Robert Mitchum, der weiblichste unter den Hollywood-Stars seiner Ära, wusste in allen Genres mit unnachahmlichem Gleichmut zu glänzen
Das Österreichische Filmmuseum widmet ihm bis 6. Jänner eine Schau.
Wien - Es wäre einmal eine Überlegung (oder eine Hirnstromuntersuchung)
wert, zu wie viel Prozent die Wirkung von Schauspielern eigentlich auf
ihrer Stimme beruht. Im Falle von Robert Mitchum ist dieser Aspekt
deswegen von besonderem Interesse, weil er ja auch gesungen hat, und
zwar Sachen, die durchaus so etwas wie "Schmelz" haben. Und neben den
klassischen Bereichen von Country & Western gibt es da noch die
Calypso-Nummern, die er sich bei Dreharbeiten in Trinidad angeeignet hat
- mit Weisheiten wie dieser, dass es "from a logical point of view"
eindeutig besser ist, sich nicht mit einer schönen Frau einzulassen. Das
bringt nämlich nur Schwierigkeiten.
Ein Lehrbeispiel dafür könnte der Film Out of the Past von Jacques
Tourneur darstellen, in dem Mitchum 1947 einen eigentlich
rechtschaffenen Mann spielt, der für einen großen Manipulator ein
Mädchen zurückholen soll, dass diesen hereingelegt hat. In einer
Hafenstadt trifft er diese Kathie (Jane Greer) und pfeift im Grunde
sofort auf seinen Auftrag. Damit ist er zwar auch schon geliefert, doch
das alles wird in einer schön vertrackten Konstruktion von einem
möglichen Ende her erzählt, in dem der von Mitchum gespielte Jeff sich
eigentlich schon in Sicherheit gebracht hat - mit einem Mädchen, das
(logisch!) nur das zweitschönste ist.
Unter den Klassikern der "schwarzen Serie" ist Out of the Past noch
immer etwas ganz Besonderes - wegen der Weise, wie Jacques Tourneur die
Natur einbezog, wegen der schonungslosen Schlusspointe, vor allem aber
wegen der Grandezza, in der Mitchum sich in sein tragisches Schicksal
fügt, nonchalant und verletzlich zugleich, mit einer Zärtlichkeit, auf
deren Grund wir den Selbsthass erst ganz spät erkennen können. Da hat er
immerhin schon dafür gesorgt, dass zumindest niemand auf seine Kosten
glücklich wird in diesem Thriller, der Fatalismus ganz groß schreibt.
Irgendwie glühend
Wenn das Österreichische Filmmuseum im Museum mit Robert Mitchum
(1917-1997) ein entscheidendes Kapitel einer "Politik der Akteure" im
amerikanischen Kino öffnet, dann bildet Out of the Past zweifellos ein
Zentrum, in dem Mitchum - breitschultrig, unentwegt rauchend, irgendwie
glühend - die Grundlagen für den Startypus legt, den er in dem darauf
folgenden Jahrzehnt ganz für sich allein definieren sollte.
Unter den "leading men" seiner Generation war er wohl der "weiblichste",
was erst angesichts seiner offensichtlichen Virilität von Belang wird
und was in seinen Rollenbildern manchmal mit Komik bemäntelt wird. Aber
man muss nur in das Gesicht seiner frühen Jahre sehen und wird eine Aura
entdecken, über die er sich schnurstracks einen Bart wachsen ließ, damit
sie nicht zu sehr auffiel. Den Bart konnte er später auch wieder
abrasieren, aber noch in der Rolle des unheimlichen "Kinderverzahrers"
in Charles Laughtons The Night of the Hunter ist er ebenso sehr
Verführer wie Räuber, spielt er mit mütterlichen Registern, während
Lillian Gish mit dem Gewehr auf dem Schoß auf ihn wartet.
Mitchum war in allen Genres versiert, es gibt große Western von ihm
(River of No Return), der größte ist allerdings einer, der fast schon
nicht mehr zum Genre gehört: The Lusty Men, Nicholas Rays Geschichte aus
dem Rodeo-Milieu. Es gibt Film Noirs (Angel Face), Komödien (Holiday
Affair, eine der Entdeckungen dieser Schau), und es gibt originäre
Mischungen wie His Kind of Woman von John Farrow, in dem er einen
Spieler spielt, der - ein typisches Rollenmuster für Mitchum - als
Unbeteiligter in eine komplizierte Sache verwickelt wird.
Der Gleichmut, den er dabei an den Tag legt, und aus dem heraus das
sexuelle Interesse seiner Figuren oft gar nicht leicht erkennbar ist,
war oft der eines Mannes, der "sein eigenes Ende überlebt. So wurde er
zum Buddha des amerikanischen Kinos", schrieb Michael Althen einmal.
"Schläfrig, massig, weise. Manchmal scheint er tatsächlich zu schlafen,
dabei geht sein Blick nur nach innen, wo er als einsamer Jäger die
Wüsten seiner Seele durchstreift."
Je älter er wurde, desto mehr verfestigte sich die Starfigur von
Mitchum, desto stärker geriet er in den Einzugsbereich des Monumentalen:
einer verwitterten Männlichkeit, die in Home from the Hill von Vincente
Minnelli als ein Generationenvermächtnis zum Streitfall wird. Dass er in
den 70er-Jahren noch da war, als Peter Yates (The Friends of Eddie
Coyle) oder Sidney Pollack (Yakuza) für ihn Verwendung hatten, zählt zu
den großen Anachronismen des US-Kinos, in dem Robert Mitchum genau
genommen die Geschichte des Buddha umschrieb:
Er begann als Erleuchteter und sah sich selbst dann dabei zu, wie sich
die Dinge verdüsterten. Dass Jugend und Weisheit zusammengehören können,
ist eines der Vermächtnisse von Robert Mitchum, dem - um noch einmal
seinen großen Bewunderer Michael Althen zu zitieren - "coolsten Mann des
Universums". (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2011)
Eröffnung am 1. Dezember mit Pursued (Raoul Walsh, 1947; 18.30) und The Yakuza (Sydney Pollack, 1974; 20.30).