Marrokos neuer Premier Abdelillah Benkirane

30. November 2011, 19:38
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Ein radikaler Politiker schlägt moderate Töne an

"Taube oder Falke?" beziehungsweise: "Doktor Abdelillah und Mister Benkirane" - so lauten zwei Schlagzeilen in der marokkanischen Presse, nachdem König Mohammed VI. den Generalsekretär der islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), Abdelillah Benkirane, zum neuen Premier ernannt hatte. Der Werdegang des 57-jährigen Physikers lässt beide Sichtweisen zu.

Der Sohn einer einfachen Familie aus Rabat näherte sich in jungen Jahren zuerst der historischen Unabhängigkeitspartei Istiqlal, machte später einen Schwenk hin zu den Sozialisten, bevor er schließlich bei der islamistischen Bewegung Schabiba Islamiya landete. Die klandestine Gruppe machte Front gegen die Linke an den Hochschulen - auch mit Gewalt. König Hassan II., der Vater des heutigen Monarchen, und dessen allmächtiger Innenminister Driss Basri ließen sie gewähren, bis sie 1975 einen Schritt zu weit ging, und einen Gewerkschafter ermordete.

Das Regime reagierte mit einer doppelten Strategie. Zum einen wurden mehrere Führer der Gruppe verhaftet - auch Benkirane machte zweimal mit der Polizei Bekanntschaft -, zum anderen versuchte Basri einen Teil der Radikalen ins System einzubinden. Benkirane ließ sich darauf ein.

Da ein Antrag auf Parteigründung abgelehnt wurde, schloss er sich Ende der 1990er-Jahre der Partei eines palastnahen Politikers an, die bald zur heutigen PJD wurde. 1997 trat sie erstmals bei Wahlen an. Die Islamisten präsentierten sich auf Absprache mit dem Innenministerium nur in einigen Wahlkreisen, das sollte bis 2007 so bleiben.

Am vergangenen Freitag kandidierte die PJD, deren Generalsekretär Benkirane seit 2008 ist, erstmals flächendeckend und wurde mit 107 von 395 Abgeordneten stärkste Partei.

Radikaleren Islamisten gilt Benkirane als Verräter, der sich an den König verkauft hat. Im Wahlkampf gab sich der Vater von sechs Kindern moderat. Er wetterte gegen Korruption und Arbeitslosigkeit, verschonte aber die Monarchie. Die "Verwestlichung Marokkos", gegen die Benkiranes Parteipresse gern schimpft, spielte ebenso eine untergeordnete Rolle wie Koran-Zitate.

Seine weltlichen Kritiker nehmen Benkirane den neuen Diskurs nicht ab. Sie erinnern immer wieder an seine zahlreichen Skandale und Skandälchen. Eine dieser Episoden spielte sich 2001 im Parlament ab: "Geh nach Hause und zieh dich ordentlich an!", forderte Benkirane eine westlich gekleidete Kamerafrau auf. Reiner Wandler

 

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