Ein Erleuchteter auf dem Weg in die Düsternis

1. Dezember 2011, 17:15
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Robert Mitchum, der weiblichste unter den Hollywood-Stars seiner Ära, wusste in allen Genres mit unnachahmlichem Gleichmut zu glänzen

Das Österreichische Filmmuseum widmet ihm bis 6. Jänner eine Schau.

Wien - Es wäre einmal eine Überlegung (oder eine Hirnstromuntersuchung) wert, zu wie viel Prozent die Wirkung von Schauspielern eigentlich auf ihrer Stimme beruht. Im Falle von Robert Mitchum ist dieser Aspekt deswegen von besonderem Interesse, weil er ja auch gesungen hat, und zwar Sachen, die durchaus so etwas wie "Schmelz" haben. Und neben den klassischen Bereichen von Country & Western gibt es da noch die Calypso-Nummern, die er sich bei Dreharbeiten in Trinidad angeeignet hat - mit Weisheiten wie dieser, dass es "from a logical point of view" eindeutig besser ist, sich nicht mit einer schönen Frau einzulassen. Das bringt nämlich nur Schwierigkeiten.

Ein Lehrbeispiel dafür könnte der Film Out of the Past von Jacques Tourneur darstellen, in dem Mitchum 1947 einen eigentlich rechtschaffenen Mann spielt, der für einen großen Manipulator ein Mädchen zurückholen soll, dass diesen hereingelegt hat. In einer Hafenstadt trifft er diese Kathie (Jane Greer) und pfeift im Grunde sofort auf seinen Auftrag. Damit ist er zwar auch schon geliefert, doch das alles wird in einer schön vertrackten Konstruktion von einem möglichen Ende her erzählt, in dem der von Mitchum gespielte Jeff sich eigentlich schon in Sicherheit gebracht hat - mit einem Mädchen, das (logisch!) nur das zweitschönste ist.

Unter den Klassikern der "schwarzen Serie" ist Out of the Past noch immer etwas ganz Besonderes - wegen der Weise, wie Jacques Tourneur die Natur einbezog, wegen der schonungslosen Schlusspointe, vor allem aber wegen der Grandezza, in der Mitchum sich in sein tragisches Schicksal fügt, nonchalant und verletzlich zugleich, mit einer Zärtlichkeit, auf deren Grund wir den Selbsthass erst ganz spät erkennen können. Da hat er immerhin schon dafür gesorgt, dass zumindest niemand auf seine Kosten glücklich wird in diesem Thriller, der Fatalismus ganz groß schreibt.

Irgendwie glühend

Wenn das Österreichische Filmmuseum im Museum mit Robert Mitchum (1917-1997) ein entscheidendes Kapitel einer "Politik der Akteure" im amerikanischen Kino öffnet, dann bildet Out of the Past zweifellos ein Zentrum, in dem Mitchum - breitschultrig, unentwegt rauchend, irgendwie glühend - die Grundlagen für den Startypus legt, den er in dem darauf folgenden Jahrzehnt ganz für sich allein definieren sollte.

Unter den "leading men" seiner Generation war er wohl der "weiblichste", was erst angesichts seiner offensichtlichen Virilität von Belang wird und was in seinen Rollenbildern manchmal mit Komik bemäntelt wird. Aber man muss nur in das Gesicht seiner frühen Jahre sehen und wird eine Aura entdecken, über die er sich schnurstracks einen Bart wachsen ließ, damit sie nicht zu sehr auffiel. Den Bart konnte er später auch wieder abrasieren, aber noch in der Rolle des unheimlichen "Kinderverzahrers" in Charles Laughtons The Night of the Hunter ist er ebenso sehr Verführer wie Räuber, spielt er mit mütterlichen Registern, während Lillian Gish mit dem Gewehr auf dem Schoß auf ihn wartet.

Mitchum war in allen Genres versiert, es gibt große Western von ihm (River of No Return), der größte ist allerdings einer, der fast schon nicht mehr zum Genre gehört: The Lusty Men, Nicholas Rays Geschichte aus dem Rodeo-Milieu. Es gibt Film Noirs (Angel Face), Komödien (Holiday Affair, eine der Entdeckungen dieser Schau), und es gibt originäre Mischungen wie His Kind of Woman von John Farrow, in dem er einen Spieler spielt, der - ein typisches Rollenmuster für Mitchum - als Unbeteiligter in eine komplizierte Sache verwickelt wird.

Der Gleichmut, den er dabei an den Tag legt, und aus dem heraus das sexuelle Interesse seiner Figuren oft gar nicht leicht erkennbar ist, war oft der eines Mannes, der "sein eigenes Ende überlebt. So wurde er zum Buddha des amerikanischen Kinos", schrieb Michael Althen einmal. "Schläfrig, massig, weise. Manchmal scheint er tatsächlich zu schlafen, dabei geht sein Blick nur nach innen, wo er als einsamer Jäger die Wüsten seiner Seele durchstreift."

Je älter er wurde, desto mehr verfestigte sich die Starfigur von Mitchum, desto stärker geriet er in den Einzugsbereich des Monumentalen: einer verwitterten Männlichkeit, die in Home from the Hill von Vincente Minnelli als ein Generationenvermächtnis zum Streitfall wird. Dass er in den 70er-Jahren noch da war, als Peter Yates (The Friends of Eddie Coyle) oder Sidney Pollack (Yakuza) für ihn Verwendung hatten, zählt zu den großen Anachronismen des US-Kinos, in dem Robert Mitchum genau genommen die Geschichte des Buddha umschrieb:

Er begann als Erleuchteter und sah sich selbst dann dabei zu, wie sich die Dinge verdüsterten. Dass Jugend und Weisheit zusammengehören können, ist eines der Vermächtnisse von Robert Mitchum, dem - um noch einmal seinen großen Bewunderer Michael Althen zu zitieren - "coolsten Mann des Universums". (Bert Rebhandl  / DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2011)

Eröffnung am 1. Dezember mit Pursued (Raoul Walsh, 1947; 18.30) und The Yakuza (Sydney Pollack, 1974; 20.30).

  • Der Buddha des US-Kinos: Robert Mitchum als Captain Hunnicutt in Vincente Minnellis "Home from the Hill" (1960).
    foto: filmmuseum

    Der Buddha des US-Kinos: Robert Mitchum als Captain Hunnicutt in Vincente Minnellis "Home from the Hill" (1960).

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