Schuldenbremse

Rechnungshof präsentiert 599 Einsparungsvorschläge für die Regierung

1. Dezember 2011, 07:47
  • Sparvorschläge des Rechnungshof im Detail

Mehr Eifer bei Verwaltungsreform, Sanktionen bei Schuldenbremse, transparentes Rechnungswesen bei Ländern und Gemeinden

Wien - Die Regierung will im Zuge der Schuldenbremse in den kommenden Jahren mehrere Milliarden Euro einsparen. Wie sie das tun könnte, kann sie nun in einem aktuellen Positionspapier des Rechnungshofes nachlesen. Darin sind nicht weniger als 599 konkrete Vorschläge für eine schlankere und effizientere Verwaltung enthalten. RH-Präsident Josef Moser mahnte anlässlich der neuen Publikation von der Politik mehr Eifer bei der Verwaltungsreform ein. In Hinblick auf die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern in Sachen Schuldenbremse vermisste er Sanktionen und ein transparentes Rechnungswesen bei Ländern und Gemeinden.

Das aktuelle Positionspapier des RH ist bereits das dritte seiner Art. Das erste wurde im August 2007 herausgegeben und enthielt 206 Reformvorschläge. Im März 2009 kam eine aktualisierte Auflage heraus. Nun liegt eine um neue Empfehlungen erweiterte dritte Auflage vor. Darin sind 599 konkrete Vorschläge enthalten, 453 davon beziehen sich auf RH-Berichte aus den Jahren 2009 bis 2011. In diesem Zeitraum war die Verwaltungsreform ein Schwerpunkt der Prüftätigkeit. Die Vorschläge sind auch in die Arbeitsgruppe zur Verwaltungsreform eingeflossen. Was noch fehlt, "ist der konkrete politische Wille, diese Reformen auch umzusetzen", sagte Moser.

"Verspielen die Zukunft"

Der RH-Präsident forderte daher einmal mehr Handlungen ein. Ohne strukturelle Reformen sei "die finanzielle Nachhaltigkeit nicht gewährleistet", mahnte Moser. "Wenn wir jetzt keine Reformen machen, verspielen wir die Zukunft und engen den Spielraum unserer Kinder massiv ein." Die Arbeit in der Arbeitsgruppe zur Verwaltungsreform habe gezeigt, "dass einiges angestoßen werden konnte, aber die großen Problemfelder nicht angegangen worden sind". Das seien Reformen beim Förderwesen, bei Gesundheit, Bildung, Verwaltung und dergleichen. Konkret wurden bei elf Arbeitspaketen von den Experten für sechs Lösungsvorschläge gemacht. Politische Umsetzungen gab es nur in zwei Bereichen und das auch nur teilweise.

"Wie notwendig das allerdings ist, zeigt die Diskussion um die Schuldenbremse", so Moser. Diese sieht nämlich bis zum Jahr 2017 eine Reduktion des strukturellen Defizits (= die um den Effekt von Konjunkturschwankungen bereinigte Neuverschuldung des Staates) auf 0,35 Prozent des BIP bzw. etwa 1,7 Mrd. Euro vor. 2010 betrug dieser Wert neun Mrd. Euro. Es müssen also 7,3 Mrd. Euro abgebaut werden. Der aktuelle Stabilitätspakt sieht eine Reduktion bis 2014 um 2,7 Mrd. Euro, bis 2017 fehlen also noch 4,6 Mrd. Euro.

"Festlegung von Sanktionen"

Das bedeute, dass man in der ersten Hälfte nicht ambitioniert genug sei und damit Probleme in der zweiten Hälfte bekommen werde, so Moser. Er betonte dabei, dass die Reformmaßnahmen rasch gesetzt werden müssen und keine der Gebietskörperschaften ausgenommen werden dürfe. Dazu seien vor allem bei Ländern und Gemeinden ein Haushaltsrecht, das die wahre finanzielle Lage offenlege, sowie eine Mittelfristplanung nötig. Es sei gut, dass man sich zur Schuldenbremse bekannt habe, "aber es fehlen klare Regelungen in Hinblick auf ein harmonisiertes Rechnungswesen, eine Mittelfristplanung, einen Abbauplan und die Festlegung von Sanktionen", so Moser mit Blick auf die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern. "Das Bekenntnis zur Schuldenbremse erfordert auch eine inhaltliche Ausfüllung des Rahmens", so Moser.

