Wenn die Frisörin das Postgeheimnis hütet

Reportage2. Dezember 2011, 10:12
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Die Post will mehr als 100 Ämter zusperren: In Wien-Dornbach soll erstmals eine Frisörin das Postgeschäft übernehmen - Dagegen regt sich Widerstand

"Junger Mann, haben Sie schon unterschrieben?" Franziska Horak streckt einem Blondschopf einen Zettel entgegen, eine Unterschriftenliste, es geht ums Postamt von Dornbach-Neuwaldegg. Die Post will es nächstes Jahr schließen, Horak steht vor dem Amt am verschlafenen Stadtrand Wiens und sagt: "Wir sind dagegen", der junge Mann sagt: "Ja, das wäre schlecht, wenn die Post zu ist."

Horak beginnt auf ihr Gegenüber einzureden, beschwörend, so wie sie es seit August schon Hunderte Male getan hat. Der junge Mann streut dann nur mehr Wortfetzen ein: "Mhm", "Ist klar", "Aha"; was man eben so sagt, wenn einem die Kälte ins Gesicht beißt und man weitergehen will. Irgendwann geht er weiter. Frau Horak bleibt in der Kälte zurück.

Hunderte Unterschriften hat sie gegen die Schließung gesammelt, "ich hab auf der Straße jeden angeredet", sagt sie, pensionierte Buchhalterin, Kopftuch übers Haupt geschnürt, Foto lieber keines. "Wir sind mit dem Service der Post so zufrieden." Innerhalb weniger Wochen hatten rund 900 Menschen ihren Namen auf die Liste der "Bürgerinitiative für Dornbach und Neuwaldegg" gekritzelt. Viel Tinte umsonst.

Klare Regeln

Im nächsten Jahr wird die Post mehr als 100 Ämter in Österreich schließen. Die Gewerkschaft ist machtlos - seit heuer gilt das Postmarktgesetz, es lässt keinen Spielraum für Protest, es gibt nun klare Regeln: Leben in einem Ort mehr als 10.000 Menschen, dann müssen neun von zehn Bewohnern eine Poststelle in zwei Kilometern erreichen können. In kleineren Orten in höchstens zehn. Die Post - so steht es im Gesetz - darf ihre Ämter schließen, wenn sie dauerdefizitär sind und ein anderes Unternehmen die Grundversorgung übernimmt.

"Die Post ist ein Mosaiksteinchen in diesem Vorort von Wien", sagt Hans Högl, Soziologe in Ruhestand, eine Stimme wie ein Professor. "Wenn wir zunehmend Mosaiksteine verlieren, dann geht die Substruktur zunehmend verloren." Substruktur geht verloren? Was heißt das? Der Soziologe schlüpft in seinen Mantel, setzt sich den Hut auf, steigt in seinen Skoda Fabia und kurvt durch Dornbach. "Da links war eine Blumenhandlung. Die gibt's nicht mehr", sagt Högl. "Da rechts war ein Gasthaus. Das gibt's auch nicht mehr." Und etwas weiter: "Das war auch ein Gasthaus", sagt Högl und resümiert. "Das habe ich mit Substruktur gemeint."

Kosmetik, Massage und Postschalter

Schon einmal hat seine Bürgerinitiative ums Postamt gekämpft, das war 2005, Högl schickte Briefe an Politiker, Horak und andere Helfer sammelten Unterschriften. Am Ende hatten sie rund 3000 beisammen. "Wir haben das Postamt gerettet", sagt Högl. Im heurigen Sommer, als die Schließung der Post erneut ruchbar wurde, schrieb Högl wieder Briefe - an den Bundeskanzler, die Post-Zentrale, die Volksanwaltschaft. Högl setzte alle Hebel in Bewegung, aber seit die Regierung den Postmarkt liberalisierte, wie es die EU wollte, fährt Högls Protestmaschine im Leerlauf. Denn das Postamt in Dornbach ist allem Anschein nach defizitär. Und es gibt jetzt einen Partner.

"Als alle Nein gesagt haben, waren wir die, die gesagt haben: Ok, wir machen's!", sagt Eva Becker, rote Lippen, schwarze Leggings, die Schere in der einen, eine Haarsträhne in der anderen Hand. "Es wollte sich sonst keiner antun." Bald wird Becker außer waschen, schneiden und föhnen auch Briefmarken verkaufen und Pakete einsammeln. Ihr Laden liegt im Neuwaldegger Einkaufszentrum, gleich neben dem Postamt. Die Wand, an der der Schminktisch und die Spülbecken stehen, wird sie durchbrechen lassen, den Salon vergrößern und die Haarschneidestube zum "Day-Spa-Zentrum" auffrisieren: Kosmetik, Nagelstudio, Massage, Frisör, Postschalter - das gibt's dann alles unter einem Dach.

Arbeiterkammer prüft Postpartner

Becker wäre Österreichs erste Frisör-Postpartnerin; ihr Salon ist ein kleiner Teil eines großen Plans: Innerhalb des nächsten Jahres will die Post die Zahl ihrer Partner um rund 250 aufstocken, 1500 werden es dann insgesamt sein. Gleichzeitig plant sie, die Anzahl der eigenen Ämter von 623 auf 500 zu drosseln. Unterm Strich also: Weniger Ämter, mehr Geschäftsstellen. Die Post verkauft das als "mehr Service". Die Dornbacher Bürgerinitiative befürchtet das Gegenteil. Laut Arbeiterkammer (AK) zurecht.

