Streik gegen Rente mit 67

30. November 2011, 19:20
3 Postings

Öffentlicher Dienst in Großbritannien lahmgelegt

London - Mit einem landesweiten Streik haben am Mittwoch bis zu zwei Millionen öffentliche Bedienstete in Großbritannien gegen die geplante Reform der Pensionskasse protestiert. Bis zu 80 Prozent aller Staatsschulen blieben geschlossen, rund 6000 Operationen mussten verschoben werden, viele Uni-Vorlesungen fielen aus.

Bibliothekare, Krankenschwestern und Lehrerinnen demonstrierten zu Tausenden ihren Unmut, den Finanzminister George Osborne am Dienstag noch verstärkt hatte, indem er dem öffentlichen Dienst für zwei weitere Jahre reale Einkommensverluste verordnete. "Manchmal muss man deutlich machen, dass man nicht alles hinnimmt", sagte Mark Serwotka von der PCS-Gewerkschaft. Premier David Cameron wies im Unterhaus auf die noch laufenden Verhandlungen hin und sprach von "unverantwortlichem Vorgehen" der Gewerkschaften.

Die geplante Reform geht auf den früheren Labour-Sozialminister John Hutton zurück. Demnach sollen öffentlich Bedienstete in Zukunft länger arbeiten und deutlich mehr Beiträge bezahlen. Zusätzlich sollen Renten und Pensionen nach dem Durchschnittseinkommen während des Berufslebens berechnet werden, statt wie bisher nach dem letzten Gehalt.

Die gute Altersversorgung galt lange Jahre als Ausgleich dafür, dass Angestellte im öffentlichen Dienst in ihrem Berufsleben weniger verdienten als Mitarbeiter in der Privatwirtschaft. Dieses Verhältnis hat sich in 13 Jahren Labour umgekehrt. Auch haben viele Privatfirmen ihre großzügigen Firmenrenten abgeschafft.

Berechnungen des Versicherungsstatistikers Hymans Robertson zufolge, würden Geringverdiener wegen komplizierter Ausgleichszahlungen künftig besser dastehen; die Bezieher mittlerer und hoher Einkommen, darunter alle Lehrer, müssten hingegen Einbußen hinnehmen. Bisher können Grundschullehrerinnen nach 35 Berufsjahren mit 60 Jahren in den Ruhestand treten.

Steigendes Defizit

Anders als noch im Sommer beteiligten sich diesmal auch gemäßigte Gewerkschaften an dem Ausstand. Dazu gehörte erstmals in ihrer 114-jährigen Geschichte die Berufsvertretung von Schuldirektoren (NAHT). In den Streik zu treten sei "die schwierigste Entscheidung meines Berufslebens" gewesen, sagte NAHT-Mitglied Sue Foster-Agg. Die Leiterin einer Grundschule in Birmingham sorgt sich um ihre jüngeren Kolleginnen und die künftige Attraktivität des Lehrerberufs.

Die Regierung verweist auf die ständig steigende Lebenserwartung, mit der die Einzahlungen in die Lehrer-Pensionskasse nicht Schritt halten. Das vom Staat zu bewältigende Defizit werde bis 2016 auf zehn Mrd. Pfund steigen und weiter stark wachsen, sagte Schul-Staatssekretär Nick Gibb. Aus dem gleichen Grund wird das Rentenalter für alle schon 2026 statt erst 2036 auf 67 erhöht. (Sebastian Borger, DER STANDARD, Print-Ausgabe; 1.12.2011)

Share if you care.