Bund, Länder und Gemeinden haben sich auf das Festschreiben von Verschuldungsgrenzen geeinigt. Die Länder haben sich allerdings geweigert, das Haushaltsrecht des Bundes zu übernehmen, das eine mehrjährige Vorschau beinhaltet. Auch wird es keine Solidarhaftung der Länder untereinander geben. Sanktionen sind vorerst auch keine vorgesehen.

"Der Bürokratie entkommt in Österreich keiner"

Die aktualisierten Vorschläge zur Verwaltungsreform gehen aber nicht nur in Richtung Einsparungen, sondern sollen vor allem die Effizienz steigern, die Transparenz erhöhen, die Qualität verbessern und auch die Bürgernähe stärken. Der Rechnungshof hat dabei konkrete Beispiele gebracht, um zu zeigen, "dass Österreich nicht in der Lage ist, effizienten Mitteleinsatz und Schuldenabbau zu betreiben, wenn die Reformen nicht angegangen werden", so RH-Präsident Josef Moser. Denn: "Die Verwaltung geht in die Richtung sich selbst zu verwalten und nicht zu gestalten."

Spartipps für die Regierung

  • Weniger Polizeiinspektionen

Im Rechnungshof-Vorschlag stehen  Anregungen, wie die Schuldenbremse mit Leben gefüllt werden kann, etwa beim Thema Sicherheit. So gibt es in Wien 96 Polizeiinspektionen, zu viele laut Rechnungshof. Das im Vergleich mit der Einwohnerzahl gleich große München kommt mit 25 Polizeiinspektionen aus. Der Rechnungshof schlägt daher für Wien pro Bezirk eine Zentralinspektion vor. Damit könnten 287 Exekutivbeamte mehr auf der Straße für Sicherheit sorgen. Denn auch hier ist München weit vor Wien: Zwei Drittel der Dienstzeit sind die Münchner Kollegen auf Streife. In Wien ist es nicht einmal die Hälfte.

  • Weniger Spitalsbetten

Sparpotenzial wird wenig überraschend auch im Spitalsbereich gesehen. So sind die Kosten für die stationäre Gesundheitsversorgung regelrecht explodiert - von 2,8 Milliarden Euro im Jahr 1998 auf fünf Milliarden im Jahr 2009. Es gibt nach wie vor zu viele Standorte und vor allem zu viele Akutbetten. Während im EU-Durchschnitt auf eintausend Einwohner 3,8 Akutbetten kommen, hat Österreich hier 6,4 bei gleichzeitig deutlich kürzerer Verweildauer. Der Rechnungshof fordert hier ein bundesweit einheitliches Abrechnungsmodell, denn derzeit kostetet ein Bett in jedem Krankenhaus unterschiedlich viel.

  • Bürokratische Familienförderung

Derzeit gibt es laut Rechnungshof 117 verschiedene familienbezogene Leistungen in Österreich. Alleine im Bund sind sieben verschiedene Ministerien mit der Auszahlung befasst. Rund neun Milliarden Euro werden pro Jahr für Fördermaßnahmen rund um die Familie ausgegeben. Ob die Gelder angesichts dieser Bürokratie auch wirklich dort ankommen wo sie gebraucht werden, bezweifelt der Rechnungshof.

  • Bildung

Für die land- und forstwirtschaftlichen Schulen sind zwei Ministerien zuständig. Das Landwirtschaftsministerium stelle die Lehrer an und ernenne die Direktoren. Das Unterrichtsministerium sei für den Unterricht und Lehrplan verantwortlich, verfüge dabei aber nicht über alle benötigen Informationen. Ein besonders drastisches Beispiel ist die Forstfachschule in Waidhofen an der Ybbs. Diese Schule ist per Verfassungsbestimmung als Bundeseinrichtung definiert, ist dabei eine nur einjährige Schule und hat im Schuljahr 2009/2010 lediglich 42 Schüler gehabt. Das zeige, dass oft "Machtinteressen" und das Erhalten von Strukturen im Vordergrund stehen und nicht die Vermittlung von Wissen, so Moser.

