Onegins Mieder, Marthes Garten

30. November 2011, 21:24
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Alvis Hermanis inszeniert an der Berliner Schaubühne Puschkin

Berlin - Puschkin, das klingt nach russischer Seele. So wie Tschechow nach jenen Landgütern, von denen aus gesehen Moskau am anderen Ende der Welt liegt. Alvis Hermanis ist zwar kein Russe, aber als lettischer Regisseur dennoch so nahe dran am Charisma der zelebrierten Langeweile einer ganzen Gesellschaft, dass es bei ihm ziemlich russisch aussieht. In seinem Platonov am Akademietheater ging ein lebensimitierender Wort-Landregen auf ein Meisterstück des atmosphärischen Bühnenbildhandwerks nieder und ließ es zum vermeintlich "authentischen" Tschechow-Landgut schlechthin werden.

An der Berliner Schaubühne hat Hermanis jetzt Alexander Puschkins (1799-1837) berühmtes, außerhalb Russlands vor allem in Tschaikowskis Opernversion bekanntes Versepos Eugen Onegin auf die Bühne gebracht. Tilman Strauß und Sebastian Schwarz als Onegin und Lenski, Eva Meckbach und Luise Wolfram als Tatjana und Olga sowie Robert Beyer als der Dichter selbst und im Bedarfsfall auch als Sekundant des unglücklichen Lenski lassen sich einerseits ohne jede Zerstörungswut in den Rhythmus von Ulrich Buschs behände nachgedichteter Vers-Romantik fallen. Das klingt manchmal so, als sei das Landgut der Larins Marthe Schwerdtleins Garten.

Zugleich wird mit der schmunzelnden Distanz einer sich klüger dünkenden Nachwelt immer wieder allerlei Wissenswertes eingeflochten: über damalige Hygienezustände und Umgangsformen, über den Tagesablauf eines Dandys oder die Arten der Damen der besseren Gesellschaft, in Ohnmacht zu fallen. Dazu hat Andris Breibergs historisch anheimelndes Mobiliar auf einem schmalen Streifen an der Rampe über die gesamte Bühnenbreite verteilt.

Leben im Breitwandformat

Das Lebensumfeld der Akteure im Breitbandformat. Darüber immer wieder eingeblendet: Zeitgenössisches von damals zur Illustration. Damit hält Hermanis zwar sich (und uns) das romantische Pathos Puschkins ein Stück weit auf Distanz. Doch die fünf Schauspieler verwandeln sich nach und nach durch Aufstülpen von Perücken und das Anlegen historischer Kostüme ihre Rollen an.

Weil sie offenkundig mit ihrem Text und seinem Rhythmus sympathisieren, findet auch diese Variante von Hermanis' atmosphärischem Neorealismus ihren ganz eigenen Sound. (jola/DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2011)

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