Erste Vorwürfe wurden am 9. April publik
Wien - Am Freitag wurde die neue Struktur und die
neue personelle Ausrichtung der Wiener Kunsthalle von Kulturstadtrat
Andreas Mailath-Pokorny von der SPÖ und dem Kultursprecher der Grünen, Klaus
Werner-Lobo, vorgestellt. Dem ging eine monatelange Diskussion rund
um die Arbeit von Kunsthallen-Direktor Gerald Matt voraus. Im
Folgenden ein Überblick über die Geschehnisse:
9. April: Erstmals werden Vorwürfe gegen Gerald Matt laut, wonach
dieser Mitarbeiter seines Hauses eingesetzt hat, um einen privaten
Auftrag abzuwickeln. Laut "profil" habe Matt für die gemeinsam mit
dem Nationalrat herausgegebene Interviewsammlung "Österreichs Kunst
der 60er-Jahre" sowie für zwei Ausstellungen im Hohen Haus 15.000
Euro Honorar erhalten. Die involvierten Mitarbeiter seien zunächst
jedoch nicht bezahlt worden. Matt indes weist die Vorwürfe zurück:
Die Mitarbeiter seien honoriert worden. Überdies sei im
Zeiterfassungssystem der Kunsthalle exakt zu ersehen, wann sich die
einzelnen Kunsthallen-Mitarbeiter der Publikation gewidmet hätten.
14. April: Das Präsidium des Vereins Kunsthalle nimmt Matt in
Schutz. Dem Direktor sei es ausdrücklich gestattet, Nebentätigkeiten
nachzugehen, heißt es in einer Stellungnahme von Präsident Thomas
Häusle und Vizepräsident Siegfried Menz. "Für die vertraglich
gestatteten Nebentätigkeiten dürfen auch die betrieblichen Ressourcen
im sonst üblichen - und für die konkrete Aufgabe jeweils
erforderlichen - Ausmaß eingesetzt werden." Man werde dennoch eine
Überprüfung durch unabhängige Rechnungsprüfer und einen
Wirtschaftstreuhänder initiieren. Dabei solle auch die Finanzgebarung
des Vereines Kunsthalle Wien seit 2007 überprüft werden.
21. April: Der grüne Kultursprecher Wolfgang Zinggl bringt wegen
angeblich unklarer Abrechnungen mit einer parlamentarischen Anfrage
drei weitere Ausstellungen im Österreichischen Kunstforum New York
aufs Tapet, die von Matt kuratiert wurden. Kunsthallen-Präsident
Häusle weist die implizierten Vorwürfe zurück.
29. April: Erstmals werden Vorwürfe laut, wonach Gerald Matt
versucht haben soll, ausländische Sponsoren zu gewinnen, indem ihnen
österreichische Staatsbürgerschaften in Aussicht gestellt wurden.
Laut "Salzburger Nachrichten" hätten die Spender je 1,4 Mio. Euro
zahlen sollen. Der Kunsthallen-Vorstand bestätigt, 2007 Kontakte mit
potenziellen Sponsoren geknüpft zu haben und im Zuge dessen über die
zuständigen Behörden die Frage geklärt zu haben, ob außerordentliche
Sponsorleistungen zur Verleihung der Staatsbürgerschaft führen könne.
Die Bemühungen seien 2009 jedoch endgültig eingestellt worden. Im Wiener Gemeinderat stimmen SPÖ, Grüne und FPÖ dem
ÖVP-initiierten Antrag zu, das Kontrollamt mit einer Prüfung der
Anfang April publik gewordenen Vorwürfe gegen Matt zu beauftragen.
Eine "Beurlaubung" des Kunstmanagers lehnt Mailath-Pokorny allerdings
ab, da diese einer Vorverurteilung gleichkomme.
2. Mai: Es wird bekannt, dass die gesamte Auflage des Matt-Buches
"Österreichs Kunst der 60er Jahre" eingestampft und neu gedruckt
werden muss. Bernhard Böhler hatte über seinen Anwalt die
Autorenschaft für ein Interview mit Alfred Hrdlicka urgiert, die im
Buch Matt zugeschrieben wurde.
3. Mai: In einer Follow-Up-Überprüfung des Rechnungshofes lobt
dieser die Kunsthalle, die alle Empfehlungen eines 2005
veröffentlichten Berichts umgesetzt habe: "Dadurch wurde eine
Verbesserung der Einnahmen erzielt und die Wirtschaftlichkeit
erhöht."
