auf die Zehen getreten fühlen. Gut, dass es diesen Rechnungshof gibt. Wenn die derzeitige Politikergarde auch zu schwach oder zu wenig verantwortungsbewusst die Empfehlungen aus dieser wichtigen Einrichtung umzusetzen, die Wähler werden mehr und mehr darauf reagieren.

Benjamin Klein
10
3.12.2011, 09:04
Oh wie naiv ....

der Rechnungshof ist so unabhängig , wie der grüne Apfel vom Baum,

das Parlament, gibt auch was vor, und die den Herrn RH-Direktor bestellt haben, haben auch Absichten ....

auch Landesrechnungshöfe sind so organisiert,

die plakativen Vorschläge sind politisch gedacht:

Brachiallösungen reißen Löcher, und kosten in der Umsetzung viel,
subtile, aber hoch wirksame Vorschläge werden von der Öffentlichkeit / den Medien nicht wahrgenommen ... wären aber gerade für die öffentliche Verwaltung sehr effektiv, ....

grimsvotn eyjafjallajökull
00
3.12.2011, 14:27
benjamin

Was verstehen Sie unter subtilen aber hochwirksamen Vorschlägen?

Benjamin Klein
00
3.12.2011, 15:08

http://www.duden.de/rechtschr... ng/subtil/

das stimmt so:
DUDEN: " ....mit viel Feingefühl, mit großer Sorgfalt, Genauigkeit vorgehend oder ausgeführt; in die Feinheiten gehend; nuanciert, differenziert. ..."

und dann müßte ich 100 Seiten vollschreiben ......

grimsvotn eyjafjallajökull
00
3.12.2011, 18:19
benjamin

Feingefühl, nuanciertes, diffenrenziertes Vorgehen und sonstige Feinheiten gegenüber den Beamten hatten wir die letzten 70 Jahre. Angesichts der jetzigen Krisensituation brauchen wir aber hochwirksame Maßnahmen. Davon dürfen auch die vielen Beamtenprivilegien nicht verschont bleiben.

Benjamin Klein
00
4.12.2011, 09:26
nein, subtile aber wirksame Politik hatten wir nie,

sondern immer nur "Aushandeln" und "Packelei", das Agieren als Weg zwischen dem "Kompromiß um jeden Preis" einerseits und den "unverhandelbaren Zielen" - und das alles in einer stets wachseden Wirtschaft, wo immer für jeden was drin war und die Kämpfe nur um die Größe des Anteiles ging,

und da gab es immer komplexere und verschachtelte Ergebnisse (= Gesetze)
-.-.-.-

Wenn es Ihnen aber nur GEGEN die Beamten geht (und anderen geht es immer gegen die kapitalisten, gegen die Großbauern od. so. eine Gruppe),
dann sind Sie in der alten Spur,

Das Abschaffen von möglichst vielen Ausnahmen kann sich nicht auf Einzegruppen beziehen sondern müßte durchaus unter dem Aspekt den Gesamtstaates und des "ALLGEMEINEN WOHLES" stehen.

grimsvotn eyjafjallajökull
00
2.12.2011, 18:20

Was wolln ma denn von diesen saft- und kraftlosen Würstln.

grimsvotn eyjafjallajökull
00
2.12.2011, 22:34

Dieses Posting ist, wie schon mehrere mehrere andere von mir, am falschen Platz gelandet. Wohl ein Regieeingriff der Redaktion.

gemeinwohl-ökonomie
01
2.12.2011, 17:39
die zeit ist reif für eine neue partei!

aber wer hat den mut?

hrainer
02
2.12.2011, 16:07
zumindest kann die jetzige Regierung nicht behaupten,

sie hätten es nicht gewusst. Ignorieren war noch nie eine gute Taktik, um Problemen zu lösen.

Harry Y.
 
00
2.12.2011, 15:54
An die Exekutive: Michael Völker hat gesagt "Der Bundesrat gehört weg."!!

Mit dem übrigen Artikel haben Sie ihren bewiesenen Hochverrat am k.u.k. Staat! Kotau ist das keiner! Für das in der Erkennung des Hochverrats offensichtlich sehr geübte Auge der Verfassungsschützer, das bereits so geschärft ist für derlei Umtriebe, dass es die weißen Streifen des Tigers im düstersten Dschungel und nächtens erkennt, liegt es auf der Hand, dass sich manche Presse- und Standardjournalisten für ihre finsteren Machenschaften an noch viel finsteren, weil hochgeheimen, Orten treffen, um die öffentliche Ordnung in ihrer Gesamtheit zum Falle zu bringen! Wie kommt es sonst, dass eine linkslinke Zeitung und der stockkonservative Hort des Neoliberalismus so häufig annähernd das Gleiche schreiben? Geht's da mit rechten Dingen zu?

centerum censeo
04
2.12.2011, 14:29
dieser RH-bericht

hat heute genau denselben wahrheitsgehalt wie er vor 20 oder 30 jahren gehabt hätte und wie er in 20 oder 30 jahren haben wird. passieren wird NIX. garantiert. dabei wäre es sehr einfach, die vorschläge liegen am tisch.