  • Natur

Und selbst die Natur bleibt von der Bürokratie nicht verschont. So durchläuft selbst die Zuständigkeit und Finanzierung eines einzigen Flusses mehrere Stationen - vom Umwelt- über das Verkehrsministerium bis zur Landesregierung. "Der Fluss zeigt, dass in Österreich keiner der Bürokratie entkommt." Selbst vom "kleinen Flüsslein bis zum Grenzfluss" seien mehrere Ministerien mit dem Wasser befasst. "Damit hat auch der Fluss, das Wasser in Österreich die Chance, die Verwaltung und den Föderalismus im vollen Ausmaß kennenzulernen", so Moser. (APA/red, derStandard.at, 1.12.2011)

Positionspapier des Rechnungshofes: Verwaltungsreform 2011

Kommentar posten
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hiergeborener
11
1.12.2011, 16:55

Am besten gleich mal mit dem Amerlinghaus anfangen.

guenne2
30
1.12.2011, 16:49
jetzt LIF

dieses schauspiel in österreich wird immer unerträglicher. jeder intelligente mensch ist eingeladen, beim aufbau einer alternative für die nächste wahl mitzuhelfen: www.liberale.at

Cara3
00
1.12.2011, 17:12

Sorry, aber aufgrund dieser website kann man sich überhaupt kein Bild von den Protagonisten machen. Genauer Lebenslauf? konkrete Tätigkeiten? Bei manchen steht gar nix..... Das ist nicht professionell.

Kondratjew -Zyklus
 
00
1.12.2011, 16:24
Und jährlich grüßt das Murmeltier.

Österreich neu gründen
03
1.12.2011, 15:11
Was die Bundesländer angeht: Wenn man die, in Zukunft noch unwichtigeren Bundsländer schon nicht abschaffen kann (feige Regierungen), dann sollte diese ein sofortiges Schuldenverbot verordnet bekommen.

Die Länder bekommen ihr Geld aus dem FAG, haben keine eigenen Steuerhoheit.
Die Finanzlandesräte verzocken das Geld der Steuerzahler - und sind noch auf freiem Fuß.
Dazu passt wunderbar die Meldung, das Österreich immer korrupter wird.

Marie Juana
00
1.12.2011, 15:07
Ich dachte...

...bis vor dem Start dieser Diskussionen immer, dass "sparen" bedeutet, Mittel, die ich zur Zeit habe, nicht zu verwenden?! Da hab ich wohl den Bericht vom EU-Linguistik-Unterausschuss nicht mitbekommen, in dem die Änderung der Bedeutung dieses Begriffs beschlossen wurde...

Truth is a Troll
00
12.1.2012, 13:45

stimmt nicht,
sparen heißt auch das du zb. das high speed internet abbestellst für ne günstigere leitung wenn es nicht lebenswichtig für dich ist.

Bäwägung klingt akademischer als Bewegung
01
1.12.2011, 14:39
Es geht nicht darum Ideen für eine Verwaltungsreform zu präsentieren, sondern diese auch politisch durchzusetzen.

Greifen wir ein Beispiel heraus: "Dienst- und besoldungsrechtliche Unterschiede zw. Bundes- u. Landeslehrer"
OK - können wir beseitigen. Die Regierung würde sich mit der Gewerkschaft rasch einigen, wenn aus beiden Systemen die Rosinen herausgepickt würden und das neue, bessere und teurere Dienstrecht für beide Gruppen gelten würde.
Alles andere ist in der Praxis nicht politisch durchsetzbar.
Bei Einsparungen im Bereich der Politik tun sich die Beteiligten ebenfalls schwer, wer will sich schon wegrationalisieren?

tgaog
02
1.12.2011, 14:14

ich will nicht wissen wie viel millionen die länder und gemeinden - weil grad aktuell - in kleine und mittelgroße schigebiete stecken, die trotzdem negativ bilanzieren und mittelfristig ohnehin zusperren müssen, weil sie zu tief liegen

Nutze den Tag
116
1.12.2011, 14:06
Blablabla (599 Diskusionsgrundlagen)

Statt 599 Drei der wichtigsten sofort:
1) Pensionen bei € 3.000/M deckeln.
2) Bundesrat abschaffen.
3) Landesregierungen einsparen.

