Blog Marktmelange

Kursfeuerwerk für eine Mogelpackung

Lukas Sustala, 1. Dezember 2011, 12:09

Die Intervention der Notenbanken ist eine Themenverfehlung, doch die Märkte jubeln artig über die Liquiditätsspritze.

Mit Pauken und Trompeten ist die Kavallerie der wichtigsten Zentralbanken zur Stützung der Märkte herbei geeilt (Standard). Die Notenbanker, angeführt von Fed-Chef Ben Bernanke und EZB-Neuling Mario Draghi, versprechen billige Dollar-Finanzierung für alle Banken, die sie brauchen. Ein halbes Prozent billiger als bisher, mit geringeren Abschlägen für die eingebrachten Sicherheiten, und das Programm läuft auch noch bis Februar 2013 (EZB).

Das wirkt auf den ersten Blick nicht nach viel. Ist es wohl auch nicht. Kein "Meilenstein" jedenfalls, wie in der ZIB versprochen wurde. Vielmehr geht es eher um einen psychologischen Effekt. Die konzertierte Aktion soll beweisen, dass die Zentralbanken den Ernst der Lage erkannt haben.

Zwar treffen die Notenbanker zunächst einmal einen wunden Punkt. Denn Dollars bleiben gefragt bei europäischen Banken (siehe Chart). Der Abschlag der Euro-Dollar-Swap-Rate gibt an, dass die Dollar-Nachfrage europäischer Banken sehr viel größer ist als die Euro-Nachfrage ihrer US-Konkurrenten. Der Grund, warum Europas Banken so nach Dollars dürsten, ist etwa, weil US-Geldmarktfonds, die sonst Finanzierungen zur Verfügung stellen, wegen der Eurokrise ihre Mandate zurückgefahren haben und nur noch für kurze Zeiträume Geld leihen.

Die Analysten von Capital Economics in London warnen aber vor einer Verwechslung: Die Aufschläge zur Dollarfinanzierung seien Symptom einer Finanzierungskrise und nicht Ursache. Denn im Kern geht es um eine Knappheit an Sicherheiten. Und Sicherheit bleibt begehrt. Anders lässt sich ja nicht erklären, wieso Anleger dem deutschen Finanzminister Geld dafür zahlen, dass sie ihm für ein Jahr Geld leihen dürfen (FT). Für Capital Economics müsste eine Lösung die Preise von Staatsanleihen in der Peripherie stabilisieren, damit die Geldinstitute dort sich weiter finanzieren können. "Das Problem heute ist ein Solvenzproblem," so John Higgins, von Capital Economics.

In einem Gespräch hat Jürgen Michels, Ökonom bei Citigroup, auf den Punkt gebracht, was das Problem der Zentralbankinterventionen ist. "Sie versorgen eine Wunde mit einem Liquiditätspflaster, doch darunter rottet es weiter." Die Solvenzprobleme, eine gefährliche Mixtur von Außenhandelsbilanzdefiziten und hohen Schulden bei vielen Staaten Europas, seien nicht gelöst. Liquidität wäre ja nicht unbedingt knapp. Europas Banken etwa horten nach aktuellen Daten 297 Milliarden Euro bei der Europäischen Zentralbank. Die bereits verfügbare Dollar-Swap-Line nutzen sie kaum.

Die Zentralbanken versuchen die Märkte mit einem Bluff zu beeindrucken. Noch glauben viele Investoren, dass die Währungshüter, etwa in Frankfurt, "Pocket Rockets" in der Hand haben. Doch die politische Opposition, diese Karten wirklich auszuspielen, und unorthodoxe Maßnahmen wie massive Anleihenkäufe von italienischen Staatsanleihen (mit der Garantie, einen gegebenen Zinssatz nicht mehr zu überschreiten) zu starten, ist groß.


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Tintifax der ... Druide!
00
1.12.2011, 12:41
1/2

Sehr interessanter Kommentar, würde dem Grundtenor auch zustimmen, aber:

"Vielmehr geht es eher um einen psychologischen Effekt."

Stimmt zwar, aber das könnte auch alles sein, was es braucht. Der Grund, warum die Märkte eingefallen sind ist ja - zumindest bis zu einem gewissen Grad - auch nur Psychologie, also kann Psychologie auch als Gegenmaßnahme funktionieren (wenn auch wahrscheinlich nicht mit einem so billigen Trick).

Meine Lieblingsmaßnahme wäre, wenn sich Frau Merkel nach Griechenland begibt und dort im Parlament eine Rede hält, in der sie die Solidarität in der Eurozone betont, den Griechen weiterhin Unterstützung zusagt für ihren Reformkurs und die Leute zum Arbeiten statt demonstrieren auffordert. Das wäre auch "nur" ...

Balkanjero
00
1.12.2011, 18:07

Aber mal ehrlich warum sollte ich als Bank Staatsanleihen zeichnen wenn ich in 3 Monaten 3% mehr Zins bekomme? (Könnte man sich da nicht absprechen?)

:o)

Die EZB soll unter dem Marktwert gehandelte Anleihen aufkaufen und liquitieren......... und schon bekommt man einen Teil der Verschuldung weg.

Epikouros
01
2.12.2011, 00:45
"unter dem Marktwert gehandelte Anleihen"

Bitte wo werden Anleihen unter dem Marktwert gehandelt? Ich würde die sofort aufkaufen, und dann am Markt weiterverkaufen.

Balkanjero
00
2.12.2011, 08:52

Stimmt Buchungswert und nicht Marktwert meinte ich.........
Sorry

Tintifax der ... Druide!
01
1.12.2011, 12:43
2/2

... Psychologie, aber die Märkte würden schon alleine auf die Geste zweifellos sehr positiv reagieren.

Off Topic: Könnte man nicht das Zeichenlimit endlich erhöhen? Ich spende dem Standard auch gerne ein paar Terabyte an Festplatten.

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