Die Wiener ÖVP sucht den Super-Praktiker

30. November 2011, 20:02
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Othmar Karas hat den Posten bereits wieder abgelehnt, derzeit gilt Manfred Juraczka alsaussichtsreichster – und einziger – Kandidat

Wien - Es ist ja nicht so, dass in der Wiener ÖVP die Suche nach einem Parteichef jemals ohne öffentlich ausgetragene Querelen und Intrigen vonstatten gegangen wäre. Sobald sich ein Stadtschwarzer aus der Deckung wagt und Interesse bekundet, wird er schneller abgesägt, als er "Obmann" sagen kann. Wie sich jetzt zeigt, hält die Wiener ÖVP an dieser schönen alten Tradition fest, egal, wie mies es der Partei geht oder ob es echte Alternativen gibt.

Othmar Karas, der Leiter der ÖVP-Delegation im EU-Parlament, ist nur das jüngste Beispiel, wie die Wiener Schwarzen mit Obmann-Interessenten umgehen. Klar, bei den Bedingungen, die Karas im Standard formuliert hatte, werden etliche in der Partei geschluckt haben: Ein volles Durchgriffsrecht bei der Personalauswahl, das Bekenntnis zu einem modernen Pro-Europa-Kurs sowie die Möglichkeit, direkt bei der Wiener Partei Mitglied zu werden, ohne gleich der ÖVP beitreten zu müssen. Eine Funktion in der Wiener Stadtregierung oder in der Bundesregierung forderte Karas ebenfalls, dafür sei er auch bereit, sein EU-Mandat aufzugeben.

Die Antwort aus Wien erfolgte prompt. Die interimistische Parteichefin Gabriele Tamandl, die mit Karas Gespräche geführt hatte, war über Karas‘ Vorstoß "not amused" . Er habe sich damit "keinen guten Dienst erwiesen". Karas ließ am Dienstag schließlich über einen Sprecher ausrichten, er stünde als möglicher Parteichef nun nicht mehr zur Verfügung.

Dabei hatte es seit dem Rücktritt von Christine Marek als VP-Chefin im September so ausgesehen, als würde es die Wiener ÖVP diesmal schaffen, die Obmann-Debatte nur intern und nicht über die Medien zu führen. Allerdings liegt der Verdacht nahe, dass man sich deshalb so bedeckt halten konnte, weil die Anzahl der Bewerber überschaubar ist.

Während in anderen Parteien um den Chef-Sessel gefightet wird, kämpft bei der Wiener ÖVP jeder darum, nicht darauf Platz nehmen zu müssen - wird doch mit dem Absägen postwendend begonnen. Das hat auch Christine Marek zu spüren bekommen, die gegen ihren Willen vom damaligen Bundesparteichef Josef Pröll nach Wien beordert worden war. Bei ihrem Abgang im September sagte sie, dass ihr die "Angriffe aus den eigenen Reihen" geschadet hätten.

Hundstrümmerl-CSI

Klubchef Fritz Aichinger spricht freilich unverdrossen von einem Interessentenkreis, den man auf drei Namen eingrenzen möchte. Bloß fällt derzeit auch Partei-Insidern auf die Schnelle nur ein Name ein: Manfred Juraczka. Dieser ist im September Wolfgang Gerstl als nicht-amtsführender Stadtrat nachgefolgt, nachdem Gerstl ebenso in den Nationalrat gewechselt ist wie Marek. Kommunalpolitisch ist der Hernalser Juraczka davor erst einmal aufgefallen: 2005 hatte er eine Art Hundstrümmerl-CSI gefordert - Gentests sollten die Gackerl-Übeltäter überführen.

Kommenden Montag sollen im Parteivorstand die Obmann-Weichen gestellt werden - obwohl nun nicht einmal mehr klar ist, ob der Termin überhaupt hält, wie es am Mittwoch in der VP hieß. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.12.2011)

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    Partei-Insidern fällt auf die Schnelle nur ein Name für den Posten des Wiener ÖVP Chefs ein: Manfred Juraczka.

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