Licht und Schatten der neuen Handelsgehälter

30. November 2011, 18:46
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Für die einen ist er gerade noch akzeptabel, für die anderen schwer verdaulich. Auf mehr Gegenliebe stößt die Anrechnung der Karenz

Wien - Durch den Handel geht eine Welle der Erleichterung. Vier Anläufe brauchte es, um sich auf den Kollektivvertrag für die Angestellten zu einigen. Die Gewerkschaft sorgte mit ihren angedrohten Protestmaßnahmen bei vielen Mitarbeitern nicht gerade für Begeisterung, erzählen Betriebsräte: Gerade vor Weihnachten wollten sie ihre Kunden nicht zwischen den Fronten der Sozialpartner sehen.

Der Verhandlungsmarathon am Dienstag zog sich über 14 Stunden - sieben Stunden wurde ohne Unterbrechung im kleinsten Kreis gerungen. In der Hitze des Gefechts stand mehrmals ein Abbruch im Raum. Bis sich rund eine Stunde nach Mitternacht eine Lösung für das kommende Jahr abzeichnete.

Die Eckpunkte: Die 520.000 Angestellten erhalten ab 2012 um im Schnitt 3,6 Prozent höhere Mindestlöhne. Die ursprüngliche Forderung der Gewerkschaft lag bei 4,2 Prozent, während die Arbeitgeber 2,9 Prozent boten. Einen linearen Abschluss, auf den die Arbeitnehmer gedrängt hatten, gibt es nicht, die Unternehmer setzten Differenzierungen durch: Wer weniger als 1500 Euro brutto verdient, erhält einen Fixbetrag von 50 Euro, für einzelne Gehälter bedeutet das ein Plus von bis zu 3,8 Prozent. Wer darüber liegt, für den steigt der Mindestlohn um 3,5 Prozent. Lehrlinge erhalten um 3,9 Prozent höhere Entschädigungen. Den Handel kostet die Anpassung alles in allem 650 Millionen Euro.

Die Gewerkschaft zeigte hingegen beim Rahmenrecht auf. Das Urlaubsgeld gibt es ab 2012 schon Ende Juni. Bei der Karenz für das erste Kind wie für die Hospiz werden künftig zehn Monate als Berufszeit angerechnet. Das gilt für die Einstufung im Kollektivvertrag, als auch für die Berechnungen des Jubiläumsgelds. Entkoppelt ist es nunmehr von der Dauer der Betriebszugehörigkeit, was die starke Fluktuation im Handel berücksichtigt.

Je nach Einstufung bedeutet das nach der Karenz 200 bis 500 Euro brutto mehr auf dem Gehaltskonto, rechnet die Gewerkschaft vor. Die Unternehmen selbst sind sich ob der Kosten noch ungewiss. Gut drei Prozent der Frauen gingen im Handel jährlich in Karenz, im Einzelfall stiegen ihre Löhne künftig um etwa ein Prozent, sagt Arbeitgeber-Verhandler René Tritscher.

Für den Abschluss mussten viele Klippen umschifft werden, resümiert er, und es habe sich nicht nur an Prozentsätzen gespießt. "Es war eine Einigung in letzter Minute." Dass der hohe Abschluss der Metaller hereinstrahlte, habe die Sache erschwert. Letztlich sei es aber ein eigenständiges Paket geworden. Seine Bilanz: "Ein gerade noch akzeptabler Abschluss."

Franz-Georg Brantner, Chefverhandler der Gewerkschaft, sah seine Kollegen und sich gefordert wie noch nie. Als Erfolg wertet er vor allem die Anrechnung der Karenzmonate. "Das hat eine Riesenqualität für alle Dienstverhältnisse."

Aus Sicht des Handelsexperten des Instituts für Höhere Studien, Helmut Hofer, kam eine deutliche Reallohnerhöhung heraus, bei der auf das schlechtere konjunkturelle Umfeld Rücksicht genommen worden sei. "Ein verantwortungsvoller Abschluss." Mit den Metallern sei der Handel allein wegen seines höheren Personalkostenanteils, der geringeren Kapitalintensität und Produktivität nicht vergleichbar. Es dürfe auch nicht vergessen werden, dass der Handel zuletzt viele Jobs geschaffen habe. "Je höher die Löhne, desto geringer ist die Beschäftigungsquote."

"Nur alle zwei Jahre"

Die Konjunktur sei für den Handel klar schlechter als für die Industrie, sagt Peter Schnedlitz von der Wirtschaftsuni Wien. Die Betriebe könnten froh sein, wenn sie heuer Gewinne schrieben. Die Anrechnung der Karenzzeit sei aber eine wichtige, notwendige Geste: US-Studien zeigten, dass die gute Stimmung unter Mitarbeitern Impulsgeber für die Umsätze sei.

"Erstaunlich hoch und hart verdaulich" sind die 3,6 Prozent höheren Gehälter für den Handelsverband-Präsidenten Stephan Ma- yer-Heinisch. "Das dient nicht gerade der Förderung von Arbeitsplätzen." Er plädiert dafür, Kollektivvertragsrunden nur noch alle zwei Jahre anzusetzen. Lob streut er dafür, dass "endlich das Thema der Karenz angegangen wurde".

Auch IHS-Experte Hofer kann diesem Gutes abgewinnen. Wenngleich zu viele Anreize für die Karenz wieder kontraproduktiv seien und Chancen am Arbeitsmarkt reduzierten, wie er zu bedenken gibt. Die Anrechnung der zehn Monat mache Frauen Mut zu Kindern, entgegnet Gewerkschafterin Margit Pfatschbacher. "Wir müssen damit aufräumen, dass nach dem zweiten Kind Schluss mit der Karriere ist." (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe; 1.12.2011)

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    Der Weihnachtsfrieden in Österreichs Handel ist für heuer gesichert. Seine 520.000 Angestellten erhalten im kommenden Jahr im Schnitt um 3,6 Prozent höhere Mindestgehälter.

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