Über den Kampf im Rampenlicht

30. November 2011, 18:32
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Laut Studie treten Burnout und Depression im Spitzensport häufiger auf als erwartet

Wien - Drei persönliche Tragödien innerhalb weniger Tage rückten zuletzt die Diskussion über einen möglicherweise zu großen Leistungsdruck im Profisport wieder in den Blickpunkt. Am vergangenen Sonntag hatte sich der walisische Fußball-Nationaltrainer Gary Speed in seiner Garage erhängt. Nur einen Tag davor versuchte sich ein belgischer Schiedsrichterassistent das Leben zu nehmen. Auch der deutsche Referee Babak Rafati überlebte seinen Suizidversuch. Rafati führte Leistungsdruck und Depressionen als Ursache für seine Tat an.

Eine vom deutschen Sportwissenschafter Ansgar Thiel 2010 veröffentlichte Studie legt den Schluss nahe, dass im Spitzensport gehäuft Fälle von Burnout und Depression auftreten. Fast die Hälfte der 700 befragten Athleten und Athletinnen gab an, Phasen von Ausgebranntsein und Kraft-losigkeit durchgemacht zu haben. Mehr als ein Fünftel klagte über gelegentliche Depression und Melancholie. "Man kann nicht sagen, dass Burnout im Spitzensport ein dominantes Thema ist", sagt Thiel dem Standard. "Aber es kommt häufiger vor als erwartet. Mit der Normalbevölkerung sind die Zahlen nicht zu vergleichen."

Der Direktor des Instituts für Sportwissenschaften der Uni Tübingen verweist andererseits darauf, dass sich Sportler in der Studie zum Großteil als gesund einstufen und ihr Leben als sinnvoll erachten. "Im Vergleich zur Normalbevölkerung waren viel bessere Werte feststellbar."

Die scheinbare Diskrepanz führt Thiel auf die Fokussierung auf den Sport zurück. "Um im Leistungssport gut zu sein, muss ich alles investieren. Leistungssportler können viel gewinnen, verlieren aber auch wahnsinnig viel, wenn sie sich - durch Verletzung, Formtief, Rücktritt - aus dieser Situation herausbegeben."

Für Österreich gibt es laut der Sportpsychologin Andrea Engleder noch keine Studien über Burnout und Depression im Spitzensport. "In meiner praktischen Arbeit konnte ich in den letzten Jahren jedenfalls keine Häufung feststellen", sagt die 32-Jährige.

Mehr Zulauf erwünscht

Im Bundesnetzwerk Sportpsychologie (ÖBS) werden mehr als 370 Athleten und 150 Trainer betreut. Themen sind neben Beratung in kritischen Lebenssituationen auch psychologisches Training oder Teamentwicklung. Engleder würde sich mehr Zulauf wünschen. "Sportpsychologie sollte fixer Bestandteil der Be-treuung werden. Nicht nur, um Erkrankungen zu behandeln, sondern um Burnout und Depressionen zu verhindern."

Der Ex-Eishockeystar Brantt Myhres, der mit Alkohol- und Drogensucht kämpfte, sprach als einer der wenigen Sportler über seine Ängste. "Es ist einer der härtesten Jobs im Sport", sagte der NHL-Spieler. "Die Leute sehen, dass dich 20.000 Fans anfeuern. Sie sehen nicht die dunklen Zeiten, sie sehen dich nicht zusammengerollt in einem Zimmer, mit Todesangst vor dem nächsten Kampf." (David Krutzler, DER STANDARD Printausgabe 1.12.2011)

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