Karriere mit Risiko

    Kommentar1. Dezember 2011, 11:03
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    Ein Soldat ist von Berufs wegen für Einsätze in gewaltsamen Konflikten ausgebildet und vorgesehen. Empörung und Verwunderung sind fehl am Platz

    "Soldat von Granate getroffen - Koma!" und "Lebensgefahr für unsere Soldaten!" - so lauteten gestern die Schlagzeilen der Gratiszeitung "Heute". Die groß aufgemachte Story handelte vom Schicksal des vierundzwanzigjährigen Korporal Manuel, der bei den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen "serbischen Hooligans" und KFOR-Soldaten schwere Verletzungen erlitten hatte.

    Zwei Dinge fallen bei der Lektüre des Artikels auf: Zum einen denkt man bei "Hooligans" eher an gewaltbereite Fußballfans als an gewaltbereite Teilnehmer einer politisch motivierten Aktion. Diese Wortwahl des im besagten Artikel zitierten Verteidigungsministers Norbert Darabos wirft Fragen auf (um nicht zu sagen, sie ist fragwürdig). Zum anderen fällt auf, mit welcher Verwunderung und Empörung "Heute" der gegebenen "Lebensgefahr für unsere Soldaten" begegnet. An Ausrufzeichen und anderen dramatischen Stilmitteln wird nicht gespart.

    Einerseits ist es durchaus begrüßenswert, wenn das Schicksal eines Soldaten exemplarisch herausgegriffen, und ihm, einem Individuum aus der anonymen und amorphen Masse von Uniformierten, ein Gesicht gegeben wird. Wenn Uniformen und Waffen getragen werden, da wird früher oder später geschossen, und wo geschossen wird, werden unweigerlich früher oder später Menschen verletzt und getötet. Alle diese Menschen haben ein Gesicht, eine Geschichte und bangende Angehörige, unabhängig davon, ob es sich um Soldaten oder Zivilisten handelt. Möglicherweise tragen personalisierte Zeitungsberichte über casualties dazu bei, diesbezüglich ein Bewusstsein bei der Leserschaft zu schaffen.

    Dennoch ist es irritierend, welche Meinungsmache Politiker mit Hilfe von Medien mitunter betreiben, wenn "unsere Soldaten" im Ausland Schaden nehmen. Zivilen Opfern wird selten so viel Aufmerksamkeit geschenkt, schon gar nicht dann, wenn es nicht "unsere" sind.

    Berufssoldat zu sein ist sehr gefährlich - man nennt das auch Berufsrisiko, was bei der Entlohnung entsprechend berücksichtigt wird, wenn auch außer Frage steht, dass Gesundheit und Leben unbezahlbar sind. Ein Zivilist in einem Krisengebiet zu sein ist ungleich gefährlicher, weil man keine Wahl hat, ob man sich im jeweiligen Gebiet aufhalten möchte oder nicht. Die Biographien von Berufssoldaten und Zivilisten sind nicht vergleichbar und können auch nicht gegeneinander aufgewogen werden, und darum soll es hier auch nicht gehen.
    Was jedoch zu denken gibt, ist, wie Politik und Medien immer wieder auf die gleiche Weise militärische Auslandseinsätze inszenieren: Im Vorfeld wird stets beteuert, die Sicherheit der Soldaten sei garantiert. Sobald jedoch das eintritt, wofür die Soldaten eigentlich entsendet wurden, nämlich eine gewaltsame Auseinandersetzung, ist die Überraschung groß, und Politiker wie Journalisten kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

    Mag sein, dass ein Soldat im Auslandseinsatz 99 Prozent der Zeit mit gefahrloser Routine und Warten zubringt. Es muss aber der Öffentlichkeit unmissverständlich klar sein, dass ein Soldat von Berufs wegen in letzter Konsequenz für Einsätze in gewaltsamen Konflikten ausgebildet und vorgesehen ist - in diesem Punkt scheitert die mediale Berichterstattung kläglich.

    In der gleichen Ausgabe von "Heute" ist nur wenige Seiten weiter eine Schwerpunktbeilage zum Thema "Karriere mit Lehre". Darin wird unter anderem auf einer ganzen Seite für eine "Karriere beim Heer!" (abermals Rufzeichen) geworben. Von solider Ausbildung und sportlicher Abwechslung ist da die Rede. Vom Berufsrisiko kein Wort. (Mascha Dabić, 1. Dezember 2011, daStandard.at)

    • "Heute"-Cover von 30. November 2011
      foto: heute.at/dastandard.at

      "Heute"-Cover von 30. November 2011

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