Dreistein
 
11
2.12.2011, 13:34
Eine neue Partei gehört her

Nur eine neu gegründete Partei, die sich nicht gegenüber Ländern, Gemeinden, Bünden und Gewerkschaften verpflichtet fühlt, könnte den gordischen Knoten durchschlagen. Denn solange wir die Parteien haben, die sich derzeit im Parlament suhlen, wird sich am Status Quo nichts ändern.

Und solche Geisterfahrer wie die Freiheitlichen brauchen wir schon gar nicht, denn die torpentieren beispielsweise in der Steiermark die Bemühungen um die Bezirks- und Gemeindezusammenlegungen und wollen damit politisches Kleingeld - also Wählerstimmen - fangen.

Andreas Sonnberger2
01
2.12.2011, 16:03

Naja, davon, dass die Freiheitlichlichen in der Steiermark Gemeindezusammenlegungen blockieren würden, hab ich nichts gehört.
Ich hab nur vernommen, dass die Bevölkerung in den abgestimmten Gemeinden großteils dagegen war.

Post-vom-Poster
 
09
2.12.2011, 12:46
sollte zwangsweise dazu verpflichtet werden, sich den aktuellen Rechnungshofbericht zu Gemüte zu führen. Das gilt insbesondere für Kanzler Werner Faymann und Vizekanzler Michael Spindelegger

Unsere beiden Ober-Leuchten in jeder Hinsicht sollten unter Strafandrohung GEZWUNGEN werden, am Hauptplatz einer jeden Bezirkshauptmannsstadt diesen Bericht LAUT und DEUTLICH und öffentlich zugänglich VORZULESEN, in gutem Deutsch und fehlerfrei, natürlich!

Erst nach der letzten Seite gibt's wieder was zu essen und die Lesezeit wird ihnen vom Gehalt zu Gunsten Bedürftiger ABGEZOGEN!

Herr-Paul
41
2.12.2011, 12:37
Diese "Vorschläge" der sattsam bekannten "Experten"

erinnern mich immer mehr an die waaaaaaaahnsinnig erfolgreiche Methode, wie man Rauchern das Rauchen abgewöhnt: Indem man ihnen sagt, dass es doch ganz einfach sei, man brauche einfach nie mehr eine Zigarette in die Hand zu nehmen und diese anzuzünden. Und noch dazu wo jeder Raucher eh wisse, dass es enorm gesundheitsschädlich sei. Wäre doch eigentlich ganz einfach und nachvollziehbar, oder? Einfach keine Kippe mehr in die Hand nehmen. Ab heute. Ab sofort. Kapiert jeder, stimmta auch jeder sofort zu - Problem gelöst!

So "qualitativ wertvoll" kommen mir diese ganzen "Expertenratschläge" immer mehr vor.

Harry Y.
 
01
2.12.2011, 16:13

Stimme Ihnen vollkommen zu: der Beamtenstaat besteht nur deshalb weiter, weil die armen Erwerbsarbeitslosen, die sich nun keine Tschick mehr leisten können, diese Sucht durch jene ersetzen, die nach völlig indifferenten, aber dennoch gestrengen, sehr bemühten Vaterfiguren besteht, die im schweren und chaotischen Leben jener noch Orientierung bieten und klare Regeln (:D), nämlich: ka Gehorsam, ka Göd. Es ist in Wirklichkeit die Sucht nach Obrigkeitshörigkeit, die die blühende Bürokratie am Leben erhält, für unseren frühereren Tod durch Burn- und Boreout aber ebenfalls sorgt.

Geheimratsecke
12
2.12.2011, 11:44
wer bremst, verliert

a) ein Zielbahnhof wär net schlecht
b) fürsorgliche Politiker + Banker
c) Weitsicht (mind. 20 Jahre, ohne Legislaturbrille)

Das Alles fehlt im Hohen Haus Europa

Und ganz ganz wichtig: intelligentere Leute!

chaucer
22
2.12.2011, 10:31
Einsparungsmöglichkeiten

gibt's sicher. Nur, was der Rechnungshofbericht natürlich nicht bedenkt ist, dass manche so genannten Doppel- und Mehrfachgleisigkeiten demokratische und rechtsstaatliche Kontrolle ermöglichen. Sprich: Man wird auch die Rechnungshofprüfung prüfen müssen, welche Maßnahmen sinnvoll sind (viele) und welche demokratiepolitisch bedenklich sind, etwa, weil dadurch ein Instanzenzug abgeschafft würde, der es den Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, um ihr Recht zu kämpfen.

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