6. Mai: Die Wiener ÖVP bringt gegen Matt im Zusammenhang mit den
Vorwürfen, potenzielle Sponsoren mit Staatsbürgerschaften gelockt zu
haben, eine Anzeige bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft ein.
9. Mai: Die Kunsthalle präsentiert den von ihr in Auftrag
gegebenen Prüfbericht der Kanzlei Interbilanz Hübner. Demnach sind
alle Vorwürfe im Zusammenhang mit der Parlamentsausstellung haltlos:
Das vom Parlament finanzierte Vorhaben sei korrekt durchgeführt und
abgerechnet worden, so Präsident Häusle. Knapp 5.000 Euro Mehrkosten,
welche die Fördermittel von 32.500 Euro übersteigen, werden von Matt
persönlich getragen werden müssen.
17. Mai: Die Kunsthalle reicht bei der Staatsanwaltschaft eine
Sachverhaltsdarstellung wegen Datendiebstahls ein. Unbekannte sollen
sich über einen Computer eingeloggt sowie persönliche und interne
Daten entwendet haben. Darauf aufmerksam geworden sei man durch eine
interne Terminabsage, die vom Mail-Account des Grünen Zinggl
versendet wurde. Die Staatsanwaltschaft solle einen möglichen
Zusammenhang zur Datenentwendung klären. "Das ist völlig aus der Luft
gegriffen", so Zinggl.
30. Mai: "profil" macht vermeintlich hohe Handy- und
Reiserechnungen sowie laxe Spesenregelungen des Kunsthallen-Direktors
publik. Die Rede ist von Hotelzimmern mit Preisen über 350 Euro pro
Nacht, einer allgemeinen Reisekostenvergütung von 18.500 Euro im
Jahr, einer monatlichen Fahrtkostenpauschale von 365 Euro und
Handyrechnungen von über 10.000 Euro jährlich.
31. Mai: Die Kunsthalle entlässt ihren früheren leitenden Kurator
Thomas Mießgang fristlos. Der Vorwurf: die widerrechtliche Weitergabe
interner Daten, Urheberrechtsverletzungen in Form illegaler
Musikdownloads sowie Download pornografischen Materials. Ein
IT-Experte habe die Datenflüsse im Haus überprüft, was zur Kündigung
geführt habe. Mießgang rechtfertigt sich, er habe für eine
Pornografieausstellung recherchiert und die Musik im Zuge seiner
Kuratorentätigkeit verwendet. Der einstige Kurator hatte 2009 mit
anderen Mitarbeitern auf demokratische Defizite innerhalb des
Betriebes hingewiesen und war seither in der Stabsstelle
Kommunikation tätig. Er ficht seine Entlassung vor dem Arbeitsgericht
an.
2. Juni: Ein neuer Prüfbericht der Kanzlei Interbilanz Hübner
entkräftet die Vorwürfe bezüglich hoher Reisespesen und laxer
Abrechnungsregelungen gegen Matt. Sämtliche Vorwürfe gegen den
Direktor entbehrten der Grundlage, so Kunsthallen-Präsident Häusle.
Dies betreffe auch die von den Grünen kritisierten Ausstellungen in
New York.
6. Juni: "profil" bringt neue Vorwürfe: Matt habe Besucherzahlen
frisieren lassen, sein Vertrag sei vom Vorstand im Jahr 2000 heimlich
verlängert worden und der Kunstmanager habe sich privat Geld für
Jurytätigkeiten bei der Invest Kredit Sammlung auszahlen lassen. Die
Vorhaltungen würden "auch durch Wiederholung nicht wahr", so Häusle
in einer Stellungnahme.
10. Juni: Der Vorwurf an Matt, Mitarbeiter der Kunsthalle für sein
Buchprojekt "Österreichs Kunst der 60er Jahre" unrechtmäßig
eingesetzt zu haben, bekommt eine neue Wendung. "Eine Kooperation mit
der Kunsthalle hat es nicht gegeben", heißt es vonseiten der
Parlamentskorrespondenz. Ein Vertrag sei mit Matt selbst geschlossen
worden. Die Kunsthalle unterstreicht, dass der Einsatz von
Mitarbeitern gerechtfertigt gewesen sei.
17. Juni: Die Kunsthalle legt die Expertise von Professor Peter
Lewisch vom Wiener Institut für Strafrecht und Kriminologie vor.
