Realismus trifft Futurismus trifft Optimismus

    1. Dezember 2011, 16:55
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    Spieltrieb und technische Kompetenz bei der größten Autonation der Welt. Allerdings: Dass Fortuna heuer Japan wenig hold war, spürt man deutlich

    Die Tokyo Motor Show (3.-11. 12.) ist umgezogen. Neue Adresse. Näher am Megametropolenzentrum. Besucherfreundlicher. Ein Monat späterer Termin auch. Vielleicht, frohe Botschaft, um zeigen zu können, wie schön die große christliche Nation Japan sich weihnachtlich rausputzt. So könnte man es sehen. Einerseits. Andererseits: Den traditionellen Austragungsort, Kongresszentrum Makuhari Messe, vermochte man zuletzt kaum noch zu füllen, das Pflänzchen "international" vertrocknete zusehends in Richtung "national".

    Das hat mehrere Gründe - die wichtigsten: China (Schanghai, Peking) lief Tokio inzwischen den Rang der bedeutendsten Fernost-Branchenschau ab. Dann ist Japan zwar, in Produktionszahlen der Hersteller gerechnet, immer noch weltgrößte Autonation, der Heimatmarkt ist nach Tsunami und Fukushima aber dramatisch eingebrochen und wird sich nicht so schnell derrappeln, und die katastrophenbedingten Produktionsstopps wirkten sich weltweit aus.

    Der teure Yen erleichtert die Sache auch nicht eben, und dass die Koreaner als die neuen Japaner gelten, empfindet man im Inselreich als besonders demütigend. Die Autowelt verändert sich also dramatisch, und wenn das Messemotto lautet "Mobilität kann die Welt verändern", dann klingt das ungewollt doppeldeutig.

    Welchen Stellenwert mancher Nippon-Hersteller der Heimmesse beimisst, zeigt das Beispiel Honda: Der CR-V, enorm wichtig für die Marke, debütierte soeben - auf der L.A.Auto Show. Dennoch sind sich trotz dieser und vor allem trotz der IAA (Frankfurt) ein paar Weltpremieren für Tokio ausgegangen, auch für Europa relevante. Der Mitsubishi Mirage etwa taucht Ende 2012 als Colt-Nachfolger bei uns auf, der neue Outlander (am Salon: PX-MiEV II) im Herbst. Die Sportwagen-Schwestermodelle Toyota GT 86 / Subaru BRZ sollten sommers so weit sein, und das Takeri Concept wird Ende 2012 praktisch unverändert zum Mazda6 - eines der wenigen Mittelklassemodelle aus dem Land der aufgehenden Sonne, das sich über Jahrzehnte in der Passat-Liga wirklich etablieren konnte.

    Ansonsten befriedigt Tokio vor allem Erwartungshaltungen, mit etlichen Studien, exotischen Konzepten und Designs sowie Technik für Umwelt und Zukunft. Und war die Tokyo Motor Show 2009 gaijinfreie Zone, so sind heuer wieder die Gallier und Germanen angerückt. Letztere sogar mit drei Weltpremieren: Audi A1 Concept (ab Februar), VW Passat Alltrack (ab Frühjahr) und BMW Active Hybrid 5 (ab Frühjahr), VW zeigt zudem die Studie Cross Coupé.

    Die enorme Bedeutung der Fernost-Autonation für Österreich unterstreicht ein Blick in die Statistik: Viele Jahre war Japan hinter Deutschland praktisch konstant Nummer zwei bei Neuzulassungen. 1989 hielt man rekordverdächtige 30 Prozent Marktanteil - in den ersten neun Monaten 2011 lag man allerdings mit 11,8 Prozent (Rangfolge: Mazda, Toyota, Nissan, Suzuki, Mitsubishi, Honda, Subaru, Lexus, Daihatsu, Infiniti) auf Rang drei, hinter Frankreich (15,2) und vor Korea (9,6).

    Fazit Tokyo Motor Show: Realismus trifft Futurismus trifft Optimismus. Von Schicksalsschlägen gebeutelt, ist mit der Autosupermacht Japan dennoch weiter an vorderster Front zu rechnen. Das Vertrauen in die Zukunft geben die nicht auf. Gut so. (Andreas Stockinger/DER STANDARD/Automobil/02.12.2011)


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