Im Sommer testete die AK 20 Postpartner in Salzburg, Ende November präsentierte sie die Ergebnisse: Zwar lassen Postpartner ihre Kunden nicht lange warten und informieren freundlich, aber teils beraten sie schlecht, ihre Mittagspausen sind oft zu lang und manche halten sich nur halbherzig ans Postgeheimnis. Eineinhalb Jahre zuvor kam die AK Tirol zu einem ähnlichen Ergebnis. "Wenn schon ausgelagert wird, dann muss die Grundversorgung trotzdem in vollem Umfang sichergestellt sein", mahnt der Salzburger AK-Präsident Siegfried Pichler.

Seifenblasen und Pakete

In Dornbach werde es keinen Unterschied zu früher geben, "der Kopierer bleibt da und ein kleines Sortiment an Marken und Papierkram", versichert Frisörin Becker. "Wir machen alles, was die Post jetzt auch macht. Außer den Bankdienst." Den Kunden, Anrainern und Geschäften in der Umgebung erweise sie mit der Übernahme des Postgeschäfts einen Dienst, Politiker von SPÖ und Grünen hätten ihr bereits gratuliert. "Wenn das Einkaufszentrum belebt ist, ist es für alle ein Vorteil - nicht nur für mich."

Nicht jeder Dornbacher sieht in Beckers Postpartnerschaft eine Heldentat. Im Gegenteil: Die Frisörin hat nun auch Feinde. Frau Horak zum Beispiel. Für die eifrige Stimmeneintreiberin passen die beiden Begriffe Postgeheimnis und Frisörsalon nicht zusammen. "Beamte unterliegen der Schweigepflicht - das ist das Wichtigste. Beim Frisör wird getratscht", sagt Horak. "Es wäre unangenehm, wenn die Seifenblasen vom Shampoo durch die Luft fliegen, wenn ich mit den Packerln reingehe", sagt der Mann, den Horak vor dem Postschalter zwischen Sonderbriefmarken-Stand und Glückwunschbillets für ihre Sache gewinnen will. Die Duftschwaden, die Beckers Frisörsalon durchziehen, sorgen in Dornbach für dicke Luft.

Entscheidung im Dezember

Frau Becker ist erbost. "Das ist ein Witz, dass die Leute nichts anderes zu tun haben, als auf uns hinzupecken, ohne zu wissen wie es abläuft", sagt die Frisörin. Sie sei nicht Schuld daran, dass das Amt schließe, das Postgeschäft werde sie natürlich nicht im Salon abwickeln, es werde auch einen eigenen Eingang zur Poststelle geben. "Wir würden sonst ja alle Kunden vergrämen."

Noch in diesem Monat wird die Post Control Kommission Klarheit schaffen, sie prüft, ob die Post ihr Amt in Dornbach-Neuwaldegg schließen darf. Die Kommission ist weisungsfrei, ihr Urteil gilt - die Unterschriftenliste von Frau Horak wird darauf ebenso wenig Einfluss haben wie der Postpartner-Vertrag von Frau Becker, den sie im Oktober unterschrieben hat. Während die Post mit ihrem Plan ein Packerl voll Unfrieden nach Dornbach gebracht hat, gibt es am Ende des Tages doch noch eine positive Meldung: Der Konzern konnte sein Betriebsergebnis in den ersten drei Quartalen um 15 Prozent steigern. (Benedikt Narodoslawsky, derStandard.at, 2.12.2011)

  • Franziska Horak hat hunderte Unterschriften für den Erhalt des Postamtes
 gesammelt, ihr Gesicht will sie aber lieber nicht in die Kamera zeigen.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Franziska Horak hat hunderte Unterschriften für den Erhalt des Postamtes gesammelt, ihr Gesicht will sie aber lieber nicht in die Kamera zeigen.

  • Erstmals in Österreich könnte ein Frisörladen Postpartner werden.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Erstmals in Österreich könnte ein Frisörladen Postpartner werden.

  • Soziologe Hans Högl hat viele Unterlagen und Zeitungsberichte zur Postamtschließung 
gesammelt. Vor wenigen Jahren war sein Kampf erfolgreich, nun könnte der Widerstand scheitern.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Soziologe Hans Högl hat viele Unterlagen und Zeitungsberichte zur Postamtschließung gesammelt. Vor wenigen Jahren war sein Kampf erfolgreich, nun könnte der Widerstand scheitern.

  • Wie dieses Gasthaus haben in Dornbach-Neuwaldegg in den vergangenen 
Jahren viele Betriebe geschlossen, jetzt fürchten manche Bewohner um das 
Postamt.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Wie dieses Gasthaus haben in Dornbach-Neuwaldegg in den vergangenen Jahren viele Betriebe geschlossen, jetzt fürchten manche Bewohner um das Postamt.

  • Eva Becker wird im nächsten Jahr nicht nur Haare schneiden, sondern sich auch um die Post von Dornbach kümmern.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Eva Becker wird im nächsten Jahr nicht nur Haare schneiden, sondern sich auch um die Post von Dornbach kümmern.

  • Der Friseursalon soll zum "Day-Spa-Zentrum" umgerüstet werden.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Der Friseursalon soll zum "Day-Spa-Zentrum" umgerüstet werden.

  • Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer zeigt, dass die Postpartner bei 
Beratung, Service und Einhaltung des Postgeheimnisses unter den 
Erwartungen der Kunden bleiben.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer zeigt, dass die Postpartner bei Beratung, Service und Einhaltung des Postgeheimnisses unter den Erwartungen der Kunden bleiben.

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