Demnach ist die Intervention der Kunsthalle respektive ihres
Direktors hinsichtlich einer möglichen Staatsbürgerschaftsverleihung
für ausländische Kunstmäzene legal gewesen.
5. Juli: Grünen-Kultursprecher Zinggl macht eine parlamentarische
Anfragebeantwortung publik, wonach Matt für die beiden New Yorker
Ausstellungen im Kulturforum insgesamt 8.000 Euro Honorar erhalten
hat, für eine weitere Schau im Jahr darauf keine Vergütung. Er habe
für seine Arbeit mithin "doppelt kassiert" und Ehre durch den Einsatz
von Kunsthallen-Personal verdient, so Zinggl. Das Museum weist die
Vorwürfe mit Verweis auf die veröffentlichten Prüfberichte zurück.
6. Juli: Matt geht mit mehreren Interviews in die Gegenoffensive
und macht publik, Zinggl wegen Verleumdung angezeigt zu haben. "Die
Vorwürfe sind eindeutig unhaltbar", verweist der Kunsthallen-Chef auf
die vorliegenden Berichte. Von einem schlechten Betriebsklima - so
der Vorwurf des geschassten Ex-Kurators Mießgang - könne angesichts
hoher Mitarbeiterkontinuität keine Rede sein: "Da ist viel Neid im
Spiel."
17. Oktober: Neue Vorwürfe: Laut "profil" soll Matt zwischen 1998
und 2005 private Dienstleistungen über das Ausstellungshaus
verrechnet haben. Für Bankgeschäfte, Steuerangelegenheiten und
Urlaubsreisen, aber auch für Umbauarbeiten in Matts Privatwohnung
sollen Mitarbeiter der Kunsthalle betraut und vom Ausstellungshaus
bezahlt worden sein, was diese in eidesstattlichen Erklärungen
bezeugen. Präsident Häusle betont hingegen, "dass zu keiner Zeit
private Leistungen für Dr. Matt aus Mitteln der Kunsthalle beglichen
wurden".
18. Oktober: Kulturstadtrat Mailath-Pokorny stellt im Ö1-Interview
erstmals eine "Neuorganisation" der Kunsthalle "in unmittelbarer
Zukunft" in Aussicht. Konkret gehe es um die Gründung einer GmbH
inklusive Aufsichtsrat. Laufende Verträge seien aber nur dann
aufzulösen, wenn es tatsächlich strafrechtlich relevante Vorkommnisse
gibt: "Und die haben die Strafbehörden festzustellen." Die Wiener Grünen stellen dazu ihrem Koalitionspartner
die Rute ins Fenster. Angesichts der neuen Sachlage binde man die
Zustimmung zu einer künftigen Subventionsvergabe durch die Stadt an
eine sofortige Suspendierung Matts ohne Bezüge, so Kultursprecher
Klaus Werner-Lobo.
20. Oktober: Die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlicht
den Vorwurf, wonach die 2009 von der Stadt Wien in Auftrag gegebene
Machbarkeitsstudie für eine mögliche Fusion von Kunsthalle und
Künstlerhaus von einer Firma durchgeführt worden sei, die Matts
langjähriger Freundin Susanne Moser gehörte. Auch die Eintritte von
2001 bis 2010 seien um knapp 500.000 Besucher höher angegeben worden.
Präsident Häusle verweist darauf, dass der Auftrag nicht von der
Kunsthalle, sondern der Stadt vergeben worden sei.
27. Oktober: Der "Falter" berichtet, dass Matt und
Kunsthallen-Geschäftsführerin Bettina Leidl jeweils als
Geschäftsführer der Tochtergesellschaft "Kunst im öffentlichen Raum
GmbH" (KÖR) ein Gehalt für ihren "Nebenjob im Hauptjob" erhalten
haben. Das wird aus dem Büro Mailath-Pokorny bestätigt.
16. November: Die Grünen drängen auf rasche Entscheidungen der
Stadtregierung: "Am 29. November ist Kulturausschuss. Wenn man will,
dass die Kunsthalle zu diesem Datum behandelt wird, muss man in den
nächsten Tagen zu einer Entscheidung kommen", so Kultursprecher Klaus
Werner-Lobo, der auch auf einer personellen
Neuordnung beim Verein Wiener Kunsthalle pocht.