Bäwägung klingt akademischer als Bewegung
61
1.12.2011, 14:55
Daraus schließe ich:

- Sie sind eher jung (max. 40)
- Sie sind kein Bundesrat und kein Politiker
- Sie sind nicht im öffentlichen Dienst.
Warum ich das erwähne? Weil ALLE Leute immer Einsparungsvorschläge machen, von denen sie nicht betroffen sind.

blub7
00
1.12.2011, 17:55
warum?

ich bin für studiengebühren obwohl ich wohl betroffen wäre

Nutze den Tag
01
1.12.2011, 17:18

Bin 59.
Kein Bundesrat (sonst würde ich mich abschaffen), kein öffentlich Bediensteter, gegen die ich prinzipiell nichts habe und kein Berufspolitiker.
ÜBRIGENS:
Ich bin dagegen, dass in der Stmk die öffentlich Bediensteten (Krankenschwestern, Straßenmeisterei,...,) diese hart arbeitenden Menschen keine Lohnerhöhung bekommen, aber Pensionen über €3.000.- für die Upperclass im öffentlichen Dienst und das sind zigtausende, gezahlt werden.

Fraho
00
1.12.2011, 18:02
Lohnerhöhung ???

Das wird niemals eine Lohnerhöhung, sondern maximal eine Anpassung mit Reallohnverlust!
Daher ALLE den gleichen Fixbetrag als Teuerungsabgeltung!!

gxe10sc
00
1.12.2011, 15:16

ich falle in die von Ihnen angesprochene Gruppe.

und würde es begrüßen zur abwechslung mal nicht zum handkuss zu kommen wenns ums sparen geht.

blub7
00
1.12.2011, 17:57

wo ist jemals jemand aus dieser gruppe auch nur annähernd so zum handkuss gekommen wie die leute in der privatwirtschaft?

peace & love
01
1.12.2011, 14:55
so einfach wäre das.

und auch die herrschaften vom rechnungshof könnten gleich mit gutem beispiel vorangehen und alle kündigen, weil ihre 599 sorgsam erarbeiteten vorschläge von der regierung nicht mal ignoriert werden ...

weit gefehlt! stattdessen werden sie nächstes jahr mit 987 vorschlägen wieder hier stehen ...

Chien de Pique
41
1.12.2011, 14:55

Demokratieabbau pur also. Als ob wir so viel davon hätten...
Abgesehen davon wäre ein Ende des Bundesstaatscharakters der dramatischste Umbruch in der Verfassung seit der Ausrufung der Republik.
Irgendwelche Provinzregierungen, zumindest als Spitzenbeamte, brauchen Sie überdies auch im Zentralismus.

Nutze den Tag
01
1.12.2011, 17:38

wir hätten dann noch die Bezirkshauptmannschaften und Bürgermeister.

Hier von Demokratieabbau zu reden ist schon kühn, denn der Unsinn der in der jetzigen Struktur wuchert ist zum wiehern.
Beispiel Abgasmessgerät:
Um in Österreich mit einem Gerät zu messen braucht das Gerät 9! Akkreditierungen. Von bauordnung und Jugnedschutz gar nicht zu reden.
Das alles ist Arbeitslosengeld auf höchstem Niveau, sonst nichts!

Alois Schwarz
00
1.12.2011, 16:47
Spindelegger selbst hätte nichts dagegen Souverenitätsabstriche in Richtung EU zu machen - Stichwort Wirtschaftsregierung.

Da sind die Landtage und der Bundesrat so etwas von überflüssig. Wir machen uns mit unserer Legislative nur lächerlich.

Fraho
02
1.12.2011, 15:22
da habens nicht mitbekommen

dass wir seit über 10 Jahren der EU angehören, die über 80 % der Gesetze vorgibt, aber Österreich leistet sich für 8 Mill. EW ganze 9 Gesetzgebungen inmitten der 500 Mill. - wenn man sparen will, dann da, denn diese 9 Landeskaiser braucht niemand!!

Fraho
00
1.12.2011, 15:20
seit wir der groß

Eswa Mi
02
1.12.2011, 13:40
Die Bürger können diesbezüglich auch aktiv werden

http://www.verwaltungsreform-jetzt.at/

chem
05
1.12.2011, 13:33
Eindlich ein radikale Verwaltungreform und Reduzierung des Beamtenwahnsinns !!

N. Ruhen
00
1.12.2011, 13:32
Wenn die Entscheidung schwer fällt,...

...wo man anfangen soll, könnten ja die Vorschläge in einen Hut geworfen werden und jede Regierungspartei darf einen Vorschlag ziehen, wobei dann natürlich alle Regierungsparteien dazu verpflichtet sind alles Notwendige zu tun, um diese auch zügig umzusetzen. Damit könnte man sich schon mal eine Menge an Diskussionen im Vorfeld ersparen. Aber ich schätze, das ist dann doch zu simpel. ;-)

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