Falstaff trifft nicht nur Otello

30. November 2011, 19:09
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Regisseur Christoph Marthaler verpasst Giuseppe Verdi im Rahmen einer Operncollage einen Herzschrittmacher und eine Überdosis Beruhigungsmittel. Applaus für ein szenisches Rästel

Christoph Marthaler ist eine Schweizer Marke mit Theaterweltgeltung. Wenn er nicht gerade eine Vorlage - wie etwa in Salzburg Janáèeks Sache Makropoulos - in sein Universum eingemeindet, dann folgen seine Stücke, Kreationen oder Bühnenzusammenkünfte vor allem ihren eigenen Gesetzten. Inklusive ausgefeilter Musikdramaturgie.

Ob man das, was dabei herauskommt, nun als Aufputsch- oder als Beruhigungsmittel betrachten kann, sei dahin gestellt. Selbst der Marthaler'sche Slapstick hat sich von der schenkelklopfenden Klappstuhlnummer von einst längst in eine Melange aus Beine-Verdrehen, Vor-die-Wand-Laufen oder In-der-Wiederholungsschleife-Feststecken entwickelt. Das setzt mehr auf ein gelassenes Schmunzeln über den Alltagsnonsens und hat dem Wiedererkennungseffekt mehr zu danken, als dem unmittelbaren Angriff auf das Zuschauerzwerchfell.

Insofern sind seine Stücke für den pessimistisch gestimmten Gegenwartsmenschen immer auch eine Art künstlerischer Herzschrittmacher. Und das Neueste heißt auch noch so: Lo stimolatore cardiaco. Was auf Italienisch viel schöner klingt, als der medizintechnische deutsche Terminus, bei dem man das Minigerät förmlich vor Augen hat.

Die Musik und das Leben

Marthaler ist aber auch ein Großmeister des Decrescendo; der Bewegung, der Musik und des Lebens. Davon vor allem handelt seine jüngste Inszenierung, die er (auch italienisch) "Zwischenlösung mit Übertiteln in Deutsch und italienischer Musik von Giuseppe Verdi" nennt, und die, musikalisch gesehen, als ausgedünnte Verdi-Collage durchgehen könnte. Im Arrangement von Jan Czajkowski gibt es neben Häppchen aus Otello, Falstaff, Trovatore, Traviata und Luisa Miller auch Mini-Sequenzen aus drei geistlichen Kompositionen.

Dazwischen immer wieder gesprochene Texte und gelegentliche Übertitel mit sinnfreien Kapiteleinteilungen. All das steht - mehr oder weniger - in einem Zusammenhang (oder Gegensatz) miteinander und zu dem, was man auf der Bühne sieht.

Auf die hat Duri Bischoff ein mehrstöckiges Treppenhaus gebaut. Es führt über eine Treppe mit Geländer in einen gekachelten Kellerraum, in den das Sinfonieorchester Basel verfrachtet wurde. All das könnte eine Behörde sein. Oder ein Krankenhauses. Am Anfang wird ja ein Fisch obduziert, der wohl an dem Zivilisationsmüll verendet ist, den ein Mann zu Tage fördert. Was durchaus etwas bedeuten könnte. Oder auch nicht.

Kunstvoll einknicken

Die Marthaler-Menschen sind bei ihrer merkwürdig schaumgebremsten Verdi-Exkursion von Sarah Schittek mit leidlich elegantem Retroschick ausstaffiert worden, sie laufen herum, laufen aneinander vorbei oder vor die Wand, knicken kunstvoll ein oder stehen bedeutungsvoll an der Rampe. Sie springen sich an oder verknoten sich. Und erleben oder erleiden dabei möglicherweise so etwas wie das Entschwinden der Musik und damit wohl auch des Lebens.

Den Musikauftakt, den geben Bendix Dethleffsen und Giuliano Betta noch als eifriges Dirigentenduo. Den langen Bart, den sie dabei tragen, entfernen sie sich gegenseitig, wenn sie aus ihrer effektvollen Wiederholungsschleife mit Takten aus Verdis Falstaff endlich entkommen sind. Doch da beginnt schon das Verlöschen, das Verlangsamen, das Verstummen. Verdis Musik wird so zu einem Nachhall mit immer weniger Musikern.

Bis zu einem einzelnen Cello am Ende. Und der Erkenntnis, dass man in zwei Marthaler-Stunden schon weit mehr hintergründigen Lebenshumor zu beschmunzeln hatte. Beifall war den exzellenten Protagonisten freilich dennoch sicher.   (Joachim Lange aus Basel  / DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2011)

  • Christoph Marthalers seltsame Menschen im einem mit Verdi-Klängen beschallten Raum.
    foto: theater basel / tanja dorendorf

    Christoph Marthalers seltsame Menschen im einem mit Verdi-Klängen beschallten Raum.

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