17. November: In Folge eines Berichts des "News" fordert der
BZÖ-Abgeordnete Ewald Stadler, stellvertretender Obmann des
Immunitätsausschusses im Parlament, "sofortige Aufklärung". Es geht
um die mögliche Aufhebung der Immunität des grünen Kultursprechers
Zinggl. Der entsprechende Vorhabensbericht der Staatsanwaltschaft
liegt seit Oktober bei Justizministerin Beatrix Karl und sei in
Bearbeitung, heißt es. Bevor hierüber von Ministeriumsseite nicht
entschieden ist, kann der Antrag nicht dem Immunitätsausschuss des
Parlaments vorgelegt werden.
19. November: Laut "Standard" hat die Kunsthalle die
Staatsanwaltschaft Wien über die "Zusendung einer VIP-Karte der Messe
Art Basel Miami Beach für den Abgeordneten Zinggl" informiert. Dies
berechtige zu diversen geldwerten Leistungen. Die Karte habe sich in
einem Kuvert befunden, das an die Kunsthallen-Adresse von Mießgang
adressiert war. In einer Stellungnahme der Messe heißt es hingegen,
dass die VIP-Karte an Mießgang selbst gerichtet war. "Wie eine auf
Herrn Zinggls Namen ausgestellte VIP-Karte in einem an Sie
adressierten Kuvert in die Kunsthalle Wien gelangen konnte, können
wir nicht nachvollziehen."
30. November: Mailath-Pokorny und Werner-Lobo kündigen an,
am 2. Dezember die komplette Neuordnung der Kunsthalle zu
präsentieren.
2. Dezember: Im Rahmen der von Mailath-Pokorny und Werner-Lobo vorgestellten neuen Struktur wird Kunsthallen-Direktor Gerald Matt ab 1. Jänner 2012 für drei Monate dienstfrei gestellt. Der Geschäftsführer des Kunsthauses Wien, Franz Patay, übernimmt interimistisch die Kunsthallen-Leitung von Matt.Die Kunsthalle Wien wird in eine gemeinnützige GmbH mit achtköpfigem Aufsichtsrat umgewandelt und ins Eigentum der Stadt Wien überführt. Präsidentin des neuen Aufsichtsrats wird Sonja Hammerschmid, Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität. Neben der künstlerischen wird für die Kunsthalle eine gleichwertige kaufmännische Geschäftsführung gemäß dem Vier-Augen-Prinzip bestellt. Der bisherige Verein Kunsthalle Wien bleibt bestehen und übernimmt künftig die Aufgaben eines "Freundesvereins", erhält aber keine städtischen Subventionen. Die bisherige Kunsthallen-Tochter Kunst im öffentlichen Raum GmbH (KÖR) wird ins Eigentum der Stadt Wien übernommen. Gremien, Kuratorium und Jury bleiben ebenso unverändert wie das Budget von 800.000 Euro. Die Geschäftsführung ist derzeit ausgeschrieben. (APA/red)
Ein zweiter Überblick
Bezüglich der Vorwürfe gegen Direktor Matt (für den die Unschuldsvermutung gilt), die von der Kunsthalle u.a. mit Hilfe von Prüfberichten der Kanzlei Interbilanz Hübner zurückgewiesen wurden. Derzeit befassen sich Korruptionsstaatsanwaltschaft und Kontrollamt mit einzelnen der Vorwürfe.
- Einsatz von Mitarbeitern der Kunsthalle für privaten Auftrag des Parlaments
- Einsatz von Mitarbeitern der Kunsthalle für drei von Matt kuratierte Ausstellungen in New York
- Versuchte Vermittlung von österreichischen Staatsbürgerschaften für "außerordentliche Sponsorleistungen" ausländischer Mäzene
- Fälschlich angegebene Autorenschaft bei Interview mit Alfred Hrdlicka in einem Interview-Band
- Hohe Handy- und Reiserechnungen, laxe Spesenregelung
- Frisierte Besucherzahlen
- Private Geldannahme für Jurytätigkeit bei Invest Kredit Sammlung
- Verrechnung privater Dienstleistungen (u.a. Bankgeschäfte, Steuerangelegenheiten, Urlaubsreisen, Umbauarbeiten) über die Kunsthalle zwischen 1998 und 2005
- Einsatz von Mitarbeitern der Kunsthalle für private Dienstleistungen
- Gehaltsbezug für Arbeit bei Tochtergesellschaft "Kunst im öffentlichen Raum" (KÖR)
(APA)