Wüstentöne

1. Dezember 2011, 17:18
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Zurzeit gipfelt der musikalische Output der Stadt Tucson in Arizona in dem hervorragenden Sampler "Tucson Songs" sowie Alben von Calexico und Giant Sand

Tucson hat der Musikwelt in den letzten 25 Jahren einige wunderbare Bands und etliche großartige Alben geschenkt. Die Stadt in Arizona ist ansonsten eher unsexy, hat aber mit dem 1919 errichteten Hotel Congress ein doppeltes Zentrum anzubieten. In diesem original renovierten Hotel nahe der Stadtmitte stieg einst einer der übelsten Gangster seiner Zeit ab: John Dillinger, der erste "Public Enemy Number One" der Geschichte, der in diesem Hotel 1933 verhaftet wurde. Das zieht heute noch Touristen in den Bau mit Adobe-Charakteristika, der seinen originalen Barber Shop noch ebenso besitzt wie eine uralte Telefonanlage. Gleichzeitig beherbergt das Hotel den Club Congress, mit dem durchreisende und lokale Bands einen ihrer wichtigsten Auftrittsorte in dieser Weltgegend haben.

Viele dieser lokalen Bands sind auf dem nun veröffentlichten Sampler Tucson Songs - Exciting New Songs From South Arizona zu hören: etwa Gabriel Sullivan & Taraf de Tucson feat. Billy Sedlmayr mit dem großartigen Eröffnungssong The Rust, The Knife, Al Perry, Gabriel Sullivan oder das Silver Thread Trio. Sie belegen als lokale Halb- und Viertelprominenz - was nichts über die Qualität der Songs sagt! -, dass der US-Bundesstaat noch etwas anderes ist als nur ein Paradies für golfende Rentner.

  Staubige Eigenheiten

Nicht wenige dieser Bands kommen aus dem Umfeld der Formation Calexico, die aus der ebenfalls aus Tucson stammenden Band Giant Sand hervorgegangen ist. Desert Rock nannte man den Stil - eine Mischung aus traditioneller Rockmusik mit einigen staubigen Eigenheiten, trockenem Charme und der Unbekümmertheit des Punk. Diese Eigenheiten schlagen sich nicht nur bis heute im Werke der aufgezählten Formationen nieder - wie Tucson Songs zeigt, ist daraus längst ein spezifisches Genre entstanden, das aus der geografischen Nähe zu Mexico eine wesentliche kulturelle Identität bezieht.

Zeitgleich zu der Veröffentlichung von Tucson Songs erscheint die Kollektion Selections from Road Atlas 1998-2011 von Calexico. Das Album ist ein Exzerpt aus acht während der Jahre 1998 bis 2011 entstandenen Alben, die die Band um John Convertino und Joey Burns nur bei Livekonzerten verkauft hat. Davon gibt es eine Schmalhans-Version von 16 Songs dieser Aufnahmen sowie eine allumfassende zwölf LP-Box samt fettem Buch, streng limitiert, tatütata. Wer sich damit nicht belasten will, findet in der normalen CD-Version so etwas wie ein unentdecktes Calexico-Album, das alle Qualitäten der Band bietet: cineastische Fantasien, mexikanische Ausflüge, Ambient, Angejazztes, Rockiges. Nichts Neues unter der Wüstensonne, aber das darf in dem Fall so sein.

Gleichzeitig veröffentlicht das britische Label Fire Records weiter den Katalog von Giant Sand neu und ist mit den Alben Ramp (1991) und Center Of The Universe (1992) bei zwei der zwingendsten und zeitlosesten Arbeiten der Band um Howe Gelb angelangt. Zwischen verwischten Country-Songs und mitreißenden (Desert-)Rockstücken sprühen hier die Funken in überbordender Spiellaune und Fantasie - ein Traum! (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2011)

  • Tucson Songs - Exciting New Songs From South Arizona (Rough Trade)
  • Calexico: Road Atlas (City Slang / Universal)
  • Giant Sand: Ramp / Center Of The Universe (Fire Records / Trost)
  • Staubige Schatzis: John Convertino (li.) und Joey Burns von Calexico.
    foto: city slang

    Staubige Schatzis: John Convertino (li.) und Joey Burns von Calexico.

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