Gefahr für die Grille

1. Dezember 2011, 17:26
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"Der goldene Drache", eine Satire von Roland Schimmelpfennig, behandelt den Umgang mit illegalen Einwanderern

Linz - In der engen Küche eines Asia-Restaurants arbeiten fünf Einwanderer. Einer von ihnen, ein junger Chinese, hat schreckliche Zahnschmerzen, aber keine Aufenthaltsgenehmigung nicht. Also gehen die Kollegen mit einer Rohrzange ans Werk, der landet in der Thai-Suppe einer Stewardess. Dieser kariöse Zahn ist der - wortwörtlich - blutrote Faden, an dem sich die verwobene Geschichte um die Bewohner eines Mehrparteienhauses irgendwo in Europa bis zum bitteren Ende hochschraubt. Ein alter Mann am Balkon einer Wohnung über dem Restaurant wünscht sich, jung zu sein, während seine Enkelin ihm gestehen will, dass sie ungewollt schwanger ist von dem Mann ein Stockwerk tiefer. In einer anderen Wohnung betrinkt sich ein Mann, weil seine Frau ihn verlassen will.

Währenddessen nimmt die Geschichte von der Grille und der Ameise erschreckende Realität an. Die Grille - eine junge Chinesin - wird von der Ameise - einem Lebensmittelhändler - missbraucht und ausgebeutet, weil sie ein Dach über dem Kopf braucht. Der junge Chinese verblutet an seiner Wunde, die junge Chinesin wird von einem betrunkenen Hausbewohner getötet. Die Rollen haben keine Namen, sondern sind vielmehr Beschreibungen von Lebenspositionen, so wie die Namen jener illegalen Einwanderer, die in den Küchen unserer Lieblingsrestaurants sterben, es nicht in die Nachrichten schaffen.

Schimmelpfennig sieht vor, dass Männer Frauenrollen und umgekehrt spielen, diese Vorgabe scheint ideal zu sein für die fünf Schauspieler, die in verschiedene Rollen schlüpfen. Wären sie nicht gezwungen, mit einem enervierenden "Kurze Pause" mit Blick ins Publikum ständig ihre Texte zu unterbrechen, es wäre allein durch ihre virtuose Darstellung ein berührender Theaterabend ganz ohne Betroffenheitsgetue.   (Wiltrud Hackl   / DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2011)

Bis 24. 1.

  • Eva-Maria Aichner, Vasilij Sotke, Angela Smigoc, Peter Pertusini und Sebastian Hufschmidt (v. li.).
    foto: brachwitz

    Eva-Maria Aichner, Vasilij Sotke, Angela Smigoc, Peter Pertusini und Sebastian Hufschmidt (v. li.).

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